Steigt Paris aus, ist MobilCom pleite

12. September 2002, 19:36
posten

France Telecom vor Rückzug - Kapitalerhöhung gegen Krise

Paris - France Telecom will nach Informationen der Pariser Tageszeitung "Le Monde" den deutschen Partner MobilCom endgültig fallen lassen. Während am Donnerstagabend in Paris der Verwaltungsrat zu einer Krisensitzung zusammentrat, veröffentlichte die Zeitung Einzelheiten aus einem Rettungsplan für den hoch verschuldeten französischen Staatskonzern. Demnach plant die Pariser Regierung für France Telecom eine Kapitalerhöhung um 15 Milliarden Euro, will aber nicht länger in das Büdelsdorfer Unternehmen investieren. Am MobilCom-Firmensitz demonstrierten rund tausend der 5.000 Mitarbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze.

Bis zur letzten Minute rang die Bundesregierung um eine Rettung von MobilCom. An den Gesprächen zwischen Berlin und Paris nahmen nach Angaben der Bundesregierung auch MobilCom-Vertreter teil. Direkte Gespräche mit France Telecom gebe es allerdings nicht, sagte ein Sprecher der Bundesregierung. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sei nicht persönlich beteiligt. Im Fall eines Rückzugs droht MobilCom die Insolvenz. Ein MobilCom-Sprecher zeigte sich erneut zuversichtlich, dass die Partnerschaft mit France Telecom fortdauern werde.

Bon vor Rücktritt

Der radikale Schnitt bei France Telecom könnte am Freitag auch zum Rücktritt von Konzernchef Michel Bon führen. Das Treffen der 21 Verwaltungsratmitglieder wurde von "Le Monde" (Freitagsausgabe) als "Stunde der Wahrheit" bezeichnet. Der Staat als Eigner von 55,4 Prozent der Anteile ist mit zehn Sitzen vertreten, vier Mitglieder einschließlich des Firmenchefs werden von der Hauptversammlung bestimmt, sieben vom Personal.

Bon hatte sich bislang strikt einer Kapitalerhöhung widersetzt. Die Erhöhung um 15 Milliarden Euro würde es dem Telekom-Riesen ermöglichen, die im kommenden Jahr fälligen Verpflichtungen von 15 Milliarden Euro zu bedienen. France Telecom hat derzeit ein Defizit von mindestens 70 Milliarden Euro. Bon sollte am Freitag nach erheblichen Verzögerungen das Halbjahresergebnis 2002 vorlegen. Dabei wird erneut ein Verlust von mehreren Milliarden Euro erwartet.

Monatelanger Streit

Seit Monaten wurde zwischen Paris und Büdelsdorf um einen Finanzierungplan für das deutsche Unternehmen gestritten, das seinerseits auf einem Schuldenberg von sechs Milliarden Euro sitzt. Allein die Ersteigerung einer UMTS-Mobilfunklizenz vor zwei Jahren kostete MobilCom 8,5 Milliarden Euro. France Telecom hält 28,5 Prozent des deutschen Unternehmens.

Im Streit um die Ablösung des France-Telecom-Chefs dementierte die Pariser Regierung Berichte, wonach Premierminister Jean-Pierre Raffarin einen Rauswurf Bons gefordert habe. Ob der 59-jährige Manager im Amt bleibe, hänge von strategischen Entscheidungen zur Zukunft des Unternehmens ab, sagten Mitarbeiter des Regierungschefs. Das schließt nicht aus, dass Bon seinen Rücktritt erklärt. Paris dementierte jedoch ebenfalls Berichte, wonach der bisherige Chef des Elektronikkonzerns Thomson Multimedia, Thierry Breton, als Nachfolger von Bon bereit stehe.

France Telecom war im März 2000 bei MobilCom eingestiegen und hatte im Mai desselben Jahres für 33,2 Milliarden Euro das Mobilfunkunternehmen Orange von Vodafone übernommen. Seither verfiel der Aktienkurs von France Telecom beständig. Die Spitzenwerte von über 200 Euro wurden nie wieder erreicht. In den vergangenen Monaten fiel die Notierung auf knapp über zehn Euro. (APA)

Share if you care.