Osteuropa stärkster Wachstumsraum der Welt

17. September 2002, 19:27
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Wirtschaftliche Schwächen verstellen den Blick auf die Wachstumsdynamik des Ostens

Salzburg – "Acht der zehn wachstumsstärksten Länder seit 1997 liegen in Mittel- und Osteuropa", sagte Marianne Kager, die Chefvolkswirtin der Bank Austria-Creditanstalt beim Weltwirtschaftsgipfel (World Economic Forum, WEF) am Dienstag. Damit sei diese Region in den vergangenen fünf Jahren stärker gewachsen als die Emerging Markets in Asien und Lateinamerika, konstatiert eine umfangreiche Studie der BA-CA.

2003 soll das Wachstum noch höher ausfallen, die Länder der Region sollen sich wieder ihrem Potenzialwachstum zwischen vier und 4,5 Prozent nähern. Für die zehn am meisten fortgeschrittenen Länder der Region erwartet die BA-CA 2003 eine Steigerungsrate von 3,3 (2002: 2,2) Prozent, angeführt von den drei baltischen Ländern mit 4,9 (4,2) Prozent. Besonders dynamisch soll auch das Wachstum der sieben Länder Südosteuropas ausfallen, deren jüngere Vergangenheit vom Krieg belastet war: Für sie haben die BA-CA-Experten 4,2 (nach 3,4) Prozent Wachstum errechnet. Diese Entwicklung sei in einer Mischung aus stabilitätsorientierter Wirtschaftspolitik und Umstrukturierungen begründet, so Kager. Die Inflation sei in den MOEL (Mittel-, Osteuropäische Länder) in fünf Jahren von durchschnittlich 50 auf fünf Prozent geschrumpft. Das Einkommensniveau sei seit 1997 um 29 Prozent gewachsen, während es in Asien um fünf, in Lateinamerika sogar um 13 Prozent sank.

Kräftige Investitionstätigkeit

Negative Auswirkungen der schwachen Konjunktur in der Eurozone würden weitgehend durch eine kräftige Investitionstätigkeit kompensiert. Zwischen 1997 und 2003 dürften sich die Auslandsinvestitionen auf 90 Mrd. EURO belaufen, was 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht (Lateinamerika 15 Prozent, Asien ohne China sechs Prozent).

Dank einer hohen Investitionsquote von 26 Prozent konnte die Region die Wachstumsstagnation der Eurozone nicht nur überstehen, sondern dort sogar ihre Marktanteile steigern. Die MOEL erhöhten ihre Exporte in den Euroraum um 15 Prozent, obwohl die Gesamtimporte in diesem Raum stagnierten. Zusammen übersteigen die MOEL-Exporte bereits die gesamte Indus-trieproduktion des größten EU-Landes Deutschland.

Österreich profitiert

Die EU-Osterweiterung werde das Wirtschaftswachstum in Österreich um zehn bis 20 Prozent beschleunigen und damit einen "enormen Effekt auf die Entwicklung des Wohlstandes haben", erklärte Montagabend der Generaldirektor der Erste Bank bei einem Vortrag in Wien. Österreich werde mehr als die anderen EU-Länder durch die neuen Mitglieder profitieren.

Allerdings werde die heimische Infrastruktur in diesem Zusammenhang noch zu einem "massiven Problem" werden, das kaum gelöst werden könne. Die Versäumnisse der vergangenen 20 Jahre hätten irreparable Schäden zur Folge. So etwa werde das europäische Eisenbahnnetz über Tschechien, Slowakei und Ungarn an Österreich vorbeigehen. "14 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs braucht man mit dem Zug von Wien nach Bratislava länger als vor 100 Jahren", kritisierte Treichl. (spu, APA, DER STANDARD, Printausgabe 18.9.2002)

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