Blau gegen Blau gegen Blau

17. September 2002, 18:49
20 Postings

Vor dem Parteitag ringen die rivalisierenden FPÖ-Lager um Etappensiege - Von Eva Linsinger

Szenen aus dem blauen Politkabarett vom Dienstag.

Die Szene der misslungenen Verschwörungstheorie: Die total schwere Bedrohung durch die Waffenlobby, mit der Jörg Haider seinen Rückzug vom Comeback erklären und mit der er sich wieder einmal zum Opfer stilisieren wollte, hat er sinnvollerweise nicht dem Innenministerium, sondern den TV-Zuschauern mitgeteilt. Zusätzlich unglaubwürdig wird die Geschichte dadurch, dass selbst Mitarbeiter des Haider-loyalen Sozialministers Herbert Haupt den Drohanruf im Ministerium, von dem Haider sprach, nicht bestätigten.

Die Szene des Kommunikationschaos: Total ernst versichern die verbliebenen FPÖ-Granden, dass sie im Präsidium eine Reihe überaus qualifizierter Obmannkandidaten besprochen hätten. Nur der Wiener FPÖ-Chef Hilmar Kabas konnte von dieser Sprachregelung nicht verständigt werden. Hatte er doch Dienstag beim Spitzelprozess Verpflichtungen und plauderte aus der blauen Schule, dass es mit Mathias Reichhold nur einen einzigen Kandidaten gab.

Szene eins ist ein weiteres Kapitel aus dem dicken Buch der Haider-Grotesken. Dass es sich so schlecht liest, zeugt vom Grad der Haiderschen Verzweiflung. Szene zwei ist symptomatisch für den desaströsen Zustand der FPÖ: Nach stundenlangen mühevollen Parteisitzungen wäre mit Infrastrukturminister Reichhold der kleinste gemeinsame Nenner gefunden - ist doch Reichhold durch seine Arbeit als Minister Teil des Riess-Passer-Lagers, einerseits. Andererseits aber auch Kärntner. Blöd bloß, dass diese fleischgewordene Kompromisslösung sich zierte, die Kandidatur anzunehmen.

Seine familiären Bedenkgründe in Ehren - es ist nicht das erste Mal, dass sich Reichhold als höchst unsicherer Kantonist erwies. Vor eineinhalb Jahren verabschiedete sich der damalige Kärntner Vizelandeshauptmann aus der Politik - um Monate später als Minister zurückzukehren. Noch kürzer waren die Zyklen seines "bin schon weg, bin wieder da" während der FPÖ-Krise: Vor einer Woche kündigte er, mit Zeitverzögerung, seinen Rücktritt an - um nun doch mit dem Job des Parteichefs zu liebäugeln.

Ein langer Atem war bisher alles andere als eine herausragende Eigenschaft Reichholds. Ob der Biobauer geeignet wäre, den völlig verfahrenen FPÖ-Karren aus dem Dreck zu ziehen, wäre ohnehin mehr als fraglich. Denn rasche Erfolgserlebnisse, wie sie notorische Jobwechsler brauchen, sind im Scherbenhaufen FPÖ nicht zu erhoffen.

Immerhin wäre Reichholds Obmannkandidatur eine taug- liche Überbrückung bis zum erwartbaren parteiinternen Messerwetzen nach der Wahl. Gleichzeitig bedeutet der Regierungspolitiker Reichhold eine Schwächung des totaloppositionellen FPÖ-Flügels, der gern das Blaue vom Himmel verspricht und gegen alle Umsetzer Sturm rennt - auch die der eigenen Partei. Mit seiner Nominierung wäre das FPÖ-Realo-Lager gestärkt und der Riess-Passer-Flügel neu formiert.

Denn der dritte Flügel, das stramm nationale Fundi-Lager (erkennbar am Schmiss), hat mit dem erzwungenen Rücktritt des oberösterreichischen FPÖ-Chefs Hans Achatz eine Etappenniederlage erlitten. Da kann Achatz noch so lieb lautere Motive wie Sorge um die Einheit der FPÖ vorschützen - die Einheit der Partei war ihm in Knittelfeld egal, nun muss er die Rechnung für den Putsch bezahlen. Er könnte nicht das letzte Putschopfer gewesen sein: Wird doch gemunkelt, dass der Achatz-Rücktritt eine Bedingung für Reichholds Antritt war, dem weitere Rücktritte folgen könnten.

Mit drei Flügeln fliegt es sich schlecht. Damit steht die FPÖ schon am Parteitag am Samstag vor ihrer nächsten Zerreißprobe. Denn die Knittelfelder Rebellen sind zwar vor Schreck verstummt und ihres Idols Haider kurz beraubt, aber deshalb nicht aus der FPÖ verschwunden. Und dass sie eine jähe Liebe zum konstruktiven Regierungskurs befallen hätte - das ist so unwahrscheinlich wie ein Ende der blauen Grotesken.

(DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.