Kolumne: Justitia auf Reisen

4. September 2002, 19:29
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Peter Vujica über die Hintergründe des Genozids in Ruanda 1994

Suchte man für die altgediente und oft genug missbrauchte Göttin der Gerechtigkeit, Justitia mit Namen, in unseren Tagen eine zeitgemäße Allegorie, so fände man sie zweifellos in Carla Del Ponte, der unermüdlichen Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag.

Zu Wochenbeginn hat sie allerdings ihre niederländische Wirkungsstätte verlassen und sich in die ferne tansanische Stadt Arusha begeben.

Dort will sie höchstpersönlich dafür sorgen, dass einer der Hauptschuldigen an dem 1994 in Ruanda an den Tutsis begangenen Genozid, Theoniste Bagasora mit Namen, seiner gerechten Strafe zugeführt wird.

Und wenn dieser dann gemeinsam mit dem damals für diesen 800.000fachen Mord hauptverantwortlichen Armeechef, Augustin Bizimungu, bis zu seiner irgendwann ja doch absehbaren Freilassung einsitzt, kann man eigentlich beruhigt die Akten schließen und nicht ohne Genugtuung sagen: Zum Glück herrscht auf der Welt ja doch Gerechtigkeit.

Klickt man allerdings die Internetadresse Project Censored.org an, mag auch im bestgläubigen und politisch korrektesten Mainstream-Schwimmer der Verdacht keimen, die reisende Justitia könnte die Sphäre ihres löblichen Wirkens vielleicht doch etwas zu eng sehen.

Unter der erwähnten Adresse publiziert die State University von Sonoma in Kalifornien nämlich sehr ausführliche Studien über politische Sachverhalte, die in den Medien, meist aus guten Gründen, nur knappen oder auch gar keinen Niederschlag fanden. Wie zum Beispiel die Hintergründe des gegenwärtig in Arusha zur Debatte stehenden Massenmords des Jahres 1994.

Ein internationales Komitee stellte im Vorjahr nämlich offiziell fest, dass die Vereinten Nationen, Belgien (als einstige Kolonialmacht), Frankreich (trotz seiner engen Beziehungen zu Ruanda) und die USA den sich anbahnenden Völkermord ganz bewusst nicht zu verhindern versuchten.

Immerhin warnte der Chef der in Ruanda stationierten UNO-Sicherheitstruppen, der kanadische Lieutenant Romeo Dallaire, vor den bevorstehenden tödlichen Unruhen - und das schon drei Monate vor deren Ausbruch. Doch seine dringende Forderung nach Verstärkung wollte in der Zentrale keiner hören.

Der Bericht des Untersuchungskomitees betont, dass es vor allem die Clinton-Adminsitration war, die jede Möglichkeit wahrnahm, die sich durch "tausende Warnungen" abzeichnenden Ereignisse nicht zur Kenntnis zu nehmen. Vor allem Madeleine Albright, die spätere Jeanne d'Arc des Kosovo, soll ihre damalige Schlüsselposition im UN-Sicherheitsrat dazu benützt haben, jegliche zusätzliche Truppenentsendung abzublocken.

Als besondere Pikanterie führt die Studie noch an, dass die Armee von Ruanda von einer US-Spezialeinheit (Joint Combined Exchange Training, auch Green Barretts genannt) unter der Leitung eines gewissen Herrn Paul Kagame in der Tarnung von Landminen und in Operationen mit kleinen Einheiten ausgebildet wurde. Und dies auch dann noch, als es schon längst offenkundig war, dass die Armeesoldaten ihre frisch erlernten Fertigkeiten an den wehrlosen Tutsi-Flüchtlingen praktizierten.

Über die wahren Gründe, warum der Westen seine moralischen Maximen, an deren Gültigkeit ihm erwiesenermaßen so viel liegt, für 800.000 Schwarze so konsequent außer Kraft gesetzt hat, kann man freilich nur Vermutungen anstellen. Durch die Verurteilung zweier, wenn auch unmittelbar am Morden beteiligter Rädelsführer, ist die Existenz dieser westlichen Werte jedoch noch lange nicht wirklich glaubwürdig bewiesen. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.9.2002)

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