Präventive Notwehr" des "verwundeten Riesen"

16. September 2002, 11:43
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Bieten wir zur Abwechslung eine etwas andere Deutung an ... ein Kommentar der anderen von Roger Köppel

Bieten wir zur Abwechslung eine etwas andere Deutung an: Die Amerikaner wollen den Irak angreifen, weil sie Angst haben. Sie haben Angst vor einer Wiederholung terroristischer Attacken. Sie fühlen sich bedroht von einem geisteskranken Herrscher, der seinen Wüstenstaat zu einem Durchgangsheim für Bombenleger und Brunnenvergifter aufrüsten könnte.

Sie sind zutiefst verängstigt, seitdem ihre Geheimdienste und Armeen von einer mit Japanmessern bewaffneten Studententruppe ausgehebelt wurden. Der Amerikaner hat das Bild verschreckter Kongressmitglieder nicht vergessen, als das Land in einer Art Großverwirrung versank durch den Briefverkehr mit Todesviren. Die Amerikaner strotzen nicht vor Arroganz. Die Kampfrhetorik der Anti-Vietnam-Bewegung geht am Sachverhalt vorbei. Das Land ist ein verwundeter Riese, der zu Wiederherstellung seines Weltvertrauens einen Akt der präventiven Notwehr wagt.

Man mag dem mit guten Gründen skeptisch gegenüber stehen. Nur etwas vergessen sollte man nicht: Auch unter Bush sind die USA kein Schurkenstaat. Sie gehören zu den verlässlichsten Demokratien des Westens. Sie haben vermutlich mehr internationale Konflikte beendet als begonnen. Und selbst wenn sie ihre Feinden zur Vernunft bomben mussten - man hat es ihnen später, zähneknirschend, meist gedankt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2002)

Roger Köppel ist Chefredakteur der Schweizer "Weltwoche". Der zitierte Text stammt aus seinem jüngsten Editorial - einer Replik auf die "Debatte um den amerikanischen Weltpolizisten".
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