Biobauer Reichhold tritt nach acht Monaten Amtszeit zurück

9. September 2002, 12:57
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Verkehrsminister will sich aus der Politik zurückziehen - Vertrauensfrage für Parteitag angekündigt

Wien - "Ich habe mich entschieden: Ich werde meine politische Laufbahn beenden", erklärte der scheidende Verkehrsminister Mathias Reichhold am Montag im ORF-Radio.

Die Vertrauensfrage - wie es zunächst aus dem Verkehrsministerium hieß - will Reichhold vor dem Parteitag am 20. Oktober nicht mehr stellen. "Ich möchte aber vor die Basis hintreten und ihnen sagen, warum die FPÖ so eine Entwicklung genommen hat", so Reichhold, und weiter: "Es bleibt abzuwarten, ob sich in der Partei die Zerstörer der Regierung durchsetzen werden, oder die Gestalter".

Biobauer und acht Monate Minister

Er ist jener von drei freiheitlichen Verkehrsministern dieser Legislaturperiode, der sich - wenn er wie angekündigt beim Parteitag am 20. Oktober sein Amt niederlegt - am kürzesten in der Regierung gehalten hat. Nach dann acht Monaten an der Spitze des Verkehrs- und Infrastrukturministerium verlässt mit Mathias Reichhold (45) ein seinerzeit als Weggefährte Jörg Haiders geltender Kärntner wieder Wien. Seit seinem Regierungseintritt wird Reichhold jedoch als enger Vertrauter Susanne Riess-Passer zugeordnet, die bereits am Sonntagabend gemeinsam mit Finanzminister Karl-Heinz Grasser und Klubobmann Peter Westenthaler ihr Amt niedergelegt hatte

Im Gegensatz zu seiner glücklosen Vorgängerin Monika Forstinger (F) hat sich Reichhold binnen weniger Wochen in der Öffentlichkeit als "hemdsärmeliger Macher" etabliert. Weniger die detaillierte Sachkompetenz als vielmehr die Erfahrung eines langjährigen Politikers und die Natürlichkeiten des "Biobauern" - wie er sich selbst zum Antritt knapp charakterisierte - kamen ihm dabei zugute.

Nach seinem Rücktritt will Reichhold nach Aussagen aus seinem Umfeld wieder auf seinen Bauernhof zurückkehren.

Für den scheidenden Verkehrsminister ist es bereits der zweite Abschied aus der Politik. Nach zwei Jahren im Nationalrat war Reichhold 1992 Haider als Landeshauptmann-Stellvertreter in Kärnten gefolgt. 1994 musste er auf Wunsch des damaligen FP-Chefs seinen Posten wieder räumen und wurde durch Grasser ersetzt. Als sich dieser in die Privatwirtschaft verabschiedete löste Reichhold Grasser wieder ab, was ihm das Image des "ewigen Platzhalters" einbrachte und ihn schließlich im März 2001 zum ersten Rückzug auf seinen Hof bewegte.

"Ich habe mir einen neuen Traktor gekauft und warte auf die Lieferung von 2.500 Küken", meinte der Landwirt damals. Mit dieser Bauernschläue ging Reichhold auch das Amt des Verkehrsministers an.

Sein größter und zugleich umstrittenster Wurf gelang Reichhold unmittelbar vor seinem angekündigten Abtritt mit dem Verkauf des Postbus an die ÖBB. Reichhold sprach dabei immer wieder stolz vom "Ende einer 25-jährigen Diskussion" über die Zusammenführung von Post- und Bahnbus und von einer "Jahrhundertchance". Die Gewerkschaft kritisiert vor allem die danach geplante Teilprivatisierung des Postbusses. Zwei Postbus-Streiks im Vorfeld des Deals hat Reichhold ausgesessen.

Ähnlich umstritten ist der zweite große Brocken, den sich Reichhold vorgenommen hat: die Teilung der ÖBB unter dem Dach einer neuen Holding. Vor kurzem hat ihm die Bahn-Gewerkschaft dafür den Namen "Murks-Minister" verliehen und ebenfalls mit Streik gedroht. Reichhold blieb auch hier auf Konfrontation mit der Gewerkschaft. Die Umsetzung der ÖBB-Holding steht allerdings noch aus.

Auf Contra schaltet Reichhold zuletzt auch im Transitstreit mit der EU. Mitte August hat Österreich auf seine Initiative eine weitere Klage beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingebracht. In den Verhandlungen blieben die Fronten zuletzt hart. Die Kommission hat zwar einen Vorschlag zur Verlängerung der Ökopunkte-Regelung vorgelegt, die Zustimmung der EU-Verkehrsminister liegt vor ist aber mehr als fraglich. Morgen, Dienstag, ist Reichhold noch zu Verhandlungen in Brüssel. (APA)

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    Ex-Infrastrukturminister Reichhold

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