Rein biologischer Herzschrittmacher

11. September 2002, 18:58
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Gentherapie programmiert "normale" Herzzellen um

Baltimore/Wien - Die Gentherapie geht neue Wege: Statt Gene mit Wunscheigenschaften an die Stelle von defekten zu schleusen, manipuliert man an sich gesundes Gewebe. Zweck der Übung: Krankheiten in anderen Organ(teil)en zu unterbinden.

"Wir haben einen biologischen Schrittmacher entwickelt, der vielleicht den elektronischen ersetzen kann", erzählt etwa Eduardo Marbán dem STANDARD. Der Chef des Instituts für molekulare Kardiobiologie an der Johns-Hopkins-Uni in Maryland, widerlegt mit seinem neuesten Fund (Nature 419, S. 132) nebenbei den verbreiteten Glauben an "Schrittmacher-Gene" fürs Herz.

Gäbe es sie, würde die klassische Gentherapie all jenen den elektrischen Schrittmacher ersparen, in deren Herzen die zuständigen "Knoten" von gut 1000 Schrittmacherzellen nicht mehr genügend (gute) elektrische Impulse an andere Herzzellen abgeben.

Marbáns Ansatz ist grundverschieden. Er geht von der Tatsache aus, dass im frühen embryonalen Herz noch alle Zellen das Zeug zu Schrittmacherzellen haben. Später differenzieren sie sich. Ein Teil, die Schrittmacher in den kompakten "Knoten", bestimmt fortan den Rhythmus, bei dem der Rest mitmuss.

Diese restlichen Zellen wie etwa im Ventrikel (Herzkammer) spezialisieren sich auf andere Aufgaben, können die elektrischen Impulse nicht mehr setzen. Aber, so die neue Hypothese der Forscher, womöglich besitzen sie diese Fähigkeit latent auch weiterhin.

Marbán und Co. hatten auch bald einen Kaliumkanal im Verdacht, in diesen Zellen die Schrittmacherqualitäten zu unterdrücken. Denn in (gesunden) Schrittmacher-Herzzellen war dieser Kaliumstrom blockiert.

Also blockierten die Forscher ihn mittels Gentherapie auch in Ventrikel- und anderen Nicht-Schrittmacher-Zellen. Und die veränderten Zellen zeigten spontan rhythmische elektrische Aktivität. "Die ähnelte jener von ursprünglichen Schrittmacherzellen", fand Marbán seine Hypothese in Meerschweinchenversuchen bestätigt. Die Herzen der Nager ähnelten jenen des Menschen ganz besonders: "Der Kaliumkanal kommt da wie dort vor." Langzeitstudien sollen nun zu einer "Feinsteuerung" der elektrischen Impulse führen, in einigen Jahren zu Menschenversuchen. Besonders Kindern, die zu klein sind für übliche Schrittmacher, und anderen Risikopatienten könnte so geholfen werden. (Roland Schönbauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 9. 2002)

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