Mobile Money als Inflationstreiber

Daniel AJ Sokolov, 1. April 2012, 11:48

Mobile Geldbörsen können in Ländern mit geringer Bankenverbreitung die Inflation anheizen

Mobile Geldbörsen können in Ländern mit geringer Bankenverbreitung die Inflation anheizen. Darauf weist die African Development Bank hin. In Österreich besteht diesbezüglich keine Gefahr. Fallende Tarife für Mobilfunk wirken in vielen Märkten inflationsbremsend. Die in einigen Entwicklungsländern besonders erfolgreichen Mobile Money Systeme könnten den Spieß wieder umdrehen.

Gut versteckt

Denn das sichere Verwahren von Geld "im Handy" und die bequeme Übermittlung von Handy zu Handy kann die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöhen: Der selbe Schilling wechselt häufiger den Eigentümer. In Kenia, das mit "M-PESA" das wohl erfolgreichste Mobile Money System aufweist, dürfte das mobile Geld die drei bis vierfache Umlaufgeschwindigkeit anderer Geldvarianten haben.

Da der breiten Bevölkerung keine Banken zur Verfügung stehen, musste Geld in der Zeit vor M-PESA gut versteckt werden. Damit war es meist nicht zur Hand. Außerdem war es mühsam, zeitraubend und riskant, Geld auszugeben. Mit M-PESA veränderte sich diese Situation rasch. Zuvor gehortetes Geld kam in Umlauf. Heute laufen über M-PESA nur innerhalb Kenias mehr Transaktionen, als Western Union weltweit abwickelt.

BIP : Geldmenge = Umlaufgeschwindigkeit V_i = \frac{Y}{M_i}

Grundsätzlich gilt: Die Gesamtproduktion einer Volkswirtschaft dividiert durch die verfügbare Geldmenge ergibt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Erhöht sich die Umlaufgeschwindigkeit ohne dass die Produktionsmenge (in dem Ausmaß) zunimmt oder die Geldmenge sinkt, steigt die durchschnittliche nominale Bewertung der einzelnen Produkte. Was nichts anderes bedeutet als einen nachhaltigen Preisanstieg, bekannt als Inflation.

Inflation galore

2011 haben sich die Inflationsraten in Ostafrika vervielfacht. Die AfDB forscht am Beispiel von Äthiopien, Kenia, Tansania und Uganda nach Ursachen und möglichen Abhilfen.

Lag die Inflation in diesen Staaten Ende 2010 noch im einstelligen Prozentbereich, erreichte sie im Herbst 2011 je nach Land annähernd 20 bis fast 40 Prozent. Dies führt die AfDB vor allem auf drei Faktoren zurück: Deutlich höhere Weltmarktpreise für Lebensmittel und Öl, Rückgang der heimischen Nahrungsmittelproduktion in Folge von Dürre kombiniert mit unterentwickelten regionalen Handelsströmen, sowie die Geldpolitik der betroffenen Staaten (Währungsverfall, steigende Geldmengen).

Die AfDB betont nun, dass bei der Bekämpfung der Inflation auch "virtuelle" Banksysteme wie Mobile Money zu berücksichtigen seien. "Finanz-Innovationen wie E-Money könnten zur Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit beigetragen haben, wie man an den steigenden Nutzerzahlen sieht", wird ausgeführt. "Die Zunahme der Umlaufgeschwindigkeit (...) könnte ihrerseits selbst erfüllende Inflationserwartungen geschürt haben und die Geldpolitik erschwert haben. (Die Zentralbanken) könnten unabsichtlich eine lockerere Geldpolitik betreiben, wenn E-Money schneller als erwartet wächst."

Die Menschen erwarteten also eine höhere Inflation und gaben ihr Geld möglichst schnell aus weil es am nächsten Tag vielleicht schon deutlich weniger wert war. Die Zentralbanken aber nahmen bei der Festsetzung der Zinssätze keine Bedacht auf das besonders schnell zirkulierende, virtuelle Geld.

Millennium Development Goals

Ironischer Weise dürften auch gut gemeinte Projekte wie die Millennium Development Ziele das Inflations-Problem verschärft haben: Für vorgesehene Investitionen in die Infrastruktur mussten Devisen in namhaftem Ausmaß angekauft werden. Dies reduzierte den Wechselwert der lokalen Währung und verteuerte so Importe.

Gleichzeitig musste aufgrund geringer Ernten mehr Nahrung importiert werden, woraufhin die Nahrungsmittelpreise stark anzogen. Der regionale Ausgleich der Lebensmittelressourcen ist zu gering ausgeprägt und manchmal auch Spielball von Spekulanten.

In Österreich

Österreichische Sparbuchbesitzer müssen sich vor M-Money nicht fürchten. In unseren Breiten sind bargeldlose Zahlungsmöglichkeiten und sichere Geldverwahrung schon lange etabliert. Zudem sind Dienste wie paybox bislang Nischenprodukte, das dort gespeicherte Geld wird auch nicht rasend häufig umgesetzt.

