"Sprich mit ihr": Verbunden auf immer und ewig

27. Juli 2004, 15:57
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Pedro Almodóvar erzählt in seinem neuen Film über Liebe gegen alle Wahrscheinlichkeit

Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar erzählt in seinem jüngsten Film "Sprich mit ihr" von unmöglichen Liebesgeschichten als Vorbedingung für eine mögliche künftige Liebe.


Wien - Die Titelsequenzen von Pedro Almodóvars Filmen sind mit Bedacht als Teil der Inszenierung gesetzt. Diesmal, am Beginn von Sprich mit ihr (Hable con ella), wird ein dunkelroter Vorhang hochgezogen, der den Blick auf eine Theaterbühne freigibt, einen Ort, der dem, was darauf verhandelt wird, einen speziellen Rahmen verleiht.

Von den schlafwandlerischen Bewegungen der Tänzerinnen dort, in Pina Bauschs Tanzstück Café Müller, führt der Film später zu anderen genau bemessenen Gesten und Handgriffen: Eine junge Frau wird von einem Krankenpfleger und einer Schwester gewaschen, massiert, eingecremt, eingekleidet.

Die Tänzerin Alicia (Leonor Watling) ist eine Komapatientin, die weiße Seidenhülle, in die man sie vorsichtig bindet, wirkt wie Brautkleid und Totenhemd zugleich - der Pfleger, Benigno (Javier Cámera), ist in Alicia verliebt und spricht mir ihr, in der Hoffnung, das seine Worte und seine Zuneigung irgendwann doch noch ein Wunder bewirken und Alicia erwacht.

Benigno erzählt Alicia auch von Pina Bausch. Außerdem hat er bemerkt, dass der Mann, der während der Aufführung neben ihm saß, mit den Tränen kämpfte. Es wird gut eine halbe Stunde Film dauern, bis die beiden Männer einander im Krankenhaus wieder begegnen und zum ersten Mal ins Gespräch kommen. Unter anderem werden wir so erfahren, dass Benigno sich bereits vor ihrem folgenschweren Unfall in Alicia verliebte: Vom Fenster seiner Wohnung aus hat er sie im Studio gegenüber tanzen sehen.

Die Handlung ist zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits so komplex, dass es keine knappe Nacherzählung fasst. Zugleich wird einmal mehr Almodóvars Vermögen deutlich, Geschichten zu erfinden, die sonst eine ganze Soap-Staffel füllen - wozu hier etwa auch gehört, dass Benigno schließlich im Gefängnis landet, weil er die bewusstlose Alicia geschwängert hat -, und diese Geschichten dann mit einer Leichtigkeit zu inszenieren und plausibel zu machen, die im Kino ihresgleichen sucht.

Almodóvar arbeitet dabei unter anderem mit einem weiten Bezugssystem: Neben dem Tanz, dem Theater oder Filmen - für Sprich mit ihr hat er einen bizarren Stummfilm-im-Film gedreht - kommt hier auch die Musik zum Tragen: Wenn man die Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) das erste Mal in der Arena sieht, atmet aus dem Off Elis Regina einen Schwur ewiger Liebe (Por toda minha vida von Antonio Carlos Jobim).

Irgendwann führt die Erzählung vom Spitalszimmer zu einem abendlichen Konzert. Caetano Veloso singt ganz sanft von "tödlicher Leidenschaft". Auch diese musikalische Sequenz erzeugt einen Schwebezustand, der lange nachwirkt.

Darüber hinaus setzt Almodóvar auf elliptische Anschlüsse und Parallelverschiebungen, auf Verdoppelungen, die beispielsweise an Alfred Hitchcocks Vertigo erinnern - nicht nur, weil das Verhältnis zwischen Männern und Frauen im Film auf ähnlich fetischisierten Bildern (und Körpern) beruht: Die Intensität und der narrative Sog entstehen aus der komplizierten Schichtung von miteinander kommunizierendem Material und aus den kleinen Abweichungen, die die Wiederholungen produzieren:

Auch der andere Mann, Marco (Darío Grandinetti), hat inzwischen nämlich eine Frau getroffen, in die er sich verliebt hat: Lydia. Die Pflege von Alicia findet in den Bildern ihrer Einkleidung vor dem Kampf eine weitere Entsprechung: Auch hier folgt alles einem genauen und genau beobachteten Ritual. Der Kampf wird allerdings gar nicht richtig beginnen - der Stier trampelt Lydia nieder, und danach liegt sie ebenfalls im Koma.

Einer bewegt sich in Sprich mit ihr also auf den Spuren des anderen, füllt sie jedoch in unterschiedlicher Weise aus: Marco tritt an Benignos Stelle, wohnt schließlich in seiner Wohnung, schaut auf das Tanzstudio hinunter und sieht: Alicia.

Am Ende von Sprich mit ihr steht, während einer weiteren Tanzaufführung, ein möglicher neuer Anfang. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.8.2002)


Foto: Tobis Siehe dazu auch:
'Ballerina, Stierkämpferin, schrumpfende Liebhaber'
Sprich mit ihr in 32 Bildern

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