Studenten nur mangelhaft gebildet

16. Juli 2002, 20:13
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Projekt an Linzer Uni zeigt bedenkliche Defizite auf - Fragen und Ergebnisse zum Download

Linz - "Was bedeuten die einzelnen Buchstaben bei der Abkürzung AIDS?" "Wann wurde Österreich zum ersten Mal urkundlich erwähnt?" "Was tut eine Wissenschafterin, die deduktiv vorgeht?" Drei Fragen, die aus der Millionenshow stammen könnten, aber bei einem Forschungsprojekt an der Linzer Johannes-Kepler-Universität eingesetzt wurden. Die studentische Allgemeinbildung wurde überprüft - mit teils ernüchternden Resultaten.

200 Studenten der drei Linzer Fakultäten wurden insgesamt 24 Fragen zu diversen Wissensgebieten gestellt. 89 Prozent von ihnen konnten beispielsweise die Baustile Romanik, Gotik, Barock und Klassizismus nicht identifizieren. Was in der Wissenschaft ein Theorem ist, wussten 88 Prozent nicht, ebenso viele hatten keine Ahnung wer "Das andere Geschlecht" geschrieben hat.

Für Projektleiter Franz Wagner ergeben sich aus dem nicht repräsentativen Test einige bedenkliche Schlussfolgerungen. "Es zeigte sich, dass gerade Menschen mit höherem Bildungsniveau neugierig auf die korrekten Antworten waren. Studenten, die weniger wussten fühlten sich ertappt, und wollten auch nichts weiter wissen", erläutert er. "Die Hungrigen bleiben weiter hungrig, dadurch könnte sich mittelfristig eine erhebliche Bildungsschere ergeben."

In diesem Zusammenhang kritisiert Wagner aber auch pädagogische Entwicklungen. "Ich bin mir nicht sicher, ob der Trend zum Edutainment gut ist. Bei der Aneignung von Allgemeinwissen geht es eher ums Erarbeiten und nicht ums Konsumieren", merkt er an. Auch die zu fachspezifische Ausbildung an manchen Lehranstalten trage nicht zu einem hohen Bildungsniveau bei, ist sich der Vortragende sicher.

Erhebliche Schwächen entdeckt Wagner aber auch bei wissenschaftsspezifischen Fragen. Zwischen 83 und 88 Prozent der Befragten konnten mit Begriffen wie Theorem, normative Wissenschaft und deduktives Vorgehen nichts anfangen. "Hier liegt der Fehler bei den Universitäten, wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass die Studierenden hier ein Informationsdefizit beklagen", gesteht er ein.

PS: Hier noch die richtigen Antworten auf die eingangs gestellten Fragen: Acquired Immune Deficiency Syndrome; 996; schließt vom Allgemeinen auf das Besondere.

(Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2002)
Testanforderung unter
franz.wagner@jku.at
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