Let it Rain

Warum die AfDB in Zukunft hofft, durch die Erhebung von Niederschlagswerten das Phänomen Inflation besser zu verstehen, können Sie dem Papier "Economic Brief - Inflation Dynamics in selected East African countries" (PDF) entnehmen. (Daniel AJ Sokolov, derStandard.at, 26.3.2012)

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Der Artikel basiert auf einer völlig akademischen und unrealistischen Grundannahme

-und zwar dass die Produktionsmenge gleich bliebe wenn die Umlaufgeschwindigkeit steigt.

Das ist natürlich Schwachsinnn - wenn die Leute mehr ausgeben dann erwerben sie dafür auch mehr Güter und Services sodass die Wirtschaft angekurbelt wird. Wer auch immer das Geld verdient gibt es auch wieder aus und erwartet dafür selbstverständlich eine Gegenleistung - genau das ist die Mehrproduktin die im Artikel einfach negiert wird.

Das war übrigens auch das Ziel und die Folge des sehr erfolgreichen Schwundgelds in Wörgl (Tirol) in der Zwischenkriegszeit.

Die Produktionsmenge steigt nicht nicht, sondern weniger stark als die Umlaufgeschwindigkeit.

Der Artikel basiert auf einer völlig akademischen und unrealistischen Grundannahme -und zwar dass die Produktionsmenge gleich bliebe wenn die Umlaufgeschwindigkeit steigt

Diese Annahme ist weder akademisch, noch unrealistisch. Es läuft zur Zeit überall auf der Welt im sog. Computerhandel.

Täglich werden Milliardenbeträge durch diese Maschinen gejagt: und am Ende des Tages sind USA und z.B. Großbritannien um eine halbe Milliarde Dollar reicher.

Das erzeugt in der Tat Inflation: weil zu 90% mit keinerlei Wertschöpfung verbunden.

Das, was die Leute in Kenia machen erzeugt keine Inflation: weil es zum Kauf- und Verkauf von realen Produkten benutzt. Hier ist das Geld in seiner ursprünglichsten und richtigen Funktion zu sehen.

Dumm für die Banken, die außen vor bleiben...

hab ich mir auch gedacht

nur weil ich mit dem handy bezahlen kann, schicke ich nicht jedem, dem ich auf der strasse begegne, ohne gegenleistung geld (auch wenn es ein nullsummenspiel ist wenn alle mitmachen).

es ist doch eher so, dass der umsatz (und das BIP) angekurbelt wird, wenn ich impulsiv einkaufen kann (ohne dass ich vorher stundenlang zur naechsten bank laufen bzw. das wochenende abwarten muss). aber ohne leistung kriegt von mir keiner ein geld (bin ja nicht die telekom)!

Ähm...

Ein "Ankurbeln" der Wirtschaft geht aber auch immer einher mit Inflation.

aus wikipedia

das Preisniveau steigt immer dann, wenn (bei Konstanz der jeweiligen beiden anderen Größen)

1. die Geldmenge M zunimmt,
2. die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes U zunimmt (empirische Untersuchungen zeigen, dass die Umlaufgeschwindigkeit langfristig annähernd konstant bleibt),
3. die Reale Produktion Y (das Handelsvolumen) sinkt.

ich wuerde sagen, die studie ist ein schmarrn.

hmm

die (hyper)inflationen (zb in suedamerika) wurden also durch eine explodierende wirtschaft verursacht?

ich dachte immer, inflation ist ein ueberangebot von geld (zb weils einfach gedruckt wird)?

Weil mehr Geld den Besitzer wechselt. Ob das der Fall ist, weil mehr Geld gedruckt wird, oder wie hier, das vorhandene Geld schneller kreist, ist zweitrangig.

Solange das MEHR an Geld nicht durch ein gleich hohes MEHR an Produktion ausgeglichen wird, hat man Inflation.

ja, aber was ist der Unterschied zwischen Telebankingüberweisungen von einem Österreicher zum anderen und Mobilemoneyübertragungen von einem Kenianer zu einem anderen?

Statt Banken gibts halt Handy-Geld.

oder sehe ich das falsch.

Der Punkt ist, dass es diese Möglichkeit zur schnellen, bargeldlosen Überweisung vorher nicht gegeben hat. Da hat sich geändert und das müssen die Zentralbanken in Ihren Berechnungen berücksichtigten. In Österreich führt Mobile Money wohl nicht zu nennenswerter Beschleunigung des Geldkreislaufs, eben weil es schon viele andere Möglichkeiten gibt und diese auch genutzt werden.

naja, ich könnte mir lediglich vorstellen, das der handel vorher extrem gebremst war

zb: ich will eine ziege kaufen, die kostet zb 100€.
ich hab gerade 70€ dabei, der rest ist gaanz sicher irgendwo verwahrt, wo es kein einbrecher findet, aber ich auch zuerstmal 3 stunden arbeiten muss, um ranzukommen.
ich biete die 70€ dem händler an, der wittert seine chance, endlich mal einen geschäftsabschluss zu machen.

natürlich bremst das die inflation künstlich, es ist kein reguläres rumverhandeln mehr.

ob jedoch ein mobiles geldsystem so dramatisch einfluss hat, und nicht die anderen im artikel genannten punkte... ich weiß nicht.

