Grunge de luxe

6. August 2002, 16:45
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Dass zurückliegende Jahrzehnte die Mode inspirieren, ist man ja gewohnt. Aber ist die Zeit wirklich schon reif für ein Recycling der Neunzigerjahre, fragt Peter Bäldle

Die Mailänder Designer haben auf diese Frage - also jene des Mode-Recycling der Neunzigerjahre - bereits eine Antwort bereit, und die lautet eindeutig ja, zumindest für den kommenden Herbst und Winter. Am Beispiel Giorgio Armani: In seiner jungen Emporio-Linie für die Herbst / Wintersaison 2002 / 03 trugen die Mädchen auf dem Laufsteg weiße Hemden in Oversized-Schnitten als Kleider unter langhaarigen Felljacken mit Boxerstiefeln und dicken Wollmützen. Und Strickmützen, über langen Haaren tief in die Stirn gezogen, begleiteten auch Consuelo Castiglionis Marni-Kollektion.

Seitdem die junge Italienerin den Hippielook in die Mode eingebracht hat, wird ihr Gespür für Trends in der Branche hoch bewertet. Diesmal zeigte sie Karoblazer über Paillettenshirts und Patchworktuniken mit Blumenschals und Strickstrümpfen unter Gauchohosen. Ringelpullis zog sie über zart bedruckte Chiffonkleider und Fischgrätmäntel über pastellige Millefleurs-Blusen. Große Flicken, mit Pailletten umstickt, prangten auf den Jacken. Olivfarbenes Veloursleder überraschte mit fliederfarbenen Einsätzen am Saum. Die vorhergehende Hippieallüre war durch einen edel interpretierten, bunt zusammengewürfelten Arme-Leute-Look ersetzt worden.

Grunge de luxe? Grunge bedeutet Müll und war das Unwort der Mode in den frühen Neunzigerjahren. Damals bezeichnete der Begriff eine Musikrichtung, die ein Lebensgefühl widerspiegelte, das auch die Kleidung mit einschloss. Denn als Grunge, als Abfall der Gesellschaft, empfand sich eine Hand voll junger Leute in Seattle, einer trostlosen, regenreichen Hafenstadt an der Ostküste der USA. Also beschlossen sie, ihrem No-Future-Pessimismus mit provokanten Texten zu simplen Akkorden Ausdruck zu verleihen.

Ihre Musik kann durchaus auch als späte amerikanische Spielart des englischen Punk gesehen werden. Sie gründeten Bands, nannten sich Pearl Jam, Mudhoney und Lemonheads. Aber über allem strahlte Nirvana, deren Leadsänger Kurt Cobain schnell Kultstatus erlangte.

Und auch was er trug, wurde kopiert: die abgewetzten Jeans, die kaputten Turnschuhe und die abgetragenen Karohemden aus Flanell, aus denen er zuweilen die Ärmel riss. Mottenzerfressene Pullover zeigten Löcher. Eine dick gestrickte Wollmütze wurde Cobains Erkennungszeichen, wurde zur regelrechten Jakobinermütze des Grunge.

Noch waren es keine kalkulierten Outfits, die sie trugen, sondern nur, was sie aus den Müllsäcken der Altkleidersammlungen fischten. Doch das erwies sich als bühnentauglich und machte Mode. Mithilfe der MTV-Maschine entdeckte Amerikas Jugend zum ersten Mal, was in "good old Europe" schon längst Usus war: die Kreation eines Looks mit den Mitteln des Secondhand.

Damals schrieb die englische Szenepostille The Face: "Grunge ist Amerikas wichtigster Beitrag zur Jugendkultur der vergangenen 25 Jahre!" Die Anti-Fashion sollte sich zur Antithese zu dem noch immer herrschenden Powerlook der späten Achtzigerjahre entwickeln.

