Gerstenkorn: Aufs Aug' drücken

  • Herumdrücken am Auge ist tabu. Durch die Manipulation werden die Erreger verteilt.
    foto: apa/matthias schrader

    Herumdrücken am Auge ist tabu. Durch die Manipulation werden die Erreger verteilt.

Die akute bakterielle Entzündung am Augenlid wird mit antibiotischen Salben behandelt - Selbst herumdoktern empfiehlt sich nicht

Man sucht vergeblich nach dem Haar oder Stäubchen im roten Auge. Denn was sich anfühlt wie ein Fremdkörper, ist eine bakterielle Infektion, die auch schnell sichtbar wird - am Lidrand, an der Lidkante oder zwischen den Wimpern. Die betroffene Stelle schwillt an, wölbt sich. Der umgangssprachliche Begriff "Gerstenkorn" für die akute Entzündung kommt nicht von ungefähr. Wenn das unschöne Ding dann auch noch glasig wird, schaut es aus wie ein eitriger Pickel am Auge.

Hormonelle Faktoren, ähnlich wie bei Akne, können Gerstenkörner verursachen, sagt der Hartberger Allgemeinmediziner Reinhold Glehr. Als andere Verursacher identifiziert er auch Staub, Rauch, trockene Luft oder den Mangel an Sauberkeit beim Umgang mit diversen Kosmetika und Kontaktlinsen.

Wie bei der Akne gilt: nicht herumdrücken. Denn das Gerstenkorn (Hordeolum) ist eine durch Staphylokokken ausgelöste Infektion. Durch Manipulationen würden die Erreger verteilt, eine Ausbreitung der Entzündung und eine Weitergabe der Erreger durch mangelnde Handhygiene wäre die Folge.

Eine Gerstenkorn entsteht, wenn die Talgdrüsen (Meibom-Drüsen) am Augenlid verstopft sind, und das Sekret, das Lidränder einfettet und die Augenlider beweglich macht, nicht mehr abfließen kann. Meist bildet sich ein Gerstenkorn von selbst zurück. "Wenn man aber das Risiko einer Komplikation verhindern möchte, sollte man zum Arzt gehen", warnt Reinhold Glehr alle, die erst einmal lieber abwarten. Zur Beseitigung der Bakterien werden dann antibiotische Salben oder Tropfen verschrieben. Öffnet sich das Gerstenkorn nicht von selbst, muss es vom Arzt mit einer sterilen Nadel angestochen werden, damit der Eiter abfließen kann.

Nicht herumdoktern

Von Hausmitteln wie Auswaschen mit Kamillentee oder Auflegen von Teebeuteln wird abgeraten. Durch nasse Anwendungen werden die Bakterien über das ganze Auge verteilt. Besser ist das Betupfen mit Kompressen (Ringelblumen, Grüntee, Hamamelis oder Augentrost), die nach jeder Anwendung weggeworfen werden. Dreimal täglich über zehn Minuten warme Umschläge lindern Schmerzen ebenso wie Lichttherapie mit Infrarotlampen.

Wann muss man mit dem Gerstenkorn zur Fachärztin oder zum Facharzt? "Sofort", meint Susanne Binder, Vorstand der Augenabteilung in der Wiener Rudolfstiftung. "Das Hordeolum ist zwar die einfachste Erkrankung in der Augenheilkunde, weil es leicht zu diagnostizieren ist, aber harmlos ist es nicht." Abwarten, bis das Gerstenkorn von selbst verschwindet, sei der falsche Weg. Binder: "Es handelt sich um eine akute Entzündung und muss behandelt werden."

Vor allem bei Kindern trete sehr oft das Hordeolum internum, das interne Gerstenkorn, auf. Bei dieser Infektion der Meibom-Drüsen bricht Eiter nach innen durch. Komplikationen sind flächige Entzündungen. Nach der Therapie mit antibiotischen Salben und Tropfen sollte der Patient noch einmal zur Kontrolle kommen, rät Binder.

