Lamabezwingzwang

31. August 2007, 15:09
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Lama-Trekking soll im Salzburger Land am Fuße des Hochkönigs neue Wanderklientel anlocken. Allein die Viecher wollen nicht, wie sie sollen.

Der seltsame Anblick von Lamas in Österreichs wanderbaren Wäldern und auf wunderbaren Almen soll sportlichen Touristen einen neuen "Kick" bieten. Den Kühen gefallen sie jedenfalls, die muhen immer wieder neugierig hinter diesen etwas verbaut aussehenden Wollproduzenten her, die sich selbst im schroffen Fels des Hochkönigs wie in einer Tiefebene vorkommen müssen, trotten doch ihre Kollegen in den Anden in dünnster Luft seit Jahrtausenden als Lastenträger Indios hinterher.

In Österreich leben seit einigen Jahren etliche Lamas bei fantasievollen Bauern und brachten Tourismusmanager auf die Idee, zum zahmen Stick-Walking und flotteren Nordic Walking, zum "Wandern ohne Gepäck" und Almenhüpfen wieder etwas Neues anzubieten, das "Lama-Trekking". Die Idee dahinter: Lamas tragen die Rucksäcke und bieten ungewöhnlichen Vordergrund für Gebirgsaufnahmen, Gesprächsstoff für Hüttenabende und Reiseerzählungen im Freundeskreis.

Um es vorwegzunehmen: Das alles tun sie teilweise unwillig, manchmal gar nicht. Aber so ein "Trekking" einmal mitzumachen ist trotzdem ganz unterhaltsam. Wenn man zum Beispiel keine Kinder dabei hat. Und schon gar keine kleinen Kinder. Obwohl diese Idee ja gerade für Kinder so nett zu sein scheint: Ob des Lamas würden sie vielleicht das übliche Gemaule über Wegeslänge und Langeweile vergessen, so wurde kalkuliert.

Doch Lamas sind anders. Sie sind weder streichelweich noch putzig, sie sind weder begeistert über Rucksäcke auf dem Rücken noch über flottes Gehen hinter und noch weniger vor forschen Wanderern. Sie hassen laute oder unbekannte Geräusche und plötzliche, schnelle Bewegungen - und sie spucken, wenn nur einer dieser Schreckmomente eintritt. Sie spucken, was der Wiederkäuermagen hergibt. In Wiesengrün und schleimig. Also nicht die idealen Weggefährten für Kinder. Ach ja, und sie treten angeblich auch. Aber nur selten.

So ein Trekking beginnt damit, dass man zuallererst alle Witze über Dalai Lama absolviert, während hochbeinige Fellkuppen mit langem Hals, intelligenten Riesenaugen und hurtigen Ohren aus ihren Autoanhängern tänzeln und mit südamerikanisch anmutenden Holzsätteln beladen und mit Rucksäcken verbrämt werden. Aufmerksam beäugen in diesem Fall zwei Lamas jeden der Umstehenden, zucken bei jedem etwas lauteren Lachen zusammen, bewegen die Ohren in alle Richtungen, wirken wachsam und klug. Und dann geht es los, den breiten Forstweg hinauf. Vorne die Wandergruppe, hinten die Lamas.

Nach einiger Zeit - weit hinten die Lamas. Sie wollen heute nicht. Wenn überhaupt, dann wollen sie gezogen werden. Aber nicht zu sehr, sonst bleiben sie überhaupt stehen. Man wechselt sich also im Lamaziehen ab, wartet immer wieder auf die Nachzügler und nimmt ihnen schließlich auch die leichten Rucksäcke wieder ab: Zwar sollen sie 30 Kilogramm tragen können, aber zwischen sollen und wollen besteht eben ein großer Unterschied.

