"Es ist ein Blödsinn"

9. Juli 2002, 21:32
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Widerstandskämpfer Ludwig Steiner hält im STANDARD-Interview die Diskussion um Stadlers Rede für kontraproduktiv

STANDARD: Volksanwalt Stadler hat gesagt, Österreich wäre 1945 "angeblich vom Faschismus und der Tyrannei befreit worden" und dabei "in die nächste Tyrannei", die der sowjetischen Besatzungsmacht geraten. Sie als Zeitzeuge aus Tirol haben damals doch auch befürchtet, dass in Wien eine reine Satellitenherrschaft der Sowjetunion aufgebaut wird?

Steiner: Wir in Innsbruck haben das Jahr 1945 selbstverständlich als Befreiung erlebt. Was sich in den Apriltagen in Wien vollzogen hat, das haben wir nicht erlebt. Auch in der provisorischen Landesversammlung war man dagegen, dass man so ohne weiteres diese Regierung anerkennt, das war von Tirol aus gesehen eine unsichere Angelegenheit.

STANDARD: Aber man hat recht bald gesehen, dass das nicht eine Tyrannei ist, wie Herr Stadler sagt?

Steiner: Tyrannei? Das ist überhaupt ein Blödsinn. Diese Wortwahl des Stadler ist in jeder Hinsicht unsinnig. Es ist natürlich klar, dass es eine Reihe von Vorfällen gegeben hat, im Zuge des Einmarsches der Truppen. Dass viele nicht nur an Jubel denken, das stimmt natürlich schon auch - es wäre wert, die Geschichte 1945/46 aufzuarbeiten. Aber nicht so, wie es der Herr Stadler tut. Das gleichzusetzen mit dem Nazi-Regime ist doch heller Wahnsinn und in jeder Weise abzulehnen. Aber wenn die Medien jetzt jeden zu Stadler befragen, dann tun sie ihm die größte Ehre an, die er sich nur wünschen kann.

STANDARD: Sie meinen, dass Stadler bewusst provoziert?

Steiner: Er hat ja Beispiele, wie das funktioniert: Wenn irgend ein Rülpser aus Kärnten kommt, dann rotiert die gesamte Weltpresse. Da geht es offenbar nur um eine Steigerung des Bekanntheitsgrades.

STANDARD: Womöglich aber auch darum, bestimmte Wähler anzusprechen, die gerne hören, was Herr Stadler behauptet?

Steiner: Die das gerne hören, sind eine Minderheit. Der Haupteffekt ist: Die Leute prägen sich den Namen Stadler ein, das bringt Proteststimmen. Es würde reichen, wenn die Medien ganz kurz schreiben würden: Das hat er gesagt - und es ist ein Blödsinn. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2002)

Das Gespräch führte Conrad Seidl
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