Schüssel hält Haider Feigheit vor

13. September 2002, 11:45
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Der Kanzler wagt zum Wahlkampfauftakt in Kärnten ein Tänzchen in der Höhle des Löwen

Klagenfurt - So hat man Wolfgang Schüssel während seiner Kanzlerschaft selten erlebt: einen flotten Boogie am Klavier gebend, dicht umringt von einer schwungvoll im Takt wippenden Zuhörerschaft. Eigentlich war der Kärnten-Besuch Schüssels und seiner Regierungsmannschaft im Rahmen der "Österreich Tage" längst geplante Sache. Dass der Auftritt dann sozusagen in der Höhle des Löwen zum Wahlkampfauftakt der ÖVP geriet, nahm man als willkommenen Zufall.

Während die ÖVP-Minister Martin Bartenstein, Elisabeth Gehrer, Wilhelm Molterer, Staatssekretär Alfred Finz und Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat kärntenweit ausschwärmten, nimmt der eher für sein Schweigen bekannte Kanzler am Alten Platz in Klagenfurt ein Bad in der Menge. Bevor er sich jedoch leutselig unters Volk mischt, bedauert Schüssel in einer Pressekonferenz im Landhaus das Ende der schwarz-blauen Wende. Und lässt keinen Zweifel daran, wen er dafür für verantwortlich hält - Jörg Haider und seine Putschisten von Knittelfeld: "Es ist schade, dass die Aufständischen von Knittelfeld dieses Projekt zu Fall gebracht haben." Jörg Haider, vom einstigen Ko_architekten der Wendekoalition nun zum Wahlkonkurrenten geworden, hätte er gern von Angesicht zu Angesicht "im Ring gehabt", meint Schüssel: "Ich frage mich, warum tritt er nicht selber an und lässt andere diese Arbeit erledigen? Das wäre ehrlicher und auch richtiger, wenn man schon eine erfolgreiche Regierungszusammenarbeit beendet oder beenden lässt."

Lehren gezogen

Das neue FPÖ-Spitzenduo Jörg Haider/Herbert Haupt will Schüssel nicht kommentieren. Auch über eine mögliche Neuauflage von Schwarz-Blau will er sich nicht in die Karten blicken lassen. Nur so viel: Die lehrreichen Erfahrungen würden bei der "künftigen Wahl der Partner eine Rolle spielen". Mikro und Kameras aus und ab zum wartenden Volk.

Dort - just unter der barocken Pestsäule - präsentiert Schüssel dann seinen Hauptgegner: Alfred Gusenbauer. Ein roter Finanzminister Rudolf Edlinger, nein danke. Ein grüner Innenminister Peter Pilz, absurd. Das Volk, hauptsächlich Basisfunktionäre der Klagenfurter Stadt-ÖVP unter der Führung von Bürgermeister Harald Scheucher, klatschen begeistert. Nach der "spontanen" Klaviereinlage sind "Bürgergespräche" angesagt. Die Wahlkampfmanager sorgen dafür, dass im richtigen Moment die richtigen Kamerabilder und Fotos geschossen werden: der Kanzler mit Blumenmädchen, der Kanzler mit Rollstuhlfahrer, der Kanzler den Sorgen älterer Damen lauschend, der Kanzler Autogramme verteilend.

Die kritische Volksstimme wird abgedrängt. "Jetzt is’ er schon wieder weg. Und ich hätt’ ihm sagen wollen, dass mich das ganze Regierungstheater schwer enttäuscht hat", murrt ein Zuhörer. Ein anderer zupft ihn am Arm: "Reg’ dich nicht auf. Uns brauchen sie eh’ nur zum Wählen."

Mit dem "verantwortungsvollen Teil der FPÖ" will Schüssel bis zum letzten Tag zusammenarbeiten. Gemeint sind Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer sowie die Minister Karl-Heinz Grasser und Mathias Reichhold. Den Kärntner Slowenen hielt Schüssel vor, dass sie nicht den Mut aufgebracht hätte, einem historischen Durchbruch im Ortstafelstreit zuzustimmen: "Wir waren nur Millimeter vom Ziel entfernt." (Elisabeth Steiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.9.2002)

Jörg Haider sei schuld am Ende der Koalition und scheue jetzt die direkte Konfrontation im Wahlkampf: Bundeskanzler Wolfgang Schüssel schlug in Klagenfurt harte Wahlkampftöne an. Mit den "Vernünftigen" in der FPÖ will er aber bis zum letzten Tag weiterarbeiten.
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    Schüssel greift beim Wahlkampfauftakt in Kärnten in die Tasten und gibt Haider Schuld am Ende der Koalition

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