Naked Lunch: "Im Blues geht es immer um alles"

Interview | Christian Schachinger
28. Jänner 2013, 17:39
  • Streitbarer Pop: Naked Lunch alias Alex Jezdinsky, Herwig  Zamernik, 
Oliver Welter und Stefan Deisenberger.
    foto: foto: ingo pertramer

    Streitbarer Pop: Naked Lunch alias Alex Jezdinsky, Herwig Zamernik, Oliver Welter und Stefan Deisenberger.

Naked Lunch liefern seit mehr als 20 Jahren hochklassigen Pop zwischen Euphorie und Verzweiflung - Anlässlich des neuen Albums "All is Fever" sprachen die Musiker über Himmelfahrt und Inbrunst

STANDARD: Einerseits hört man in der Musik Naked Lunchs ein Wollen, die Welt aus ganzem Herzen zu umarmen, andererseits wird die Handbremse gezogen und gesagt, wirklich gut läuft das hier aber nicht. Ist dieser Eindruck falsch?

Oliver Welter: Diese beiden Seelen schlagen in unserer Brust. Wir versuchen allerdings, dem klassisch depressiven Singer-Songwritertum entgegenzuwirken. Textlich kann ich halt aus meiner Haut nicht raus. Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein.

STANDARD: In zwei Liedern des neuen Albums "All is Fever" geht es darum, Berge zu erklimmen. Man klettert vorbei an der schönen Welt nach oben, eine anstrengende Himmelfahrt. Auf halber Strecke auf dem Gipfel angekommen, verreckt der Motor, und es geht nicht mehr weiter. Zu allem Überdruss schicken dann die Kärntner Beach-Boys- und Grenzlandchöre Regenwetter.

Welter: Ha, ha, da können Sie jetzt aber ein Buch drüber schreiben. Genau das war die Intention!

Stefan Deisenberger: Wir verwenden gern Metaphern der Bewegung. Ihr Ziel ist aber kein gutes.

STANDARD: Geht es darum, dem Stillstand entgegenzuwirken und die Verzweiflung künstlerisch in Grenzen zu halten? Naked Lunch bedeutete immer auch: Jammern auf höchstem Niveau.

Welter: Weitermachen ist ein Credo von uns. Auch rein arbeitstechnisch betrachtet. Sonst müsste man sich ja umbringen. Das mag ich nicht. Nicht täglich, nur jeden zweiten Tag. Ich schätze es sehr, wenn ich kleines Ego mit der Gitarre traurige Lieder vor mich hinsinge - und dann kommt die restliche Band und sagt: Halt doch deinen Mund. Wenn man sich nicht seinem kleinen weinerlichen Gefühl unterwirft, sondern jemand dagegenhält. Da fühlen wir uns wohl. Ich bin oft erstaunt, was mit einem Song passiert. Nicht alle in der Band wollen die Befindlichkeit des Songwriters transportieren.

Herwig Zamernik: Ich bin auch nicht der Meinung, dass hier dauernd gejammert wird. Es gibt eine gewisse Grundmelancholie, das schon. Die meisten anderen neuen Songs, etwa The Sun, klingen aber alles andere als weinerlich. Wenn man uns aber vorwirft, fatalistisch zu sein, trifft das zu.

Deisenberger: Einigen wir uns doch auf fatalistisch-euphorisch.

STANDARD: Ironie ist jedenfalls nicht die Sache Naked Lunchs.

Welter: Wenn Musik dilettantisch angelegt ist, mag ich Humor schon. Generell ist mir ernste Musik allerdings lieber als der Clown von nebenan.

STANDARD: Kann es sein, dass das Zielpublikum auch merken würde, wenn es Musik mit roter Nase geboten bekommt?

Zamernik: Ja, wenn man beispielsweise deutschen Schlager mit diesen oft tragischen Inhalten singt, muss man genau diesen ernsten Hau haben, um glaubhaft zu sein. Es wäre für mich solo als Fuzzman wahnsinnig interessant, einmal ironiefrei deutschen Schlager zustande zu bringen.

Deisenberger: Dann musst du aber damit aufhören, dich mit diesen tiefen Schlagerarrangements aus den 1970er-Jahren abzuplagen. Das ist genau das, wo man merkt, dass etwas nicht stimmt.

Zamernik: Das Zielpublikum ist nicht so blöd, wie man glaubt.

Welter: Man muss es mit voller Inbrunst machen.

STANDARD: Funktioniert das tatsächlich, wenn man zu viel Gefühl in ein Lied legt? Ruft das Intensive beim Laufpublikum nicht Unbehagen hervor? Die meiste Musik wird für Menschen gemacht, die sich nicht für Musik interessieren.

