Göran Persson - Bulliger Landesvater muss um sein Amt bangen

11. September 2002, 11:19
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Sozialdemokrat ist seit 1996 Ministerpräsident von Schweden

Stockholm/Wien - Zum Lachen dürfte Göran Persson derzeit wenig zu Mute sein, muss doch der bullige schwedische Sozialdemokrat bei den Parlamentswahlen um sein Amt als Regierungschef zittern. Jahrelang galt Schweden als letzte sozialdemokratische Bastion in Europa, doch mit dem Urnengang am Sonntag scheint ein bürgerlicher Machtwechsel möglich. Dennoch konnte er sich in den vergangenen Jahren zu einer Art Landesvater mausern, der erfolgreich die Staatsfinanzen sanierte und als Garant für Sicherheit und Wohlstand auftrat.

Persson übernahm 1996 das Ministerpräsidentenamt und den Parteivorsitz von seinem Vorgänger Ingvar Carlsson. Regierungserfahrung sammelte er schon von 1989 bis 1991 als Bildungsminister und nach der Rückkehr der Sozialdemokraten an die Macht 1994, als er dem Land als Finanzminister einen strikten Sparkurs verordnete. "Es kann niemals ein Ziel sozialdemokratischer Politik sein, den öffentlichen Finanzsektor in Schulden zu stürzen", sagte Persson zu Jahresbeginn bei einem Vortrag in Wien.

Als Regierungschef setzte er seit 1996 den Konsolidierungskurs fort, senkte erfolgreich die Arbeitslosigkeit und bescherte Schweden in den vergangenen Jahren einen Budgetüberschuss. Unterstützt wurde seine Minderheitsregierung bisher von der Linkspartei und den Grünen. 1998 fuhr er dennoch das schlechteste Ergebnis der schwedischen Sozialdemokraten seit 1921 ein. Nunmehr könnten ihm die Grünen als Mehrheitsbeschaffer abhanden kommen.

Seinen größten internationalen Auftritt hatte Persson während des schwedischen EU-Vorsitzes 2001. Während dem Regierungschef für die solide Arbeit auf europäischem Parkett Rosen gestreut wurden, folgte die Tragödie beim Gipfel von Göteborg. Der Gastgeber wollte skandinavische Toleranz für die Globalisierungsgegner zeigen und erntete die blutigsten Krawalle, die das Land je gesehen hatte. In Göteborg setzte sich Persson erfolgreich dafür ein, den EU-Kandidaten das Zieldatum 2004 für die ersten Beitritte in Aussicht zu stellen.

Persson gilt als Befürworter eines schwedischen Euro-Beitritts. Unter seiner Führung vollzog Schweden auch eine stillschweigende Abkehr vom strikten Neutralitäts-Konzept. Betont wird fortan nur mehr die "Bündnisfreiheit". Einen NATO-Beitritt lehnt Persson jedoch ab. Als Gastgeber einer internationalen Holocaust-Konferenz forcierte Persson eine Aufarbeitung der früheren Zusammenarbeit Schwedens mit dem NS-Regime, während rechtsextreme Vorfälle seit Ende der 90er-Jahre zunahmen.

Persson wurde am 20. Jänner 1949 im südschwedischen Vingaker geboren. Den Sohn eines Bauarbeiters zog es früh in die Politik. Bereits im Alter von 15 Jahren engagierte er sich in der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Nach der Matura nahm er mehrere sozialwissenschaftliche Studien auf, schloss jedoch keines ab. Lange Jahre war er Bürgermeister der südschwedischen Stadt Katrinenholm. 1979 wurde er erstmals in den Reichstag gewählt.

In öffentlichen Auftritten gibt sich der 53-Jährige meist vorsichtig: Gegen das Volk, so lautet sein Credo, will er nicht regieren. Die Wahlen, so zeigte er sich dieser Tage in einem CNN-Interview überzeugt, würden von dem gewonnen, der Schwedens Interessen in einer globalisierten Welt am besten zu wahren verstehe. (APA)

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