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Kolumne |

Augstein fehlt ein Mindestmaß an Gefühl für das jüdische Trauma der Vernichtung und für die Existenzängste Israels

Vor einem halben Jahrhundert hatte Paul Celan, der große deutschsprachige Dichter aus der Bukowina, in einem Brief das "Wiederaufleben jenes sich liberal gebenden Antisemitismus" in Deutschland beklagt und von "philosemitischen ... (Zwangs-)Alibis" gesprochen. Das zeitlose Dilemma der jüdischen Identität in Verbindung mit der gängigen Verharmlosung der Bedrohung Israels bildet auch heute den Hintergrund zu dem Streit, der um die Kolumnen Jakob Augsteins auf "Spiegel Online" entbrannt ist. Den Konflikt löste das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles aus, das den Gesellschafter des Spiegel-Verlags auf Platz neun der Liste der zehn weltweit schlimmsten Antisemiten gesetzt hatte.

Diese Platzierung Augsteins wurde auch von den meisten führenden jüdischen Intellektuellen in Deutschland als übertrieben zurückgewiesen und dem Einfluss des streitbaren Publizisten Henryk M. Broder zugeschrieben, dessen außerordentlich scharfe Kritik an Augstein vom Wiesenthal Center als Begründung angeführt worden war: Er sei ein lupenreiner Antisemit, der auch bei der Gestapo hätte Karriere machen können. Obwohl Broder den Hinweis auf die Gestapo später zurücknahm, blieben er und auch andere Kritiker wie Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bei dem Vorwurf, dass Augsteins Behauptungen, dass Israel bzw. eine jüdische Lobby den Weltfrieden gefährde, seine Gleichsetzung der jüdisch-ultraorthodoxen Fundamentalisten mit den islamischen fundamentalistischen Attentätern, seine Verharmlosung der iranischen Gefahr usw. den neuen und alten Antisemiten in die Hände spielen.

Mindestmaß an Gefühl fehlt

Augstein weist mit Hinweis auf die berechtigte Kritik der israelischen Regierungspolitik den Vorwurf der Begünstigung antijüdischer Klischees zurück. Wenn man aber die sechs Seiten des Disputs im "Spiegel"-Gespräch mehrmals liest, gewinnt man den gleichen Eindruck wie Graumann: Es fehlt bei Augstein ein Mindestmaß an Gefühl für das jüdische Trauma der Vernichtung, für die Existenzängste Israels. Bei vielen Berichten und Kommentaren über Israel und den wachsenden Antisemitismus, nicht nur in Deutschland, spürt man Herzlosigkeit, zuweilen "kalte Verachtung" (Graumann) gerade wegen der hohl gewordenen Trauerrituale zum Holocaust. Man kann zugleich nicht oft genug betonen, dass die Erinnerung an das nazistische Massaker der sechs Millionen europäischen Juden nicht als Persilschein für Menschenrechtverletzungen und die ewige Besetzung des Westjordanlands missbraucht werden darf.

Celan schrieb in seiner unvergesslichen "Todesfuge": "der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Die historische Verantwortung Hitler-Deutschlands für die Shoah ist unauslöschbar. Abgesehen von dem beispielhaften Bemühen der Merkel-Regierung um die Aussöhnung mit dem Judentum und ihrer Solidarität mit Israel, darf man aber auch die deutschen Opfer der Vertreibungen (also auch die drei Millionen Sudetendeutschen) nicht vergessen. Deshalb war die rücksichtslose Instrumentalisierung antideutscher Parolen in einer Schmutzkampagne gegen einen so unverdächtigen und angesehenen Staatsmann wie Karl Schwarzenberg ein folgenschwerer Rückfall in Prag in das Vokabular der braunen und roten Diktaturen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 29.1.2013)

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