Im Endspurt kommen die Untergriffe

13. September 2002, 18:29
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Die Kurvenfahrt der Wahlumfragen in den letzten Wochen ist rasant und in der Geschichte der deutschen Demoskopie fast beispiellos - Mit Grafik

Berlin - Der Amtsinhaber ließ dem Herausforderer am Freitag beim Rededuell im Bundestag den Vortritt: Edmund Stoiber ließ sich nicht lange bitten und schritt - gewappnet mit der gleichen Krawatte wie beim TV-Duell - zum Rednerpult. Zuerst ging er mit staatsmännischer Miene auf die Irak-Rede von George Bush ein. Stoiber betonte, dass er sich mit UN-Generalsekretär Kofi Annan, mit dem er "ausführlich telefoniert" habe, einig gewesen sei, wie wichtig die Anerkennung des Primats der UN gewesen sei.

Dann ging er gleich in den frontalen Angriff auf Bundeskanzler Gerhard Schröder über: "Vor einem Jahr haben Sie den Schulterschluss mit Amerika versprochen. Heute machen Sie mit antiamerikanischen Stimmungen Wahlkampf." Der CSU-Politiker fügte hinzu: "Statt die notwendigen Gespräche mit den Verbündeten zu führen, schüren Sie Kriegsängste und ziehen damit über Marktplätze." Stoiber warf Schröder weiters vor, er beantworte Fragen, die sich gar nicht stellten. Denn es läge keine Anfrage auf Beteiligung der Bundeswehr vor. "Sie beantworten aber nicht die Fragen, die das deutsche Volk an Sie stellt."

Zuwanderung

Damit war Stoiber bei seinem Kernthema Arbeitslosigkeit. Erstmals im Wahlkampf griff Stoiber auch das Thema Zuwanderung auf, was darauf schließen lässt, dass dies in den nächsten Tagen bis zur Wahl eine stärkere Rolle spielen wird. "Deutschland kann nicht mehr Zuwanderung verkraften", sagte er mit Blick auf die Arbeitslosensituation. "Sie haben kein Erkenntnisproblem, Sie haben ein Durchsetzungsproblem", griff Stoiber Schröder an.

Der Bundeskanzler griff den Fehdehandschuh auf und griff erstmals in diesem Wahlkampf seinen Herausforderer persönlich an. "Sie wollen vielleicht Kanzler werden, aber Sie haben nicht die Fähigkeiten dazu." Er bezeichnete Stoibers Rede als "Mischung aus Hilflosigkeit und Aggression". Nach einem Blick über die Reihen der Unionsabgeordneten setzte der SPD-Politiker spöttisch nach: "Viele fragen, wären wir mit Angela Merkel nicht besser gefahren. Diese Frage wird noch leise intoniert, aber sie wird stärker werden."

"Heiße Luft"

Er warf Stoiber vor, nur "heiße Luft" zu reden, während sich die rot-grüne Regierung um die reale Bedrohung kümmere. Unmissverständlich machte er klar, dass die Rede von US-Präsident George Bush nichts an seiner Haltung geändert habe. "Meine Argumentation gegen eine militärische Beteiligung bleibt bestehen." Selbstkritisch räumte Schröder jedoch ein, dass die Regierung ihr Ziel, unter 3,5 Millionen Arbeitslose bis zur Wahl zu kommen, nicht erreicht habe.

Dem Duell der Kanzler schloss sich jenes der Vizekanzler an, wobei FDP-Chef Guido Westerwelle, der für sich den Titel Kanzlerkandidat in Anspruch nimmt, in die Rolle von Stoibers Verteidiger schlüpfte: Für ihn waren die Angriffe Schröders auf seinen Herausforderer "unter der Gürtellinie". Westerwelle warf dem Bundeskanzler Feigheit vor, weil dieser US- Präsident Bush seine Kritik nicht persönlich vortrage.

Der grüne Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer ging im staatsmännisch vorgetragenen Teil auch auf Bushs Rede ein: "Meine Sorgen sind nicht geringer geworden. Ich sehe keine wesentlich neuen Fakten, was die Bedrohungsanalyse angeht." Dann wechselte er in die Rolle des Wahlkämpfers und attackierte Stoiber, dass dieser sich nun "wieder mehr in Lederhose denn mit Laptop" zeige. Fischer erhielt den stärksten Applaus des Tages. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.9. 2002)

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    Rot oder Schwarz - beide Parteien haben Gegner, die ihnen mit inbrünstiger Abneigung gegenüber stehen. Bei den persönlichen Sympathiewerten liegt Schröder aber vor Stoiber.

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Noch 8 Tage bis zur Wahl
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