Apropos wollen, oder besser Wollen

Alle zwei Jahre können sie geschoren werden, Benita und Paola, wie sie vorgestellt wurden, und geben dann pro Tier zwei Kilogramm Wolle, die man in der Nähe von Heiligenblut waschen und kämmen lassen kann. Sonst sind sie genügsam, kosten pro Jahr kaum mehr als 200 Euro an Heu, trinken wenig, sind fast "gartenrein" (sie wählen ein Klo-Eckerl und dem bleiben sie treu) und recht rege, was ihre Fortpflanzung betrifft: Kaum haben sie ein Junges (das sie elf Monate austragen), schon sind sie wieder trächtig, denn sie sind die ersten sieben Tage nach dem Wurf besonders empfänglich. Sie werden 40 Jahre alt, kennen ihren Herrn und sind ruhige Tiere, mit denen er - der Peter Reichholf - sehr gerne spazieren geht. Junge männliche Lamas kann man um 700 Euro verkaufen, weibliche um 1400.

Kühe stehen am Wegesrand und käuen wieder. Die Lamas sind irritiert, sie mögen Kühe nicht. Umgekehrt ist es umgekehrt, Kühe finden Lamas sehr interessant und kommen immer wieder nahe, um diese Gastarbeiter genauer zu betrachten und bemuhen. Die Ohren der Lamas rotieren, ebenso der Schwanz. Und dann ist es so weit. Endlich wird gespuckt. Darauf haben alle ja schon lange gewartet, in der Hoffnung, nicht selbst getroffen zu werden.

"Wenn sie die Ohren anlegen, mit dem Schwanz wedeln und zu mümmeln beginnen, dann sollte man lieber hinter als vor ihnen stehen", warnte Peter schon zu Anfang. Grüner Schleim schießt durch die Gegend, das Lama ist verärgert. Man hält sich also neben oder hinter ihm, der Großteil der Gruppe ist ohnehin sicher, weil schon Kilometer weiter vorne.

Es war Benita. Sie beruhigt sich wieder, fängt allerdings zu meckern-rufen-wiehern an, ein seltsames Geräusch. Zwischendurch "keppelt" sie konstant im Gehrhythmus vor sich hin, fast klingt es nach gelangweilten Hühnern: "Grooo, grooo, grooo . . .". Und dann ist Schluss. Paola legt sich hin und schaut drein, als wären alle um sie herum durchsichtig. Peter zerrt, Peter schiebt, Peter drückt, es nützt alles nichts. Paola hat genug. Will nach Hause. Will eigentlich überhaupt nicht mehr. Man beschließt also, den Lamabezwinger mit seinen beiden Damen alleine zu lassen und endlich der Gruppe nachzurennen, die wahrscheinlich schon sämtliche Bretteljausen, Biere und Schnäpse bei der zur Rast eingeplanten Alm weggegessen und ausgetrunken hat.

Von Ferne sieht man noch den regungslosen Fellberg mitten auf dem Weg liegen und den Peter ignorieren, der gesagt hat, er wird halt sein Auto mit Anhänger holen müssen. Die Wanderung wird lamalos vollendet, man trifft sich dann abends und tauscht Neuigkeiten aus. Was war mit Benita? Wie geht es Paola? Liegen sie noch trotzig auf Wanderwegen herum und bespucken Vorbeigehende?

Peter hat sich, während er auf seine Frau, die mit Auto und Anhänger zur Rettung gerufen wurde, wartete, lange Gedanken darüber gemacht hat, wie er diese 120 Kilogramm Lebendgewicht in den Anhänger bugsieren soll. Wäre nicht nötig gewesen. Als die Türe geöffnet wurde, stand Paola lässig auf und tänzelte in den fahrbaren Untersatz. Sie wollte ja nur nicht gehen. Vom Im-Wald-Bleiben war nie die Rede gewesen.
(DER STANDARD/rondo/16/08/02)

Ein Erziehungsbericht von Elisabeth Hewson


Info:
Zu buchen z.B. in St. Veit beim Tourismusverbund "Salzburger Sonnenterrasse" unter
Tel. 06415/74 88,
info@sonnenterrasse.at oder www.sonnenterrasse.at
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