Gentechnik: Chinas Waffe gegen den Hunger?

1. September 2002, 20:03
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China vielfach als Vorbild für Europa genannt - Beobachtungen eines Konferenzreisenden vor Ort

Der Weg zu dem hochmodernen Biotech-Zentrum, in dem in großem Maßstab Pflanzen gentechnisch verändert und im Freiland geprüft werden sollen, führt durch ein landwirtschaftlich geprägtes China mit primitiven Verkaufsläden und Gewerbebetrieben entlang der Straße. Drei Prozent des Weltbedarfs an Mais (das bedeutet zwölf Prozent des Inlandsbedarfs Chinas) werden in dieser Gegend produziert. Hier wird auch - wie in anderen Gebieten Chinas - mit russischer Chemietechnologie Regen für die Bewässerung provoziert. Ähnliche Kontraste auch in der Hauptstadt Peking, wo sich Sandstürme aus der Wüste Gobi mit extremen Abgaskonzentrationen zu einem ätzenden Luftgemisch vereinen: Bilder des chinesischen Experiments einer prosperierenden kapitalistischen Marktwirtschaft mit dramatischen Umweltproblemen unter einer streng zentralistisch-kommunistischen Führung.

Im Transformationszentrum werden mittlerweile hauptsächlich Mais, Soja und Reis gentechnisch verändert mit dem Ziel einer erhöhten Schädlingsresistenz, verbesserten Wachstumsbedingungen bei salzhaltigen Böden und Trockenheit sowie verbesserten Proteineigenschaften. Hier hat man mittlerweile beste Erfahrungen mit den benötigten Methoden zur gentechnischen Veränderung von Pflanzen. Methodisch zählt die Transformationseffizienz für die Nutzung im jeweiligen Labor. Nur dem europäischen Trend, Markergene im Produkt zu vermeiden, will man sich anpassen und befasst sich mit Methoden, welche es erlauben, bereits im gentechnischen Konstrukt jene Elemente, welche im endgültigen Produkt nicht von Nutzen sind, zu beseitigen.

Stolz zeigt Frau Fan - Mitglied der chinesischen Akademie der Wissenschaften - große Versuchsfelder der von ihr mitentwickelten Pflanzen. Einziges Problem bleibt hier die Situation der Patente, da die grundlegenden gentechnischen Konstrukte in der Hand internationaler, westlicher Konzerne sind. Sind diese Bemühungen eine chinesische Initiative, um die 1,3 Milliarden Chinesen ernähren zu können? "Keineswegs," erklärt Pflanzengenetiker Wang von der nahe gelegenen Universität Changchun, "in China herrscht kein Nahrungsmittelmangel. Im Gegenteil - die chinesische Regierung hat zuletzt ein kostenintensives Projekt gestartet, um landwirtschaftlich genutzte Flächen aus Umweltschutzgründen wieder in Wiesen und Wälder zu verwandeln. Das Institut soll vielmehr den technologischen Fortschritt für spätere Zeiten sichern." Gentechnisch veränderte Pflanzensorten, besonders Reis, sind zwar fertig entwickelt, aber "die chinesische Politik gestattet zurzeit keine Vermarktung von Gentechnikpflanzen als Nahrungs- und Futtermittel.

Man wolle den guten Ruf der chinesischen Produkte durch Manipulationen in einem vom Konsumenten derzeit kritisch diskutierten Bereich nicht gefährden", erklärt Wang mit demselben betrübten Sarkasmus, wie er auch von seinen europäischen Kollegen aus ähnlichen Gründen bekannt ist.

