Hitziger Auftakt zu Barguti-Prozess

5. September 2002, 19:10
30 Postings

Schreiduelle im Gericht in Tel Aviv - Palästenenser drohen insgesamt 142 Jahre Haft

Hitzige Zwischenrufe im Verhandlungssaal, Schreiduelle zorniger Juden und Araber in den engen Korridoren davor - der erste Tag im Prozess gegen Marwan Barguti zeigte, dass im Distriktsgericht von Tel Aviv nicht nur die gerechte Strafe für eine lange Serie von Bluttaten gefunden werden soll, sondern auch unvereinbare politisch-moralische Haltungen aufeinander stoßen.

Der 42-jährige Barguti, Generalsekretär der "Fatah"-Bewegung im Westjordanland und Abgeordneter zum palästinensischen Parlament, betrachtet sich als "politische Persönlichkeit" und "Freiheitskämpfer", doch die Anklage wirft ihm nüchtern Mord, Beihilfe zum Mord und die Zugehörigkeit zu einer Terrororganisation vor. Eineinhalb Jahre lang galt der kleine, rundliche Mann als Drahtzieher der Intifada; er trat dafür ein, "gegen die israelische Besetzung mit allen Mitteln" zu kämpfen. Die Staatsanwältin will beweisen, dass Barguti als Kommandant der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" direkt für eine lange Serie von Anschlägen verantwortlich war, bei denen 26 Menschen getötet und Hunderte verletzt wurden.

Eines der Terroropfer war die 17-jährige Rachel, die im März bei einem Selbstmordanschlag starb. Ihre Mutter Abigail Levi sagte weinend zum STANDARD, Barguti sei "der direkte Mörder meiner Tochter, er hat die Leute ausgesendet, unsere Kinder zu töten". Rechtsgerichtete Israelis stimmten "Sharon"-Sprechchöre an, zwei von ihnen wurden abgeführt, während ein Vertreter der Familie Barguti eine Erklärung verlas. Trotz der Schauelemente beharrte Daniel Taub, Sprecher des israelischen Außenministeriums, dass "dieser Prozess nichts mit Politik zu tun hat, sondern mit Gerechtigkeit für die Opfer des Terrorismus".

Doch ganz offensichtlich wollen die Israelis anhand des Prozesses vor der Welt den palästinensischen Terrorapparat aufdecken, während Barguti die Bühne benützt, um seine Vorwürfe anzubringen. Weil er das "Gericht der Okkupation" für rechtswidrig hält, will Barguti, der fließend Hebräisch spricht, sich selbst verteidigen. "Wir reden von Verbrechen, die in Israel verübt wurden, die Opfer sind Israelis", meint Taub. "Wenn die israelische Justiz da nicht zuständig ist, wer dann?" (DER STANDARD, Printausgabe, 6.9.2002)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marwan Barghuti zeigt während der Vorverhandlungen Präsenz.

Share if you care.