Reich geworden im Gefängnis

    20. Juli 2002, 14:57
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    Wie ein Kriegsverbrecher und Taxifahrer durch das Haager Tribunal zu Reichtum kam und rund 33.000 Euro in der Kantine verprasste

    Eigentlich war Zoran Zigic nur ein Taxifahrer. Das war zwar in einem Land wie Jugoslawien, wo Treibstoff knapp und noch dazu Krieg ist, kein schlechter Beruf. Aber dass er einmal so reich werden würde, hätte sich Zigic wohl kaum träumen können. 200.000 Euro soll er in der letzten Zeit in verschiedene Eigentumswohnungen, Autos und in Flugtickets für seine Familie gesteckt haben, die ihn besuchen kam.

    Letzteres ist verständlich, denn Zigic ist zwar reich, aber einsam. Er sitzt nämlich im Gefängnis von Scheveningen eine 25-jährige Gefängnisstrafe wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ab. Verurteilt hat ihn dazu das Internationale Jugoslawien-Tribunal, das gleiche, das ihm zu seinem Reichtum verhalf.

    Eine Frage des Systems

    Paradox? Keineswegs. Nach Ansicht von Kennern des Tribunals hat sich Zigic nur einen Systemfehler des Tribunals genutzt: Angeklagte vor dem Jugoslawien-Tribunal, die bei Verhandlungsbeginn glaubhaft versichern, keine ausreichenden Mittel für ihre Verteidigung zu haben, erhalten vom Tribunal einen oder mehrere Pflichtverteidiger.

    Für deren Honorar kommt die Administration des Tribunals auf, zu Sätzen, die nach niederländischen Maßstäben nicht üppig sind, aber deutlich über dem liegen, was ein Anwalt aus Belgrad oder Pale für seine Leistung zu Hause erwarten kann.

    "Geldumleitungsschema"

    Was liegt da näher, einen Handel abzuschließen: Dafür, dass ein Angeklagter diesen und keinen anderen jugoslawischen Anwalt auswählt, fließt ein Teil des Honorars an den Angeklagten zurück.

    Die Sache wäre wohl nie ans Licht gekommen, hätten Zigic und seine Anwälte nicht so maßlos übertrieben. Zu verschiedenen Zeiträumen beschäftigte der mörderische Taxifahrer insgesamt zehn Personen, darunter Ermittler, die nichts ermittelten und Verteidiger, die nicht verteidigten. Der Zweck ihrer Existenz, so heißt es in einem Ermittlungsbericht des Tribunals, beruhte vor allem darin, jenes "Geldumleitungsschema" zu entwerfen, das Ermittler des Tribunals nun aufgedeckt haben.

    Satte Beträge

    Akribisch, wie es sich für Bürokraten gehört, listen sie auf, dass Zigics Verteidigung den internationalen Steuerzahlern in vier Jahren insgesamt 1,4 Millionen US-Dollar gekostet hat und Zigic in dieser Zeit zwei Wohnungen, eine Firma und drei PKWs einbrachte. Das Haus seiner Eltern in Prijedor hat er auch renoviert, obwohl die wohl die meiste Zeit im Flugzeug verbracht haben dürften: Für Flugtickets gingen satte über 18.000 Dollar über die Theke.

    So richtig hingegriffen hat Zigi´c aber im Gefängnis selbst, wodurch die ganze Sache erst ans Licht kam: 33.000 Euro hat er im Kiosk und der Kantine des Gefängnisses ausgegeben. Verfügt die Haftanstalt des Tribunals über eine unterirdische Einkaufspassage? Laut dem Sprecher der Informationsabteilung des Tribunals, Christian Chartier, werden hinter Scheveninger Gardinen nur Grundnahrungsmittel, Bücher, Seife und Telefonkarten verkauft. Vermutlich hielt das Gericht den Häftling Zigic in den letzten vier Jahren für einen Hygienefanatiker, dass ihm dessen Exzesse nicht aufgefallen sind.

    Schuld ist der Taxifahrer

    Nun hat das Gericht Zigic erst einmal alle Pflichtverteidiger gestrichen. Bis zum Abschluss seines Berufungsverfahrens muss er seine Verteidigung selbst bezahlen. Ein Pappenstil, denn das wird, so haben die Gerichtsbuchhalter ausgerechnet, höchstens 30.000 Dollar kosten. Das Gericht hat offen gehalten, ob es die an Zigic geflossenen Gelder eintreiben wird.

    Der Taxifahrer ist nun schuld daran, dass sich die Gerichtsverwaltung auch das Finanzgebaren anderer Häftlinge genauer ansehen will. Bei einem wird sie da nichts finden: Bei Slobodan Milsevic, der auf jeden Verteidiger verzichtet hat und sich selbst verteidigt - ohne Honorar. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 20.7.2002)

    Klaus Bachmann aus Den Haag
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