Umfragedaten so spannend wie ein Krimi

13. September 2002, 17:12
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Meinungsforscher sehen alles in Bewegung: Absturz der FPÖ, keine grüne Sensation, ÖVP könnte Erster werden

Wien - "So etwas habe ich als Meinungsforscher seit Jahren nicht mehr gesehen", sagt Peter Ulram von Fessel GfK. Das als ÖVP-nah geltende Institut hat diese Woche dramatische Veränderungen der Umfragewerte gemessen. Demnach liegen ÖVP und SPÖ beinahe gleichauf. Die Sozialdemokraten seien leicht vorne, aber das bewege sich innerhalb der Schwankungsbreite, so Ulram im STANDARD-Gespräch.

Das wird von Ifes (gilt als SPÖ-nah) nicht bestätigt. Dort liegt die SPÖ "deutlich vorne", berichtet Imma Palme. Die Situation sei jedoch absolut instabil. "Die Umfragen sind morgen schon Makulatur." Gusenbauer sei derzeit durch die mediale "Bilderflut", in der man ständig einen "besonnenen Kanzler" sehe, benachteiligt. Umgekehrt besitze Schüssel keinen Kanzlerbonus - bei der Abfrage aller vier Parteien gegenüber den vier Spitzenkandidaten liege er nie über der Volkspartei.

Könnte die ÖVP Erster werden? Palme: "Alles ist möglich, außer, dass die FPÖ dazu gewinnt." Sie lag bei der letzten Wahl bei knapp 27 Prozent. Bei Palme sind die Blauen auf Platz vier hinter die Grünen auf "unter zehn Prozent" abgestürzt. Bei Ulram hingegen liegen sie noch "deutlich vor den Grünen".

Letzere werden ungefähr gleich eingeschätzt: zwischen 14 und 15 Prozent bei Fessel und zwischen 12 und 14 bei Ifes (1999: 7,4 Prozent). Mehr sei nicht drinnen, die Partei Van der Bellens gilt vor allem bei städtischen Wählern als attraktiv, meinen die Forscher.

Doch der FPÖ wird mehr Potenzial zugetraut. Wer sind die blauen Kernschichten? "Rabiate Schwarz-Weiß-Typen", wie sie Palme bezeichnet, denen der Typus der "Führerpartei" gefällt. Aber die Freiheitlichen seien auch eine "Projektionsfläche für viele Bedürfnisse" - man wünscht sie sich als rechtsliberale Partei, als Plattform für neoliberale Wirtschaftsreformen oder einfach als Forum für altdeutsche Burschenschafter. Viele blaue Wähler seien jetzt aber verstört, dass die Regierung geplatzt ist. Jene, die vor allem eine Veränderung der politischen Lage erreichen wollten, werden nun wohl ÖVP wählen, glaubt Ulram. Fraglich sei, ob das blaue Stammpublikum - "angefressene junge Arbeiter" - nun zur SPÖ oder ins Lager der Nichtwähler wechsle. SPÖ und Grüne sieht er als "kommunizierende Gefäße". Ulram erwartet "knappe Mehrheiten" bei der Wahl.

Von den Themen her glaubt der Fessel-Forscher, dass das Nulldefizit bei den Leuten gut angekommen ist. Zur Osterweiterung - wogegen eine FP-Kampagne zu erwarten ist - meint er: Dafür gebe es eine stabile Mehrheit. Palme wiederum glaubt, dass das Verschieben der Steuerreform den Wählern einleuchtete. Dagegen wirke der Abfangjägerkauf wie ein äußerst sparsamer Haushalt, der sich eine "Zobeldecke" zulege. Dafür gebe es kein Verständnis. (Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 14/15.9.2002)

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