Das Nacktbad Bathsebas

8. August 2002, 14:17
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Von Christl Greller

Mit sechzehn, es war knapp vor dem Krieg, trieb ich mich im Prater herum. Der Trieb war sicher einer der Gründe, dazu die Gier nach Abenteuer. Ich schlingerte an den Buden vorbei, das Geldbörsel leer bis auf das Geld für die Heimfahrt, das Herz platzend von Wünschen.

Was es alles gab!

Kraftlackeleien aller Art sorgten für Gejohle. Dazwischen das Quietschen der Hutschen, das Mahlgeräusch der Ringelspielmotore, zugeleiert mit Musik. Die längste Schlange der Welt - zwei Meter vom Kopf bis zum Schwanz und zwei Meter vom Schwanz bis zum Kopf! Ich konnte die vier Meter Länge aus finanziellen Gründen nicht überprüfen, war also beeindruckt. Auch die Gummi-Lady, die sich angeblich auf einen halben Meter zusammenlegen konnte, blieb aus Geldmangel ungeprüft.

Fest steht, dass eine Dame ohne Unterleib - wäre sie damals angepriesen worden - mich kaum interessiert hätte. “...das Nacktbad Bathsebas...”aber hörte ich sofort aus allen Ausrufen, Musiken und Geräuschen heraus. “Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie - Jawohl total nackt, weil im Bade. Wagen Sie es, meine Herren, sehen Sie Bathseba nackt, nackt, nackt!”

Es war eine Holzbude wie so viele, im Vorfeld mit einer Art Markise ausgestattet, vor der, damit er im Lichte stand, der Ausrufer auf einer Holzkiste gestikulierte. Mit den Windmühlenbewegungen seiner Arme schaufelte er Zuschauer unter die Markise, wo sie sich bereits im Bannkreis befanden und - sie wollten ja gaffen - nur noch schwache Fluchtbewegungen machten. Weil sie nicht mehr aus konnten, schoben sie sich schließlich an der Kasse vorbei, wo eine überquellende ältere Frau dampfte und so vollständig mit dem Geld Einnehmen beschäftigt war, dass keiner der sich verlegen oder weltmännisch eintretenden Männer auch nur einen Blick abbekam. Auch ich nicht.

Ja, ich. Ich hatte heißen Herzens beschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen. Ich wohnte am anderen Ende von Wien, in drei Stunden würde ich es schaffen, aufgewühlt wie mich das nun zu Erlebende machen würde.

Die Zuschauer (das heute übliche -Innen hier nicht notwendig) schoben sich in die drei Sesselreihen, jeder bestrebt, so weit wie möglich hinten zu sitzen, sich unsichtbar zu machen, während die Stimme draußen immer noch das Nacktbad Bathsebas als so nackt wie Gott sie schuf, pries. Der Raum war fensterlos, daher nur erhellt durch das Licht, das auf die winzige Bühne fiel, wo linker Hand ein Holzbottich und rechter hand ein Küchensessel stand. In Ermangelung einer Mitte war damit die Bühne bereits gefüllt. Als es auch die Zuschauerreihen waren, stieg der Aus_ rufer von seiner Kiste und setzte neben der Bühne ein Grammophon in Betrieb. Es wurde still - wenn man vom Jeiern des Gerätes absah - und eine junge Frau betrat die Bühne. Meine Hände wurden feucht und mein Herz arbeitete so laut, dass ich aufzufallen fürchtete. Meine Hose spannte. Die Frau trug einen fanta sie-antiken Bademantel, den sie öffnete und auf den Sessel legte. Sie knöpfte die Strümpfe vom Strumpfgürtel und legte sie über die Lehne. Sie zog die schmucklose Unterhose aus, zerrte den Strumpfgürtel vom Leib und entledigte sich ihres Büstenhalters. Sie war tatsächlich vollständig nackt. Und die ganze Zeit zeigte ihr Gesicht eine unübersehbare Mischung aus Langeweile, Angewidertheit und Verachtung. Im Moment, wo sie nackt war, fiel ein Vorhang. Die Bühnenbeleuchtung ging aus, dafür eine Hintertür auf. Sie zeigte durch den Lichteinfall an, dass und wo man die Bude zu verlassen hatte.

Murren mischte sich in das Scharren der Sesselbeine. Etwas so Unerotisches hatte man noch nie gesehen, und auch noch so kurz.

Das Aufbegehren fiel jedoch dem Licht der Außenwelt zum Opfer, wo die Scham über die eigene Dummheit die Oberhand gewann, und die Zuschauer, Schultern hochgezogen, Hände in den Taschen, sich schnell zerstreuten.

Ich zog die Hose zurecht und machte mich auf den langen Heimweg. Mein Herz schlug normal und meine Hände waren trocken.

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