Französisch-deutsche Scheidung

14. September 2002, 16:05
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Trennung der France Télécom von Konzern-Chef Michel Bon und deutscher Mobilcom hinterlässt Scherbenhaufen

Paris - Das persönliche Drama des Michel Bon ließ sich am Freitag nur erahnen: Die Rücktrittsrede, die er vor den Journalisten halten wollte, lag noch am Eingang zur Pressekonferenz auf - doch der 59-jährige Gentleman-Konzernchef tauchte an der eher chaotischen Präsentation der Halbjahresresultate nicht mehr persönlich auf. In seiner Abschiedsschrift übernimmt Bon die persönliche Verantwortung für das Debakel von France Télécom (FT) in Deutschland und den gigantischen Schuldenberg.

12,2 Milliarden Euro Verlust

Im ersten Halbjahr hat der französische Staatsoperateur einen Rekordverlust von 12,2 Mrd. Euro eingefahren. Das Betriebsergebnis von 3,2 Mrd. Euro ist an sich positiv. Doch der Abschreiber für die Schulden ihres deutschen Mobilfunkbetreibers Mobilcom ist mehr als doppelt so hoch; er lässt die Gesamtschulden von FT binnen eines halben Jahres von 63,4 auf 69,7 Mrd. Euro ansteigen. FT will die Schulden von Mobilcom übernehmen und die Kredite durch Anleihen bedienen, die später in Aktien umgewandelt werden sollen. Sieben Mrd. Euro wurden in der Halbjahresbilanz dafür abgeschrieben.

Als möglicher Nachfolger Bons wird Thierry Breton, Chef des Elektronikkonzerns Thomson Multimedia, gehandelt; ein klarer Favorit existiert aber so wenig wie bei Deutsche Telekom nach Ron Sommers Demission. Der seit 1995 amtierende Bon, der sich auf eigenen Wunsch mit einem vergleichsweise bescheidenen Jahressalär von 260.000 Euro begnügte, hat wohl nur eine bittere Genugtuung: Die Regierung in Paris gab ihm schließlich doch Recht, indem sie den von ihm angeregten Ausstieg von France Télécom aus dem Deutschland-Abenteuer nach langem Zögern bewilligt.

"Strukturelle Mängel"

France Télécom begründete den Ausstieg aus der Mobilcom gestern in einem Kommuniqué mit den Worten, jüngste Analysen zeigten "strukturelle Mängel von Mobilcom, eine schwer wiegende Verschlechterung des Betriebsergebnisses und die schwache Basis der Kundschaft". Finanzdirektor Jean-Louis Vinciguerra räumte ferner ein, dass sein Konzern allein für mögliche Rechts- und Schadenersatzansprüche der Mobilcom-Direktion 900 Mio. Euro zurückgestellt habe.

Indem FT Mobilcom fallen lässt, nimmt Paris kurz vor den deutschen Wahlen eine Verstimmung mit Berlin in Kauf. Deutsche Regierungsstellen hatten tagelang Druck gemacht, um 5000 Arbeitsplätze zu schützen. Der französische Wirtschaftsminister Francis Mer machte seinerseits die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in Deutschland mit ihren immens hohen Gebühren dafür verantwortlich, dass die Ko 3. Spalte operation zwischen FT und Mobilcom gescheitert sei.

Mer kündigte für den französischen Operateur einen staatlichen Rettungsplan an. Französische Medien rechneten schon gestern mit einer Kapitalerhöhung von 15 Mrd. Euro. (Stefan Brändle, DER STANDARD, Printausgabe 14.9.2002)

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