Bo Lundgren: "Moderater" Technokrat möchte Persson beerben

11. September 2002, 11:16
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Parteikarrierist mit kleinen Kanten ist Chef der schwedischen Konservativen

Stockholm/Wien - Der 55-Jährige Bo Lundgren könnte nach dem 15. September Schwedens neuer Ministerpräsident werden. Voraussetzung dafür ist, dass die konservativen "Moderaten", deren Vorsitzender Lundgren ist, gemeinsam mit den drei anderen bürgerlichen Parteien Schwedens eine regierungsfähige Mehrheit erhalten. Lundgren ist außerhalb Schwedens ein ziemlich unbeschriebenes Blatt und auch im eigenen Land hat der Herausforderer des Sozialdemokraten Göran Persson den Ruf eines zwar kompetenten, aber blässlichen Technokraten. Zuletzt hatte seine Partei sogar Ex-Ministerpräsident Carl Bildt als charismatischen Aufputz in den Wahlkampf geholt.

Dass Bo Lundgren nicht ganz so farblos und "moderat" ist, wie er in der Öffentlichkeit oft dasteht, belegen allerdings einige Details aus seiner Vita, überliefert in einem Artikel der Tageszeitung "Svenska Dagbladet" vor drei Jahren, als Lundgren als Parteichef Nachfolger von Carl Bildt wurde und damit das Interesse der Medien erweckte.

Im Jahr 1986 musste er eine Reise nach Stockholm vorzeitig abbrechen und aus dem Zug aussteigen, nachdem er mit dem Schaffner in eine hitzige Diskussion über eine falsche Sitzplatzreservierung geraten war. Dennoch fährt der unter Flugangst leidende Politiker weiterhin gerne Bahn, schieb "Svenska Dagbladet": Der im schwedischen Reichstag bei Protokollschreibern gefürchtete Schnellredner Lundgren wurde in den neunziger Jahren wiederholt auch beim Schnellfahren erwischt und büßte dabei seinen Führerschein für einige Zeit ein. Dass der gelernte Steuerfachmann es nicht nur mit Ziffern genau nimmt, legt die Geschichte nahe, wonach Lundgren ausgerechnet an seinem fünfzigsten Geburtstag in der Redaktion einer großen schwedischen Tageszeitung anrief, um ein Detail in einem Artikel über ihn richtig zu stellen.

Lundgren, Jahrgang 1947, wurde im südschwedischen Eisenbahnknoten Kristianstad als Sohn eines Offiziers und einer Bauerntochter geboren. Als Bub träumte er nach eigenen Angaben zunächst davon, Lokführer zu werden, schlug aber recht bald eine makellose Parteikarriere bei den Konservativen ein: Im Alter von 20 Jahren engagierte er sich im Rahmen des damaligen "Rechten Jugendverbandes", dem späteren MUF (Moderaternas Ungdomsförbund), der Jugendorganisation der Moderaten. Er studierte Wirtschaft und wurde nach einer dreijährigen Tätigkeit als Lehrer für Betriebswirtschaft im Jahr 1974 Abgeordneter im Schwedischen Reichstag, dem er seither ununterbrochen angehört. 1991 wurde er in der Regierung Bildt stellvertretender Finanzminister, zuständig für Steuerfragen. Seit 1993 sitzt Lundgren in der Parteiführung der Moderaten.

1999 übergab ihm Carl Bildt nach der Wahlniederlage im Jahr zuvor das Steuer der Partei. Damals lagen die Moderaten, die größte Partei einer möglichen bürgerlichen Koalition, in der Wählergunst bei etwa 25 Prozent. Drei Jahre später, wenige Tage vor den Reichstagswahl liegen sie unter Lundgrens Führung bei 20 Prozent. Dennoch, nicht zuletzt durch die steigenden Umfragewerte der liberalen Volkspartei sind Lundgrens Chancen, sein erklärtes Ziel, Göran Persson zu stürzen und Ministerpräsident zu werden, intakt.

Lundgren ist verheiratet und hat zwei Adoptivkinder, Henrik (4) und Katarina (2). Seine Frau Charlotte lernte er erst im Alter von 43 Jahren kennen. In Interviews betont der konservative Politiker gerne den Stellenwert der Familie. In einem Interview vom April dieses Jahres begrenzte Lundgren seine Perspektive als Parteichef auf acht bis zehn Jahre. "Damit ich während ihrer Teenager-Jahre bei den Kindern sein kann", nannte er als Begründung. "Aber zuerst werde ich zwei Legislaturperioden lang Ministerpräsident sein." (APA)

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