Dessen Ende war gekommen, als Amerikas Modemacher Grunge für sich entdeckten. Donna Karan empfand die Zufälligkeit in den Kombinationen als erfrischend natürlich und spielerisch-kreativ. Und Ralph Lauren zog ein ärmelloses Blumenkleid

über Ringelshirt und Leggings und eroberte auf diese Art die Titelseiten der Lifestylemagazine.

Am weitesten aber wagte sich Marc Jacobs vor, damals der Darling der New Yorker Szene. Im Oktober 1992 präsentierte er die Kollektion des bekannten Designerlabels Perry Ellis für Frühjahr / Sommer 1993 als Grunge-Kollektion. Die Firma verkaufte kein einziges Teil davon und gab schließlich die Damenmode auf, Jacobs wurde fristlos gefeuert. Heute gehört der US-Amerikaner zu den strahlendsten Sternen des internationalen Modebusiness. Er zeigt seine eigene Kollektion in New York und entwirft in Paris die Mode für Louis Vuitton. Die Vorliebe für Secondhand hat er sich bewahrt und auch für "eine Mode, die ein klein wenig vom Weg abweicht". Doch 1992 war er seiner Zeit um Meilen voraus.

Heute jedoch, nach dem Jeansboom, Used-Look und Vintage-Fieber, die der Mode zerschlissene und abgewetzte Oberflächen bescherten und das Verhältnis zu Secondhand definierten, könnte der Zeitpunkt richtig sein, den "Free Style" des Grunge erneut ins Spiel zu bringen.

Und so sah man Hosen unter Röcken nicht nur bei Kenzo. Und nicht nur Dries Van Noten kombinierte Tapisseriemuster zu Streifen und den Arabesken von Kurbelstickerei. Nicht nur bei Sportmax legte man zottelige Pelze feinen Spitzenkleidern um die Schultern. Sogar Laura Biagiotti warf durchsichtige, paillettenglitzernde Tülltuniken über Männerhosen und zog ihnen voluminöse Strickmäntel aus flauschigem Kaschmirtweed über.

Mittlerweile hat man sich an die ungewöhnlichen Kombinationen gewöhnt. Was die Akzeptanz erleichtert, sind die Schönheit der verwendeten Materialien und die Perfektion der Verarbeitung. Und trotzdem gelingt es noch immer, mit Kreativität zu überraschen.

Antonio Marras, 40 Jahre jung und gebürtiger Sarde, inszeniert seine Mode in diesem Winter als heiteren, folkloristisch inspirierten "Fleckerlteppich" mit kunstvoll bestickten und geflickten Oberflächen und starkfarbigen Accessoires. Hier leuchten signalrote Schuhe, dort glitzert ein Schal, und Socken überraschen in Türkis. Dicke Rosen blühen auf Babuschka-Röcken, die er über Nadelstreifhosen zieht. Bilder im Stil von Chagall appliziert er auf Westen. Karos finden sich mit Blumen und Medaillonstickereien als Patchwork auf Kleidern zusammen.

Die gegensätzlichen Stoff- und Materialbilder haben sich zu Mustern verdichtet. Patchwork als logische Konsequenz aus der neuen Kombinationslust zieht sich wie ein roter Faden durch die Designerkollektionen des kommenden Winters. Bei Givenchy druckt Julian MacDonald Patchworkmotive auf die Schultern von Lederblousons, bei Gattinoni ersetzt man die Rückseite von Jeansjacken durch Kaschmirornamente. Bei Samsonite fügt Gigi Vezzola die schwarzen "Bruchstücke" aus Lack, Leder, Samt und Persianer zu kubistischen Mustern auf Mänteln zusammen.

Am konsequentesten interpretiert jedoch Nicoloas Ghesquière für Balenciaga das neue Flickwerk, das er als Puzzle begreift. Kunstvoll und mit Couture-Anspruch überzieht es die Flächen banaler Footballshirts. Am liebsten möchte man sie hinter Glas an die Wand hängen. Denn zum Anziehen sind sie eigentlich fast zu schön. (derStandard/rondo/2/8/02)

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