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29. Juli 2002, 15:35
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APA216 5 CI 0398 29.Jul 02 Buntes/Spiele/Geschichte/Niederösterreich/Feature Auferstehung der Zauber-Spielkarten aus NÖ "Hexennest" Knapp 400 Jahre war das "französische Blatt" von der Bildfläche verschwunden - Die "Geisterwerkstatt" im Waldviertel hauchte ihm neues Leben ein St. Leonhard im Hornerwald (APA) - Kartenspiele sind seit jeher in der Lage, die Existenzen jener zu gefährden, die mit ihnen hantieren. Sind es heute finanzielle Einbußen, die manchen Profi-Zocker ins Unglück stürzen, so waren es in den vergangenen Jahrhunderten Weissagungen, die häufig ein schreckliches Ende verhießen. Das "französische Blatt", ein Nachfahre der legendären Tarot-Karten, erlangte im Jahr 1609 in Rouen Berühmtheit. Nun wurde es von Leonhard Kubizek, dem Gründer und spirituellen Mittelpunkt der "Geisterwerkstatt" in St. Leonhard am Hornerwald, zum Leben erweckt.

Um das geheimnisvolle Blatt ranken sich immer noch einige ungeklärte Mysterien. Begonnen hat alles vor etwa zwei Jahren: Damals sorgten alte Hexen-Utensilien für Aufsehen, die man in einem unterirdischen Gang des Gasthofes Staar fand, wo die "Geisterwerkstatt" Untermieter ist. Und das ausgerechnet an jenem Ort, der bereits um 1590 auf einer belgischen Landkarte als "Nidus Veneficae" - als "Hexennest" - verzeichnet war. "Wir waren damals so aufgeregt, dass wir überhaupt etwas ausgegraben haben. Den Spielkarten hab ich anfangs nicht so viel Bedeutung beigemessen", erinnert sich Kubizek.

Dann jedoch packte den "Geister-Meister" die Neugierde. Er reiste nach Rouen, studierte die Originale und ließ die Fundstücke von Experten datieren. Dabei ergab sich Merkwürdiges: Die Fragmente aus dem Waldviertel waren älter als die vermeintlichen Prototypen aus Frankreich - nämlich aus dem Jahr 1604. Kubizek hat dafür eine Erklärung: "Der Nordwald, an dessen südlichem Rand wir uns befinden, war früher nicht nur ein ideales Versteck für lichtscheues Gesindel, sondern auch der perfekte Ort für konspirative Treffen. Schließlich war es damals ja lebensgefährlich, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen."

"Verbindungsmann" zwischen Waldviertel und Frankreich scheint ein Graf Hoyos gewesen zu sein, dessen Familienwappen sich auf beiden Varianten wieder findet - und zwar am Herz-König. Dass die "Hausmeisterversion" (Kubizek) der Tarot-Karten gerade im Waldviertel erstmals auftauchte, stellt ihn vor nicht allzu große Rätsel: "Obwohl abgelegen und vergessen, war der Nordwald das Zentrum Europas. Hierher zog man nicht freiwillig - es war ein Fluchtort, ein Schlupfwinkel, wo man vor Verfolgung sicher war."

Die geheimnisvollen Karten sind nun wieder im Umlauf. Kubizek plant ihren Vertrieb in Spielwarengeschäften und Trafiken. Besitzer erhalten künftig regelmäßig News-Letters, die nach und nach Geheimnisse und Tricks des Spiels preisgeben. Für restlose Aufklärung der Mysterien des "verhexten" Waldviertels werden jedoch auch sie nicht sorgen.

(S E R V I C E - "Geisterwerkstatt" St. Leonhard am Hornerwald; Infos unter Tel. 02987/2893 oder im Internet unter http://www.geisterwerkstatt.at, mailto:info@geister.cc) (Schluss) trö/wg

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