Luxusexpress mit kleinen Entgleisungen

3. Oktober 2005, 16:12
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Andalusien per Bahn: Mit dem Charme der Belle Époque ruckelt der "Al Andalus Expreso" durch Spaniens Süden

Pünktlich um 13 Uhr eins verlässt der Al Andalus Expreso den Bahnhof Sevilla Santa Justa. Die schweren Eisenräder setzen sich in Bewegung, und die Mitreisenden rollen voran in die Vergangenheit, als die 1929 in Großbritannien und Frankreich erbauten Waggons den englischen König von Calais auf das angenehmste an die spanische Südküste beförderten.

Mit viel Liebe zum Detail wurden die Wagen in den Achtziger Jahren originalgetreu instand gesetzt, seit 1985 rollt der "Al Andalus Expreso" als Luxushotel auf Schienen durch die spanische Provinz Andalusien. Im vergangenen Jahr erhielten die Waggons ihren letzten Schliff einschließlich technischer Verbesserungen und neuer Klimaanlage. In den Schlafwagen wurde jede Kabine mit WC und Dusche versehen, um so Komfort und Raumangebot für die Passagiere zu verbessern. Die prächtigen Gesellschaftswagen mit ihren holzgetäfelten Wänden und Plüschsesseln beherbergen ein Restaurant, einen Bar-und Spielsalon. Neben Küchen- und Personalabteilen dienen die verbleibenden sieben Waggons der Unterbringung in Clubabteilen mit Doppel- oder Einzelbelegung. Maximal 70 Personen kann das Team des Al Andalus verwöhnen.

In den Kabinen beginnt das private Abenteuer. Hat man eine Reise für zwei Personen gebucht, lassen sich die Sitzgelegenheiten vom Bordpersonal in zwei über Eck angeordnete Liegestätten umfunktionieren. Nicht jede Nacht ist der Al Andalus in Bewegung, meistens steht er auf einem Bahnhof zwischen Cordoba, Granada oder Ronda, um seinen Zugenthusiasten keine schaukelnde, sondern eine möglichst ruhige Nacht zu gestatten. Die hat allerdings ihre Tücken. Sehr viel Idealismus erfordert die Klimaanlage, die anscheinend aus dem Fin de Siècle übernommen wurde. Entweder ist sie zu kalt oder zu heiß, auf alle Fälle aber zu laut.

Die im Abteil installierten Bedienungselemente haben dekorativen Charakter, bewirken können sie nichts. Das kann nur Julio, jener allzeit verfügbare Zugmechaniker, der - mit Schraubenzieher und -schlüssel bewaffnet - weiß, welchen Hebeln er zu Leibe rücken muss, um Abhilfe zu schaffen. Die Vakuumtoilette entwickelt plötzlich ein temperamentvolles Eigenleben: Beim Öffnen des Warmwasserhahns im Waschbecken beginnt sie begeistert zu fauchen und zu spülen. Dann allerdings hat sie kein Interesse mehr und stellt ihren Dienst auf Knopfdruck ein. Nur die Gegenwart von Julio, dem Mann mit dem Werkzeug, flößt ihr den nötigen Respekt ein. Auch das in jede Kabine integrierte Duschbad hält manche Überraschung bereit. Man steht eingeseift unter der Brause, auf Wasser hoffend, das sich lieber seinen Weg in die Toilettenspülung bahnt. Ein Hilferuf: "Julio!"

Die Reise auf Schienen im "Al Andalus" ist zweifelsfrei eine bequeme und dazu noch interessante: Die ausgewählten Ausflugsziele berücksichtigen historische, architektonische und kulturelle Sehenswürdigkeiten. Die Touren sind gut organisiert, ein Begleitbus empfängt die Reisenden am Bahnhof und fährt sie direkt zu den nächstgelegenen Attraktionen: zum Beispiel der Mezquita in Cordoba, der Alhambra in Granada und der berühmten Felsenschlucht in Ronda. Örtliche Fremdenführer vermitteln den Besuchern in fast allen gewünschten Sprachen Einblicke in die regionalen Besonderheiten der jeweiligen Städte, Kirchen und Paläste. Nach den Besichtigungen wird eine Mahlzeit - je nach Programm Lunch oder Dinner - außerhalb des Zuges eingenommen. Die Restaurants sind sorgfältig ausgewählt und verwöhnen Leib und Magen mit Tapas und anderen landestypischen Gerichten - Getränke inklusive.

Da die Besichtigungen etwa drei bis fünf Stunden in Anspruch nehmen, die Mahlzeiten, wie in Südeuropa üblich, mindestens zwei bis drei Stunden zelebriert werden und schließlich der Bustransfer zu berücksichtigen ist, kann die Abwesenheit vom Zug bis zu zwölf Stunden dauern. Dementsprechend erschöpft trieb es die meisten der Reisegesellschaft auf die romantische Klappcouch im Club Doble oder Club Individual. Nur einige Robustere waren in der Lage, die abendlichen Darbietungen des Pianisten im Barwagen zu genießen.

Das Abendmenü wird im elegant dekorierten Speisewagen zwischen rotem Samt, weißem Damast und vergoldeten Lüstern gereicht. Da türmen sich Langostinos, nussiger andalusischer Schinken neben diversen Pasteten. Während die amerikanischen Mitreisenden vom Essen hingerissen waren, zeigten sich die spanischen Zuggefährten unbeeindruckt. Doch nicht nur auf dem Gebiet der Gaumenfreuden trafen unterschiedliche Charaktere aufeinander, auch in den Gängen der Waggons konnte eine Begegnung ungeahnte Folgen zeigen. Wenn auf einer Breite von 50 Zentimetern zwei wohlgenährte Herrschaften versuchten, aneinander vorbeizufinden, führte dieser Körperkontakt zu kreativer Völkerverständigung.


Info:
Der Al Andalus verkehrt wöchentlich jeweils im Frühjahr und im Herbst. Die Sechs-Tage-Andalusien-Rundreise führt ab Sevilla nach Cordoba, Baeza, Úbeda, Granada, Ronda, Jerez und kostet im Club Doble EURO 2565 pro Person, im Club Individual EURO 3830. Darin eingeschlossen sind sechs Übernachtungen, Transporte, Führungen, Eintrittsgelder zu den Sehenswürdigkeiten, Getränke und Mahlzeiten. Veranstalter im deutschsprachigen Raum ist Ibero-Tours in Düsseldorf, Telefon: 0049 / 211 / 8641520. Die spanische Fluggesellschaft Iberia fliegt von Wien nach Sevilla. (DER STANDARD/rondo/6/9/02)

von Saskia Guntermann und Michael Marek
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    Giralda

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    Restaurant Alhambra

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