Kommentar der anderen: Weltweiter Streit um Genfood

16. September 2002, 21:02
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Das Sprichwort "Du bist, was du isst" lässt zwei Deutungen zu ...

Das Sprichwort "Du bist, was du isst" lässt zwei Deutungen zu. Es fordert auf, sich gesund zu ernähren. Und es erinnert daran, dass Nahrung ein wesentlicher Bestandteil kultureller und religiöser Identität ist. Das, was wir zu uns nehmen, ist tief mit unserer Geschichte verwurzelt.

Die Entwicklung der europäischen Haltung gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln und Pflanzen reflektiert den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Identität. Seit April 1990, als das Europäische Parlament die ersten Richtlinien über die Verwendung und Verbreitung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) verabschiedete, ist die öffentliche Meinung feindseliger geworden. Weshalb?

Vor sieben Jahren forderte der Präsident der Europäischen Kommission die Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien (ich war damals Mitglied dieser Kommission) auf, die "ethischen Aspekte der Kennzeichnung von Nahrungsmitteln, die aus der modernen Biotechnologie stammen", zu untersuchen. In unserem Bericht vom Mai 1995 räumten wir der Nahrungsmittelsicherheit absolute ethische Priorität ein und riefen dazu auf, die Kommerzialisierung von fragwürdigen Produkten zu verhindern. Ferner sei es erforderlich, genetisch veränderte Lebensmittel zu kennzeichnen.

"Die moderne Biotechnologie an sich, als eine Technik der Nahrungsmittelherstellung, kann nicht als ethisch oder unethisch bezeichnet werden." Unsere Feststellung schien mir zunächst harmlos genug. Aber als ich sie bei der Veröffentlichung des Berichts den versammelten Journalisten gegenüber wiederholte, provozierte ich Empörung. Ich erkannte sofort, dass der Widerstand gegen gentechnisch verändertes Saatgut und Essen genauso viel mit sozialen und politischen Werten wie mit Fragen der Gesundheit und Sicherheit zu tun hat. Ein offener internationaler Dialog wäre also erforderlich, um zu einem besseren Verständnis der europäischen Meinungsverschiedenheiten mit den USA und mit anderen Ländern der Welt auf diesem Gebiet zu gelangen. Solche Diskussionen könnten dazu beitragen, gegenwärtige Kontroversen über den "Codex Alimentarius" (Nahrungsmittelstandards der Weltgesundheitsorganisation und der UN-Organisation für Nahrung und Landwirtschaft) beizulegen, die EU-Verordnung zur Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Organismen auf den Weg zu bringen und die Anwendung der Vorschriften der Welthandelsorganisation durchzusetzen.

Europa gegen Biotechnologie

Zwei Fragen verdienen besondere Aufmerksamkeit: Warum widerstrebt es uns Europäern, im Gegensatz zu den Amerikanern, so sehr, die Biotechnologie zu akzeptieren? Warum muss das Thema der GVO als ein globales behandelt werden? Anders als in den USA betont die Information über GVO in Europa mehr die Risiken als die Vorteile. Staatliche Beratungsbehörden in Großbritannien, den Niederlanden und Frankreich haben kürzlich auf zusätzlichen Vorschriften bestanden, um negativen Nebenwirkungen von GVO auf die Gesundheit der Verbraucher vorzubeugen (auf die Allergiegefahr hinzuweisen). Amerikaner verstehen nicht recht, warum Europäer auf Beschränkung bestehen und werfen der EU Bio-Protektionismus vor.

Europäer sind zweifellos grundsätzlich pessimistischer als Amerikaner, wenn es um Fortschritt geht. Die Ereignisse der letzten Zeit scheinen sie in dieser Haltung noch zu bestärken. Nach den verschiedenen Seuchenkatastrophen - zuerst BSE, dann die Maul-und Klauenseuche - herrscht eine große Unsicherheit, gerade wenn es um Nahrungsmittel geht. Europäische Verbraucher werden sich außerdem ihrer Rechte bewusst, und die Landwirte haben zunehmend Angst vor der Abhängigkeit von internationalen Konzernen. Beides sind Symptome einer tiefergehenden Sorge um Werte und Prioritäten: Welche Umwelt wollen wir, welche Rolle spielt die biologische Vielfalt, inwieweit sind wir risikofreudig und welchen Preis sind wir bereit, für Regulierung zu bezahlen?

Außerhalb Europas hat die Revolution der gentechnisch veränderten Nahrungsmittel noch eine ganz andere Bedeutung: 800 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt. Sind die GVO ein Segen oder ein Fluch für diese Menschen? Ich glaube, dass das Problem der Unterernährung armer Länder wenig mit Technik oder Entwicklung zu tun hat.

Wie der Nobelpreisträger für Wirtschaft, Amartya Sen, darlegt, entsteht Hunger nicht aus einem Lebensmitteldefizit, sondern aus einem Demokratiedefizit. Aber auch in diesem Fall kann die Biotechnologie, wenn die politischen Ursachen für Hungersnot beseitigt sind, in der Landwirtschaft und in der Lebensmittelproduktion eine Rolle spielen und einen Beitrag zu mehr Wohlstand und wirtschaftlichem Fortschritt leisten.

Doch zunächst müssen wir die politischen Faktoren angehen, die den meisten Missverständnissen zwischen Amerika und Europa zugrunde liegen. Mehr als alles andere ist mit einem wachsenden ökologischen Bewusstsein zu rechnen. In Europa und über Europa hinaus sind die GVO emblematisch geworden für die starken wirtschaftlichen Ängste, die die Globalisierung hervorruft. In vielen Ländern protestieren Landwirte und Umweltschützer gemeinsam gegen Versuche mit genmanipuliertem Saatgut und sabotieren sie auch. Die Aversion gegen GVO steht symbolisch für eine Opposition gegen die Übermächtigkeit von Marktkräften, die eine Welt schaffen, in der Traditionen, kulturelle Identität und soziale Notwendigkeiten keinen Platz haben. Ob diese Wahrnehmung der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt, es ist aber nicht verwunderlich, dass eine Auseinandersetzung über die Zukunft der Nahrung eine Schlüsselposition einnimmt in einer Auseinandersetzung mit unserer Identität. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 9. 2002)

Europäer hegen ein tiefes Misstrauen gegen genetisch veränderte Nahrungsmittel und Pflanzen. Die USA verstehen nicht, warum die EU auf Beschränkungen besteht. Daneben leiden 800 Millionen Menschen an Unterernährung.

Kommentar der anderen von Noëlle Lenoir

Noëlle Lenoir ist französische Europaministerin und Bioethik-Expertin.

© Project Syndicate
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