Positiv beurteilt werden aber allgemein die international als strikt eingestuften chinesischen Regelungen bei der Sicherheit von GVO-Lebensmitteln (gentechnisch veränderte Organismen) und bei Freisetzungen. Diese Regelungen haben auch zu Bedenken bei den USA wegen weiterer zukünftiger US-Importe von GVO-Soja nach China geführt. So bleibt gentechnisch veränderte, schädlingsresistente Biotechnologie-Baumwolle (also kein Nahrungsmittel) das einzige Produkt auf chinesischen Feldern. Trotz eines Greenpeace-Reports, der ökologische Folgeprobleme aufzeigt, scheint die schädlingsresistente Baumwolle doch profitabel, mit deutlichen Vorteilen für Gesundheit und Umwelt: der klimatisch bedingte hohe Schädlingsdruck hat hier zuletzt zur Notwendigkeit des Einsatzes großer Mengen von für Bauern teuren chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln geführt. Dramatische Vergiftungsfälle bei Menschen wurden immer häufiger. Der Verbrauch dieser chemischen Mittel konnte durch Anbau von Biotechnologie-Baumwolle signifikant gesenkt werden.

Dies ist ein typisches Beispiel dafür, dass Vor- und Nachteile des Einsatzes gentechnisch veränderter Pflanzen nicht generell beurteilt werden können, sondern gemäß ökologischen und landwirtschaftlichen Bedingungen gesehen werden müssen. In Österreich herrscht sicher kein allgemeiner Schädlings- oder Unkrautdruck, der einen Einsatz gentechnisch resistenter Pflanzen generell rechtfertigen würde.

Anders die Lage im mittleren Afrika. Hier droht vor dem Hintergrund gravierender Missernten eine akute Hungerkatastrophe. Aber Länder wie Simbabwe oder Sambia haben amerikanische Maishilfslieferungen wegen großer Anteile von gentechnisch verändertem Mais abgelehnt. Man fürchtet sowohl die Ängste der Menschen vor GVO-Lebensmittel als auch Kontaminationen von eigenem Saatgut, wie das zuletzt offensichtlich doch in Mexiko passierte. Eine vereinte UN-WHO-Initiative soll nun einen Ausweg finden.

Breites Missfallen erregt aber mittlerweile der Hintergrund dieser Vorgänge: das Schüren irrealer Ängste vor GVO-Nahrungsmitteln auf dem Rücken hungernder Menschen ohne jegliche Möglichkeit, sich zu informieren; der US-Versuch, Hungerprobleme für politische Zwecke zu nutzen, um internationale Blockaden von GVO-Pflanzen zu brechen; und die relative Tatenlosigkeit Europas bei Lebensmittelhilfen für die Dritte Welt: Das alles erscheint ethisch bedenklich.

Die Frage, ob gentechnisch veränderte Pflanzen helfen können, Hunger zu lindern, ist mittlerweile leider zum politischen Spielball der GVO-Diskussion verkommen. Durchsetzungs- und Blockadekonzepte erlauben kaum eine sinnvolle internationale Diskussion darüber, unter welchen lokalen sozialen, agronomischen, und Umweltbedingungen einzelne GVO-Pflanzen ohne Gefährdung von Umwelt durch Auskreuzen oder Kontamination von biologischen Lebensmitteln für eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion dienlich sein könnten. Die Spirale aus Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelbedarf kann durch einseitige technologische Lösungen ohne Berücksichtigung sozialer und wirtschaftlicher Faktoren wohl nicht gelöst werden.

Ein FAO-Report zu ethischen Fragen bei Lebensmitteln und in der Landwirtschaft erkennt überhaupt das Problem einer fortschreitenden Globalisierung von Weltmärkten ohne gleichzeitige Globalisierung und Harmonisierung von Gesellschaften als zentrales Problem. Doch können und sollen wirklich alle Umwelt- und Gesellschaftsspezifika globalisiert werden? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 8./1. 9. 2002)

Von Alexander Haslberger

Der Autor bearbeitet an den Instituten für Mikrobiologie und Genetik, Ökologie und Ernährungs- Wissenschaften der Uni Wien Fragen der Biotechnologie. Vor kurzem nahm er an einer internationalen Konferenz anlässlich des Starts des "Nationalen Transformations- Centers" in der Nähe von Gongzhuling in der nordost- chinesischen Provinz Jilin teil. Zurzeit erstellt er bei der WHO in Genf einen Bericht zu globalen Konsequenzen der Biotechnik für Gesundheit und Ernährung.

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