Französisch-frostiges Anheizen

17. September 2002, 08:47
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"Herzig": Bohnenstangen-Mädchen und viele Babys bei der Fashion Week

Nenn es Zirkus, nenn es Theater, das in immer schnelleren Rhythmen vorgibt, was zu tragen ist - obwohl die "high street shops" à la H & M entweder alle die gleichen Requisiten hervorkramen (beige-braune Schnürlsamtflut) oder eben wirklich Trends in Windeseile umsetzen. Eigentlich geht es sowieso nur um die Etablierung von Labels.

Theater in seiner ursprünglichen Form kam bei der London Fashion Week von einer, die aus der Branche kommt: von der Schauspielerin Sadie Frost, der Frau an der Seite von Jude Law. Ihre zuerst auf Unterwäsche konzipierte, mit ihrer Jugendfreundin Jamime French gegründete Firma FrostFrench machte in kürzester Zeit Furore und katapultierte sich quasi in alle exquisiten Geschäfte Londons.

Nicht weil die Wäsche so exklusiv anders ist, sondern weil auch Kate Moss sie propagiert hatte. Mit ihrer Schwangerschaft passt sie gut ins System von FrostFrench. (Werdende) Mütter als Modedesigner hat das Business kaum gesehen. Auch nicht die Anzahl von Kindern und Babys in der Schau im romantischen Open-Air-Theater im Regents Park. Das bukolische Ambiente und die Lässigkeit der angeheiterten Künstlertypen zeigte, dass Babys mehr als das von Strickhefterln aller Art propagierte "ultimative Accessoire" sind.

Dafür aber der FrostFrench-Babygurt? Zwischen künstlichen Maulwurfshügeln und auf den Schriftzug FrostFrench getrimmten Hecken stolzierten ca. 15-jährige Bohnenstangen-Mädchen mit pastellfarbenen mädchenhaften Chiffon-Spitzen- oder Satinkleidern und machten auf "jetzt heizen wir dem Publikum/den Fotografen ein" - von vielen als "herzig" akklamiert. Wären die Designer Männer, hätte man ihnen sicher Sexismus vorgeworfen.

Bevor das Modeszepter quasi an New York weitergeht, das die die 11.-September-Härte mit Luxusscheinwelten nicht kreuzen wollte, stieg - nach Burberry vor einigen Jahren - eine weitere britische Traditionsfirma aus der Asche: Pringle of Scotland. Auch hier das Rezept: Neben Besinnung auf die Wurzeln Facelifting durch einen jungen Designer. Wie wird das distinguierte Pringle-Klientel auf Hotpants mit Firmenlogo reagieren? Am besten verdecken. Mit drei Kilo Perlenketten. (DER STANDARD, Printausgabe 17.09.2002)

Doris Krumpl aus London
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