Metropole glatt und verkehrt

3. Oktober 2005, 16:12
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Touristisch gesehen wird Barcelona nicht nur historisch-architektonisch-kulturellen Ansprüchen gerecht, sondern verfügt dazu über ein höchst lebhaftes Tages- und Nachtleben, bei dem auch kulinarisch kaum Wünsche offen bleiben

Vom Standpunkt eines Touristen ist es vielleicht klug, bereits gegen 14 Uhr Mittagessen zu gehen. Oder am Abend vor 22 Uhr ein Restaurant aufzusuchen, vor allem wenn es eines der "fescheren" ist. Man findet zwar problemlos Platz, lässt sich dabei aber eines ein bisschen entgehen: das Ambiente einer Stadt, die von ihren Bewohnern - im tatsächlichen Wortsinn - "belebt" wird. Rund 1,5 Millionen Einwohner hat die katalanische Hauptstadt, die seit jeher Sammelbecken für Menschen aller nur denkbaren Hintergründe und Herkünfte war. Wenn sie es Zureisewilligen, so hört man von vielen, die dort kürzer oder länger residierten, auch nicht immer leicht macht.

Fremdenverkehrsmäßig hat Barcelona seit Beginn der 90er-Jahre einige grundlegende Umwälzungen hinter sich. Die Nächtigungszahlen haben sich seit 1991 gut verdoppelt, wobei Infrastruktureinrichtungen und Transportwesen weitgehend mit der Entwicklung Schritt gehalten haben. Derzeit arbeitet die Stadtverwaltung an einem Programm zur Attraktivierung und Steigerung des Radverkehrs.

Das Meer neu entdeckt

Auch die Besuchsmotive haben sich im letzten Jahrzehnt geändert: 1990 nannten fast 70 Prozent der Besucher geschäftliche Gründe, heute sind es noch knapp über 40 Prozent. Dafür gaben 2001 mehr als 50 Prozent der Leute an, vor allem Ferien zu machen: Sonne, Meer und Vergnügen - ob das nun Kultur oder Highlife bedeutet. Der jüngste Schub in der Stadtentwicklung wurde 1986 ausgelöst, als Barcelona die Olympischen Spiele 1992 zugesprochen bekam. Verkehrsmittel und heruntergekommene Viertel wurden saniert, neue wie das Olympische Dorf errichtet, und alles nach Ende der Veranstaltung nachhaltig ins Stadtleben integriert. Barcelona, wo man bis zu dieser Zeit zwischen Wohngebieten und Wasser lieber einen Industriegürtel gelegt hatte, wandte sich wieder dem Meer zu: mit der Wiederbelebung alter Fischerviertel wie Barceloneta, mehr als vier Kilometer Badestränden auf einer Küstenlinie von 13 Kilometern und dem lebhaften Hafenzentrum Port Vell inklusive Yachthafen mitten in einer Millionenstadt.

Großereignisse waren bereits in der Geschichte gerne Anstoß für Entwicklungsschübe: Durch die Weltausstellung 1888 kam es in der Folge zu einer massiven Zuwanderung und einem anhaltenden Wirtschaftsboom. Zu diesen Zeiten entstanden neue Stadtviertel wie Eixample, nach dem Rastermuster angelegt. Dadurch wurde eine Verbindung zwischen der "Ciutat Vella", der verwinkelten Altstadt mit gotischen und römischen Straßenzügen und Plätzen, und den umliegenden Vorstädten geschaffen, die so ins eigentliche Stadtgebiet integriert wurden.

Sport und Kultur

Barcelona ist nach wie vor ein Verkehrs- und Industriedrehscheibe, mit allen Vor-und Nachteilen, die eine solche Entwicklung mit sich bringt. Aber auch Zentrum für Sport und Kultur und das seit mehr als hundert Jahren: 1899 wurde der FC Barcelona gegründet, bis heute eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte. Etwa zur selben Zeit ließen sich viele Maler, Architekten und Schriftsteller nieder und etablierten die Stadt als kulturellen Knotenpunkt für Europa. Picasso Museum und Joan Miró Foundation zählen heute zu den meist besuchten Museen. Rund 170.000 Studenten verteilt auf sieben Universitäten studieren hier, wobei Barcelona vor allem einen Ruf als Design- und Kreativhochburg im graphischen Bereich hat.(DER STANDARD, Printausgabe, 6.8.2002)

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