Welter: In meinem Fall nicht! Mir gefällt das, wenn irgendwelche Wahnsinnigen daherkommen und sagen: Wir sind drogensüchtig, spielen nur einen Akkord und legen viel zu viel von allem in dieses Wenige. Das kann von Indiepop bis zu House oder extremem Metal von Slayer reichen.

Zamernik: Eine interessante Sicht der Dinge.

STANDARD: Wie schafft es Oliver Welter als reflexiver Mensch, sich in die eigene Musik kippen zu lassen, ohne dass das peinlich wirkt?

Welter: Die Band ist ein hartes Korrektiv. Ich bekomme dann zu hören: Geh zur Essenz! Eine Naked-Lunch-Produktion ist immer eine sehr schmerzvolle Erfahrung, ein Prozess, vor dem alle Beteiligten Angst haben. Immer noch weiter in den Gatsch! Über die Peinlichkeitsgrenze hinaus. Kann man das noch bringen? Im Zweifel denke ich mir, dass man alles bringen kann. Ich höre gern amerikanischen Blues, den echten, nicht von irgendwelchen Kasperln. Im Blues geht es immer um alles.

STANDARD: Ist hier der Übergang zur zustandsgebundenen Kunst nicht recht fließend? Naked Lunch verwenden im Song "The Sun" als Gegengift doch auch recht bewusst scheinbar abgegriffene Schablonen wie Glockenspiel oder den "Wall of Sound" eines Phil Spector aus den 1960er-Jahren, um Distanz zu schaffen.

Deisenberger: Wir wollten dieses abgegriffene Popformat nehmen und schauen, wie sehr man es ausreizen kann.

Welter: Ich wollte immer wirklich großen Pop machen. Im Endeffekt sind mir Roxy Music näher als eine Grungerockband aus Seattle.

STANDARD: Naked Lunch sind als diskussionsfreudige Band bekannt. Wie oft gibt es Streit? Man hört ja auch das kämpferische Element, die Reibung, den Druck hinter dem Endergebnis.

Welter: Das ist sehr höflich formuliert. Wir sind keine demokratische Band.

Zamernik: Es ist nicht lustig. Andererseits kann es dem Hörer egal sein, wenn sich die Musiker in die Haare kriegen.

Welter: Wenn wir nur Naked Lunch machen würden und nicht zusätzlich Soloprojekte oder Theatermusik, hätten wir uns schon gegenseitig umgebracht. Die Reibung ist bei Naked Lunch vorprogrammiert.

Zamernik: Mir wäre Naked Lunch allein definitiv zu wenig.

Welter: So, so.

Zamernik: Überall auf der Welt wird gestritten. Streiten ist das Normalste von der Welt.

Deisenberger: Wir streiten heute viel besser als früher. Das Untergriffige ist vorbei.

Welter: Die besten Platten der Rockgeschichte sind aus Blut und Schweiß entstanden. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 29.1.2013)

Naked Lunch, die 1991 von Oliver Welter gegründete Klagenfurter Band, beglückt die Welt mit melancholischen und von Chören zwischen Kärntner Grenzland und kalifornischen Beach Boys geprägten Liedern. Zu ihren erfolgreichsten Alben zählen "Songs For The Exhausted" (2004) oder "This Atom Heart Of Ours". Das neue Album "All is Fever" (Tapete Records/Wohnzimmer) gibt sich kämpferischer als zuletzt und zielt auf den großen erwachsenen Popsong. Zum Line-up zählen auch die Produzenten und Solokünstler Herwig Zamernik (Fuzzman) und Stefan Deisenberger (Love & Fist). Ab 14. März gehen Naked Lunch auf Österreich-Tournee.

Naked Lunch

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13 Postings
bin ueber balsam nicht hinausgekommen

Ich mag ja Naked Lunch wirklich.

Aber das aktuelle Promovideo ist schon eine etwas peinliche Kopie.

Den Herwig hab ich heut übrigens im Zug nach Wien getroffen - sehr liaba Bua :)

(Trust me Fuckers hab ich mir neulich zugelegt - würde ich auch euch ans Herz legen.)

...

wann kommt ne neue Disharmonic ?

ich schätze

wenn patrick klopf geschieden wurde ;)

hach

lord deisis Ein-satz-antworten. Fast schon fundamental exploristisch. ;)

Macht weiter so Jungs! (One good thing about music, when it hits you, you feel no pain....*sing*)
Auch wenn mir persönlich die Seattler Grungerockbands näher sind, als die Roxy Music... mag aber auch am Alter liegen.

deisi hat genau EINE einsatz-antwort gegeben.

pardon, zwei.

Hm. Mal anhören! :)

Dazu sage ich sicher nichts.

last men standing @ the badland:...you guys made my youth:...

NL

leiwande band, bin schon gespannt.

Eine Qualität, die heute kaum erreicht wird.

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