Ein Blog gegen den Medienkrieg

Interview |
  • "Eines Tages sitzen wir am Frühstückstisch und denken uns: So, jetzt reicht's!" Katharina Stemberger und ihr Mann Fabian Eder im Restaurant Achilleus in Wien.
-> Blog: "Odyssee in den Frühling"
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    foto: christian fischer

    "Eines Tages sitzen wir am Frühstückstisch und denken uns: So, jetzt reicht's!" Katharina Stemberger und ihr Mann Fabian Eder im Restaurant Achilleus in Wien.

    -> Blog: "Odyssee in den Frühling"

Katharina Stemberger und Fabian Eder wollen mit ihrem Blog "Griechenland blüht" eine Gegenposition zum permanenten Medienkrieg gegen Hellas beziehen

STANDARD: Wie kam die Idee zu "Griechenland blüht" zustande?

Katharina Stemberger: Wir sind im Sommer letzten Jahres mit einem 13 Meter langen Segelboot losgestartet und waren dann wochenlang im Ionischen Meer und in der Ägäis unterwegs. Es war eine schöne Reise. Doch das Bild, das medial über Griechenland vermittelt wurde, passte so gar nicht zu dem, was wir vor Ort vorgefunden haben.

Fabian Eder: Wenn man an Griechenland gedacht hat, dann hatte man irgendwann nur noch Merkel und Sarkozy vor Augen, doch die Griechen selber kamen kaum noch zu Wort. Die Menschen wurden verunglimpft. Sie wurden auf das Klischee des faulen, steuerhinterziehenden Griechen reduziert, der hinterm Olivenbaum sitzt und schnarcht. Das ist Rassismus.

Stemberger: Vor ein paar Monaten - da waren wir wieder zu Hause - sitzen wir dann eines Tages am Frühstückstisch und denken uns: So, jetzt reicht's! Und so haben wir die Idee geboren, unsere Erfahrungen der Reise zu verarbeiten.

STANDARD: Wie und wo haben Sie recherchiert?

Eder: Innerhalb weniger Tage bin ich dann mit Andreas Handl und Richie Wagner nach Griechenland geflogen, ausgestattet mit Kamera, Fotoapparat und Diktiergerät. Wir waren auf unterschiedlichen Inseln und haben dort Menschen porträtiert. Insgesamt haben wir so an die 30 Interviews geführt. Und der größte gemeinsame Nenner all dieser Leute war: Sie sind alle jung und haben beschlossen, nicht vor der Krise zu flüchten, sondern ihrem Land treu zu bleiben.

STANDARD: Was genau ist mit dem Material passiert?

Eder: Wir haben daraus einen Blog und einen Dokumentarfilm gemacht. Es geht uns nicht um ein verschrobenes Kunstprojekt. Es geht uns nur darum zu sagen: Wachts auf! Denkts nach!

STANDARD: Gab es für dieses Projekt irgendwelche Förderungen?

Stemberger: Das wäre sich in der Kürze nicht ausgegangen. Entweder du machst es so, jetzt und auf der Stelle, oder du machst es gar nicht.

STANDARD: Und? Wie waren die Reaktionen in Griechenland?

Eder: Das ganze Ding hat eine unglaubliche Dynamik entwickelt. In kürzester Zeit hat es auf den Blog mehr als 40.000 Zugriffe gegeben. Schon bald haben die größten griechischen Tageszeitungen darüber geschrieben. Für mich ist das der Beweis, dass es zu wenig ist, immer nur über Politik und Wirtschaft zu berichten. Europa besteht nicht aus Zahlen, sondern aus Menschen.

STANDARD: Wie stehen die von Ihnen porträtierten Menschen zum Thema "Grexit"?

Eder: Die jungen Menschen sind Europa gegenüber sehr aufgeschlossen. "Grexit" ist für diese Menschen kein Thema, das steht nicht zur Diskussion. Ich habe das Gefühl, dass das Damoklesschwert Euroausstieg populistisch aufgezogen ist.

STANDARD: Was wird sich dank "Griechenland blüht" verändern?

Stemberger: Fakt ist: Wenn jemand in Athen nichts zu essen hat, dann können wir das leider nicht ändern. Das liegt nicht in unserer Macht. Aber wir können den positiven Gedanken vermitteln, dass man ein Problem immer von mehreren Seiten beleuchten kann. Unsere Sichtweise ist ein gutes Gegenstück zum permanenten Medienkrieg, der gegen Griechenland geführt wird. Die jetzige Situation ist eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Chance.

STANDARD: Wird es auch ein blühendes Italien, ein blühendes Portugal geben?

Eder: Hoffentlich nicht!

Stemberger: Ach, der nächste Frühling kommt bestimmt. Aber ganz ehrlich: Ich freue mich sehr, dass der Film jetzt auch in Brüssel gezeigt wird. Am 10. Juli - und darauf sind wir wirklich stolz - wird es im Europäischen Parlament eine offizielle Präsentation des Films und des Blogs geben. Wer, wenn nicht die EU-Parlamentarier, sind die eigentliche Zielgruppe dieses Projekts! (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 29.6.2012)

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