Gerstenkörner kommen in allen Altersgruppen vor, gehäuft bei Diabetikern. Wiederkehrende Entzündungen können auf eine noch nicht erkannte Stoffwechselerkrankung, beispielsweise Diabetes mellitus, hinweisen. Susanne Binder: "Tritt ein Gerstenkorn zwei- oder dreimal auf, wird spätestens nach dem dritten Mal ein Blutbild, eine genaue Untersuchung gemacht." Es gelte schließlich auch abzuklären, ob nicht eine andere auf bösartige Erkrankungen wie Tumore hinweisende akute Schwellung vorliege.

Anders als das Gerstenkorn ist das Hagelkorn (Chalazion) eine chronische, "harte" Entzündung der Meibom-Drüsen.

Härtere Bandagen

"Eine Abkapselung des Sekrets aus der inneren Schicht der Meibom-Drüse", beschreibt es die Augenspezialistin Binder. Ein Hagelkorn kann, muss aber nicht Folge eines Gerstenkorns sein. Der harte Knoten ist im Gegensatz zum Gerstenkorn selten schmerzhaft, sollte aber nicht ignoriert werden. Binder: "Ein Chalazion kann Astigmatismus oder eine andere Sehstörung auslösen."

Hagelkörner können sich spontan zurückbilden. Tun sie es nicht, gibt es zwei Formen der Therapie: Kortisoninjektionen in das umgebende Gewebe oder chirurgischer Eingriff.

Die Injektionen wirken bei rund 50 Prozent der Patienten, sagt Susanne Binder. Bei der anderen Hälfte ist ein Eingriff unter lokaler Betäubung notwendig. Dabei wird die Haut aufgeritzt und der Talg herausgeschält. Um einen Tumor der Meibom-Drüse, ein Basaliom (Hautkrebs) oder eine andere bösartige Krankheit auszuschließen, wird das Gewebe histologisch untersucht. (Jutta Berger, DER STANDARD, 28.1.2013)

Der Erreger Staphylo- coccus aureus ist für das Gerstenkorn verantwortlich. Foto: corbis
© 2013 Der Standard

 

Wissen

Infektion und Abszess

Was umgangssprachlich als Gerstl oder Gerstenkorn bekannt ist, nennt die Medizin Hordeolum. Diese akute, eitrige Entzündung der Talgdrüsen am Lidrand des Auges tritt als äußeres oder inneres Gerstenkorn auf. Verursacht wird die Infektion durch den Erreger Staphylococcus aureus, Streptokokken sind als Verursacher selten.

Komplikationen können Lidabzesse oder Phlegmone, eine Ausbreitung der Entzündung über das ganze Auge, sein. Behandelt wird mit desinfizierenden antibiotischen Salben und Tropfen. Peinliche Sauberkeit ist wichtig, damit die Erreger nicht verschleppt und übertragen werden. Öffnet sich ein Gerstenkorn nicht von selbst, ist eine Inzision (Aufstechen) durch den Arzt notwendig. Oft wiederkehrende Gerstenkörner deuten auf ein geschwächtes Immunsystem hin, können auch Anzeichen für Erkrankungen wie Diabetes mellitus sein.

Zu unterscheiden ist das Gersten- vom Hagelkorn oder Chalazion. Das Hagelkorn ist eine chronische Entzündung der Meibom-Drüse, ausgelöst durch mit Talg verstopfte Drüsengänge. Meist bildet sich ein Hagelkorn selbst zurück. Therapiert wird mit antibiotischen Salben und Tropfen und mit trockener Wärme. Bessert sich der Zustand nicht, muss das Hagelkorn unter örtlicher Betäubung chirurgisch entfernt werden.

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22 Postings

Hallo Ich glaube ich habe ein gerstenkorn unterm augenlid was kann ich machen. mein auge ist geschwollen und tut sehr weh.

Aber geh ...

ich hab mir schon 3x ein Gerstenkorn selbst rausgeholt .... ohne irgendwelche Kosequenzen.

