Transitrouten, musikalisch

16. September 2002, 21:11
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Das zweite Festivalwochenende von "Klangspuren" und "Transart"

Nahkampfübung bei der Armee: Die beiden stehen sich auf Armlänge gegenüber, Aug in Aug, die Pistolen sind exakt auf die Schläfe des Anderen gerichtet. Man zuckt kurz zusammen, wähnt sich am falschen Ort, wenn man beim Eintreten in die Franzensfeste unvermutet auf diese Szene trifft - immerhin befinden wir uns auf militärischem Sperrgebiet der italienischen Armee. Am Wochenende jedoch hatten die südtiroler Transart und die Schwazer Klangspuren die Festung übernommen, die Performerin Marina Abramovic hatte sie mit Studierenden ihrer Akademie-Klasse besetzt. Die nahmen den unwirtlichen Ort als Herausforderung für Kunst-Aktionen.

Später dann im Gewölbe eines unterirdischen Munitionsdepots die schattenhaften Klänge eines Streichquartetts von Giorgio Netti und eine Uraufführung von Georg Friedrich Haas, in vollständiger Dunkelheit - das exzellente Kairos-Quartett und das Publikum einander und dem düsteren Ort ausgeliefert. In jener Nacht heißt das Stück, ein fortgesetzter Versuch tastender Kommunikation.

"In der Zusammenarbeit von Transart und Klangspuren erweitern wir unseren Aktionsradius entlang der vielgeplagten Transitstrecke über den Brenner hinab nach Süden bis Valsugana. Dabei ist auch das Benutzen gänzlich kunstfremder Orte ein Aspekt von Grenzüberschreitung", sagt Peter Paul Kainrath, Initiator von Transart und mit Thomas Larcher künstlerischer Leiter der Klangspuren.

Das Konzept der beiden scheint aufzugehen: Ohnehin gibt es bei den Klangspuren nirgendwo die Mauer zwischen Künstlern und Publikum. Jederzeit kann man in den Pausen die Komponisten auf ihre Werke ansprechen, und diese Möglichkeit nutzen nicht nur "Experten".

Die international mit Spannung erwartete Uraufführung Hin zur Flamme für großes Orchester, szenische Aktion und Lichtkonzept des Exilkubaners George Lopez wurde aber ein Reinfall, keine der Komponenten des "Gesamtkunstwerks" war auch nur handwerklich auf akzeptabler Höhe. Marina Abramovic bot ein uninspiriertes Tableau.

Bestens funktioniert hat dagegen die erstmalige Zusammenarbeit des österreichischen Komponisten Wolfgang Mitterer und des japanischen Tänzers Saburo Teshigawara samt seiner fünfköpfigen Tanztruppe. In einer Versteigerungshalle präsentierten sie eine minutiös durchgearbeitete, atemberaubende Choreographie mit Musik von Xenakis und Mitterer. Wobei wieder der diesjährige Schwerpunkt Japan sichtbar wurde - den man ansonsten wohl am wenigsten bei der Swarowski Musik Wattens vermutet hätte: Diese vorzügliche Blaskapelle spielte bei ihrer Sonntagsmatinee neben Hindemiths Konzertmusik für Blasorchester auch die Uraufführung eines Bläserkonzerts des japanischen Nachwuchskomponisten Yoshifumi Tanaka. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.9.2002)

Von Christoph Hahn aus Schwaz
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