Eine dürre Liste mit vielen Unbekannten

6. September 2002, 17:33
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Die Angaben zu Stärke und Potenzial der irakischen Armee haben einen Fehler: Sie lassen sich nicht überprüfen

Wien/London - Eine L-29 kann man auch im Internet kaufen: 59.000 Dollar, hin & mit, vom Flughafen der litauischen Stadt Kaunas. Der Irak soll sie jedenfalls vom tschechischen Produzenten noch zu Zeiten des Kalten Kriegs gekauft haben, nicht anders als die Sowjetunion oder die DDR.

Dass die Maschinen, die als Trainingsflugzeug für Jetpiloten gedacht waren, auf Satellitenfotos während des britisch-amerikanischen Bombardements "Desert Fox" im Dezember 1998 auftauchten, hat US-Militärs allerdings alarmiert. In Hangars verborgen, hat die irakische Armee angeblich L-29-Maschinen zu unbemannten Drohnen umgebaut, mit besonderen Behältern, die biologische und chemische Kampfstoffe nach Israel, Kuwait oder Saudi-Arabien bringen könnten. Zum Beispiel Tanks mit 350 Liter verflüssigtem Anthrax, rechnete die Washington Post diese Woche vor.

Saddams Milizen

Doch mit Bewertungen tun sich Militärexperten schwer. Drohnen sind leicht abzuschießen, heißt es, wie viele dieser Maschinen der Irak überhaupt während des Militärschlags 1998 retten konnte, ist auch ungewiss.

Wer was an Waffen und Truppen in der Welt hat, weiß in der Regel das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) in London. Die Ausgabe 2002 ihrer "Military Balance" listet in dürren Zahlen das derzeit bekannte Potenzial des Irak auf: 375.000 Heeressoldaten, 2000 Soldaten bei der Marine, 30.000 bei den Luftstreitkräften, 17.000 bei dem so genannten Luftverteidigungskommando - einem Truppenteil, der nach dem Golfkrieg 1991 ausgebaut wurde und neben dem Hauptquartier in Bagdad vier regionale Kommandos unterhält: Kirkuk im Norden, Kut Al Hayy im Osten, Basra im Süden, Ramadia im Westen.

Als weit wichtiger als die Bodentruppen mit ihrer niedrig eingeschätzten Kampfmoral und unzulänglicher Ausrüstung gelten die verschiedenen paramilitärischen Gruppen des irakischen Regimes. Mit 42.000 bis 44.000 Mann gibt das IISS die Stärke dieser Milizen an. Qusay, Saddam Husseins jüngerer Sohn und Prätendent auf die Nachfolge des irakischen Staatschefs, führt die Präsidentengarde von 14.000 Soldaten. Saddams älterer Sohn Uday verlor um 1996 das Kommando über die 30.000 Mann starke Fedayin - die sich für Saddam Opfernden.

Diese Spezialtruppe führt nun ebenfalls Qusay. Ihr Gehalt ist höher, ihre Verpflegung besser, das Waffenarsenal - unter anderem angeblich 800 Panzer - nach Einschätzung von Militärexperten nicht zu unterschätzen. Über die Raketen des Irak stellen CIA und Pentagon nur Mutmaßungen an: eine "kleine Zahl" von Scud-Raketen, mehrere Dutzend Sprengköpfe. Das IISS nennt lieber gar keine Zahlen. (DERSTANDARD, Printausgabe, 7./8.9.2002)

von Markus Bernath
  • Im Ernstfall werden im Irak auch Saddams Jungmilizen einsatzbereit sein
    foto: reuetrs/faleh kheiber

    Im Ernstfall werden im Irak auch Saddams Jungmilizen einsatzbereit sein

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