Aufstechen und raus damit.

Haben Sie das mit der Nagelschere abgeschnitten oder verwechseln Sie das was?

Ich hatte mal ein Gerstenkorn (aua), hab über eine Freundin, deren Mutter Augenärztin ist, den Namen einer antibiotischen Augensalbe erfahren. Hab die ohne Rezept bekommen und nach 3 Tagen war das Gerstenkorn weg.

Eine Kollegin von mir hat dann 2 Wochen später ein Gerstenkorn bekommen. Deren Augenärztin riet ihr zu Kamillentee - die Kollegin hatte das Gerstenkorn ganze 2 Wochen.

Wahrscheinlich hatte sie den Plazebiotischen Effekt nicht gekannt, deshalb hat es nicht gewirkt. Aussredem ist Kamillentee als Heilmittel zu Billig, da müsste man schon was um 50€ verkaufen, was gut riecht. So einer Ärztin gehört an sich die Lizenz entzogen.

Warme Kompressen, evtl. Rotlicht, damit unterstützen Sie die Reifung; keine Kamille, keine atherischen Öle ( reizen noch mehr)

wenn es reif ist und "aufgeht" dann erst antibiotische Salbe. Sonst ist es wie wenn Sie beim Autofahren auf Gas und Bremse gleichzeitig steigen.

Ich hab auch gehört, dass man die Entzündung durch feuchte Wärme quasi anheizen soll um das Gerstenkorn zum Durchbruch zu bewegen, oder ist das ein Unsinn?

vollkommen richtig.

Sie stimulieren mit der Wärme die Entzündung. Wenn es ganz reif ist ( Eitergupf) dann "ausdrücken". Nicht vorher, da sonst nicht alles ausgedrückt werden kann und das Gerstenkorn wieder kommt. Erst dann die antibiotische Salbe. Wenn Sie ein schmerzloses (!) Knötchen haben und das über einige Zeit, dann ist es zum Chalazion (= Hagelkorn) geworden und muss des öfteren in einem kurzen Eingriff operativ entfernt werden. Da hilft dann keine Wärme oder Salbe. Nur geduld oder Op.

vollkommen richtig.

Interessant: mein Mann erzählte mir von den ersten Symptomen eines Gerstenkorns am linken Auge und ich habe ihm eine antibiotische Augensalbe aufgetragen.

Zur Sicherheit habe ich ihm empfohlen, am nächsten Tag einen Augenarzt aufzusuchen. Die Augenärztin hat sich das Auge angesehen, gemeint das ist ein Gerstenkorn, war entsetzt darüber wie ich ihm eine antibiotische Augensalbe auftragen konnte und empfahl ihm Teebeutel aufzulegen. Weil ich schon mit der Augensalbe begonnen hatte, stimmte sie zu noch zwei Tage das Auge mit der Salbe zu behandeln.

Ansonsten lautete der Rat der Ärztin: Kamillenteebeutel auflegen und sonst nix machen.

Habe die Salbe drei Tage lang aufgetragen und das Auge war wieder tip top - Kamillenteebeutel gab es keine.

Ich hatte vorige Woche ein angehendes Gerstenkorn, war deshalb in 2 Apotheken, die weigerten sich mir eine antibiotische Salbe zu verkaufen (nur gegen Rezept). Dann empfahl mir der Apotheker einen Kamillenteebeutel aufzulegen (den Tee hat er mir natürlich auch verkauft).
Tja, am nächsten Tag ging das wieder zurück.

Geh bitte. Salbe sofort rauf und immer wieder auftragen und a Ruh ist.

Als Kind hatte ich öfter so ein Gerstenkorn, die haben mich richtiggehend verfolgt. :-)
Das mit der Kamille kenn ich auch, aber ich hatte dann ohnehin so eine Salbe verschrieben bekommen und bei den ersten Anzeichen (beginnende Schmerzen bei Augenzudrücken oder Blinzeln - gesehen hat man noch nicht viel) habe ich dann sofort die Salbe aufgetragen und das noch ein oder zwei Mal und habe somit das Zeug frühzeitig gekillt.
Ich hatte ja schon wirklich genug Erfahrungen mit diesen Dingern.

