Anschlag auf einen lecken Tanker

11. September 2002, 18:51
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An den Börsen ging ein Niedergang den Terrorattacken voraus - Der 11. September beschleunigte nur die Talfahrt

Können Finanzplätze Trauer tragen? Nicht wirklich, aber an Orten, wo Minuten Millionen bedeuten, sind einige Stunden des Gedenkens wohl das Meiste an Emotion, das sich die internationale Finanzwelt leistet.

Nervosität im Vorfeld

Schon im Vorfeld des Jahrestages beherrschte Nervosität und ein starker Umsatzschwund die Börsen. In Europa gingen die Umsätze im September bisher um ein Drittel zurück, und auch für die kommenden Tagen sagen Analysten voraus, dass Investoren abseits stehen werden, "bis Entwarnung gegeben wird", sagt der HSCB-Experte Klaus Lüpertz.

Insgesamt zehn Billionen Dollar vernichtet

Die massive Talfahrt der Märkte ist nicht alleine den Folgen des Terrors zuzuschreiben, auch wenn sie eine psychologische Last sind und bleiben. Das vergangene Jahr wird als eines der schlimmsten der Börsengeschichte in Erinnerung bleiben: Nach einer kleinen Rallye im August sind die Märkte längst wieder Richtung Süden zu ihren Juli- Tiefständen unterwegs (siehe Charts). Bis jetzt wurden sieben Billionen Dollar an den US-Börsen und drei Billionen Dollar an den übrigen Märkten vernichtet - Folge der geplatzten Börsenblase, der Bilanzskandale und der Rezession.

"Bemerkenswert widerstandsfähig"

Bei der Beurteilung der Börsenfolgen der Terroranschläge wird dagegen eine überwiegend positive Bilanz gezogen: Weltweite Zinssenkungsrunden, Liquiditätsspritzen und intensive Zusammenarbeit verhinderten den drohenden Zusammenbruch im internationalen Zahlungsverkehr. Das Gebäude Weltfinanzsystem wankte kurz - aber es erwies sich als "bemerkenswert widerstandsfähig", konstatiert die Bank für internationalen Zahlungsausgleich. Schon Mitte Oktober 2001 hatte das Kursniveau den Stand vor dem 11. September erreicht - bis die Rezession ihren weiteren Tribut forderte.

Vorhandene Krisen vertieft

Dennoch: Ob in der Luft oder auf dem Boden, 9/11 forderte seinen Tribut und vertiefte vorhandene Krisen. Bei den Fluggesellschaften - von Überkapazitäten, Preisschlachten und rückläufigem Reiseverkehr bereits gezeichnet - führte die Angst vorm Fliegen zum vollen Ausbruch der Krise, auch wenn die Ursachen von Pleiten bei Swissair, Sabena und zuletzt US- Airways lang zurückreichen.

Arg gebeutelt wurden seither auch die Versicherungen. Zu den eigentlichen Schäden des Anschlags fraßen die Kursverluste die Rücklagen der Versicherungen weltweit auf - auf 100 Mrd. Dollar wird der Gesamtschaden für die Branche beziffert, fünfmal mehr als nach Hurrican Andrew 1992. Aber nicht nur der Terror, auch die Jahrhundertflut führten zur Änderung der Risikopolitik, sagt Ernst Kiefhaber, Österreich-Chef des weltweiten Versicherungsmaklers Marsh: Seither kommt es zu höheren Selbstbehalten und aufgrund einer gänzlich neuen Risikobewertung zu Prämienerhöhungen.

"Rückschritt bei der Internationalisierung"

Wie die große Welt, so ihr Spiegelbild in der kleinen heimischen. Neben der AUA ist der Tourismus am stärksten von 9/11 betroffen - aber weniger im Umfang, als durch Verschiebungen, erklärt Hotelier Helmut Peter. "Der 11. September war ein Rückschritt bei der Internationalisierung", Gäste aus den USA und Japan bleiben - bis heute - aus, ein Ausgleich wurde in der EU gefunden. (Karin Bauer, Claudia Ruff, Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe 11.9.2002)

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    Ein Polizist bewacht wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September mit Schutzmaske den Platz vor der New York Stock Exchange.

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