Es sind natürlich mehrere Faktoren, die werden ja auch genannt. Die AfDB warnt die Zentralbanken, dass sie ihr Geldmanagement der neuen Situation anpassen müssen. Sonst verfehlen sie ihre Ziele.

Das Beispiel mit der Ziege ist nicht schlecht, für mehr alltägliche Käufe, insbesondere Impulskäufe, funktioniert das aber besser.

Wenn Du zB Kebap oder Eislutscher verkaufst, und die Hälfte der Passanten weniger als 5 Schilling in der Tasche hat, wird Dein Preis wohl unter 5 Schilling liegen. Wenn aber plötzlich die Hälfte der Leute mindestens 20 Schilling dabei hat, kannst Du Deinen Preis auf 6 Schilling anheben, ohne Liquiditätsprobleme Deiner potenziellen Kunden befürchten zu müssen. Der Preis steigt, Kebap/Eis bleiben gleich = Inflation.

danke für die Erklärung. Das gleiche Impulskaufverhalten gibts doch auch in Ö durch Bankomatkassen bzw. Kreditkarten

Ich denke...

... auch dass sich Banken von Mobile Money bedroht sehen und deshalb derartige Pressemeldungen lancieren.

Vermutlich war die Umlaufgeschwindigkeit sogar NOCH niedriger als es weniger Bankfilialen gab. Deshalb Bankfilialen schliessen um die Inflation zu bekämpfen!

"Warum die AfDB in Zukunft hofft, durch die Erhebung von Niederschlagswerten das Phänomen Inflation besser zu verstehen, können Sie dem Papier "Economic Brief - Inflation Dynamics in selected East African countries" (PDF) entnehmen."

super, danke....dafür les also zeitung

hahahahha, hohe umlaugeschwindigkeit = hohe inflation, niedrige v = wenig inflation, dh 0 umlauf = abslout keine inflation. als hinge inflation von der umlaufgeschwindigkeit ab.

Die Inflation hängt vom Verhältnis des Geldangebots zum Produktionsaufkommen ab. Wenn die Umlaufgeschwindigkeit schneller steigt, als die Produktion, dann gibt es ein Überangebot an Geld, woraufhin die Preise nachhaltig steigen = Inflation. Ich weiß nicht, was Dich daran erheitert. :-)

Ist ja plausibel: Wenn niemand Geld ausgibt, ist Geld knapp und die Waren müssen verbilligt werden, bis endlich jemand das Börserl zückt; also Deflation.

Wenn die Leute ihr Geld schnell auf den Markt werfen, gibts ein Überangebot an Geld und Waren werden auch gekauft, wenn sie teurer werden: Inflation.

BIP : Geldmenge = Umlaufgeschwindigkeit V_i = \frac{Y}{M_i}

Copy/Paste Journalismus at its best!

LaTeX im Standard

Ich finde das gut....verwende selbst aber meistens das etwas altmodische {Y\over M_i}... :-)

Vi = Y / Mi, könnte man auch schreiben. man geht wohl davon aus dass der geneigte leser latex kann.

was natürlich immer noch nichts daran ändert, dass wenn man eine formel hinschreibt man die variablen einführen sollte. (warum sind V und M mit i indiziert?)

Ist er das?

Der Artikel zum 1. April?

Den Eindruck hab ich auch.

"Fallende Tarife für Mobilfunk wirken in vielen Märkten inflationsbremsend."

Und zwar sehr sogar. :)

P.S.:

jetzt verstehe ich auch, warum meine Bank Gutschriften zwar sofort bekommt, aber verzögert auf mein Konto schreibt: das ist nichts anderes, als selbstlose Sorge um die Stabilität der Währung.

drei Faktoren: deutlich höhere Weltmarktpreise für Lebensmittel und Öl, Rückgang der heimischen Nahrungsmittelproduktion in Folge von Dürre kombiniert mit unterentwickelten regionalen Handelsströmen, sowie die Geldpolitik der betroffenen Staaten ...

Jepp. An diesen drei Komponenten ist nichts zu machen. Daher muss man das Geldtransfersystem in den Vordergrund schieben...

Dieser Artikel ist bestimmt von den Banken lanciert. Denn sie stellen erstaunt und entsetzt fest, dass der Geldtransfer an ihnen vorbei läuft. Und das ist auf jeden Fall eine Katastrophe... Und eine Formel als Beweis ist auch schon zur Hand.

Dass die Bauern und Handwerker das Geld für WERTSCHÖPFUNG ausgeben interessiert niemanden: genau wie die Realwirtschaft niemanden interessiert. Denn dieses Geld kann nicht nebenbei dafür verwendet werden, DAMIT Geschäfte zu machen: ganz ohne die Wertschöpfung versteht sich. Dafür aber MIT GELD(ab)schöpfung.

Schone grüße vom XETRA DAX.

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