Irgendwann mal noch im Jugendlichenalter hatte ich dann ohnehin meine Ruhe und seitdem nix mehr. Abgehen tun sie mir nicht. :-)

Wer bitte empfiehlt Kamille? Total verpönt.

Steht eh im Artikel: man soll nicht "herumdoktern" ...

Wie man an ihrem Beispiel sieht: im wahrsten Sinne des Wortes.

Was war der Grund für das Entsetzen der Augenärztin?

Ansich wäre eine Behandlung mit einer antibiotischen Salbe ja durchaus richtig, also wird sich die dabei ja was gedacht haben.

Als Grund denkbar wär für mich evtl. das Auftragen einer "antibiotischen Salbe" ohne ärztliche Verordnung, weil das im wahrsten Sinne des Wortes in Auge gehen könnte, wenn man dabei ein ungeeignetes Präparat erwischt. Aber das ist jetzt nur spekuliert...

Der Grund des Entsetzens der Ärztin war der, dass sie offensichtlich dachte, ich hätte die Salbe unsachgemäß bei einer früheren Erkrankung angewendet und dabei die Salbe mit anderen Bakterien in Verbindung gebracht.

Abgesehen davon war sie tatsächlich überzeugt, dass die einzige Behandlungsweise in einem Kamillenteebeutel bestehen sollte.

Und ja, ich habe die Salbe ohne ärztliche Empfehlung verwendet - schließlich sprach die Indikation dafür und der Erfolg gab mir dann recht. ;o)

Okay, das ist nachvollziehbar. :-)

Angebrochene Salben, gerade mit Wirkstoffen wie zB Antbiotika gehören auch in den Müll, wenn man sie nicht mehr braucht.

Erstens ist es möglich, daß die Salbe gar nicht mehr wirkt, weil sie zu lange angebrochen herumliegt und Antibiotika in Flüssigkeiten oder Salben nur kurz haltbar sind.

Zweitens kann es sein, daß eben wegen der geringen Haltbarkeit die Wirkstoffdosis nur noch im subtherapeutischen Bereich liegt (d.h. "zu wenig Wirkstoff da ist") und eine bakterielle Infektion nicht mehr ausreichend bekämpft wird.
Damit züchtet man sich dann multiresistente Keime heran, wie zB MRSA (übrigens sogar ein Staphylococcus aureus). Gegen die helfen dann nur noch sehr, sehr wenige Antibiotika, und damit werden Infektionen zum echten Problem.

Mit der antibiotischen Salbe unterdrücken sie nur die Entzündung, am Grund des Gerstls - der verstopften Drüse - ändert das aber nichts. Im schlimmsten Fall verlängern sie das Leiden nur, und züchten mit so einer Microanwendung von Antibiotika noch dazu resistente Bakterien.

Nicht ganz, würd ich sagen.

Das stimmt wahrscheinlich, solange das Gerstenkorn noch nicht "reif", also aufgegangen ist.

Wenns aber mal offen und so gut wie möglich gereinigt ist, dann kann eine antibiotische Salbe durchaus sinnvoll sein.
Die sollte man aber nicht einfach draufklatschen, sondern sich von einem Arzt anschauen lassen.

Weil der die Kompetenz hat, um sagen zu können, ob es überhaupt noch eine medikamentöse Behandlung braucht, und welches Präparat überhaupt geeignet ist. Antibiotikum ist nicht gleich Antibiotikum ist, es braucht eines, das gegen den entsprechenden Keim auch wirklich hilft.

Ich drück die Dinger immer schon frühzeitig aus, dann wird es nicht so ein riesen Dipl und heilt auch schneller.

Sehr schöner Artikel. Ich finde, solche populär-medizinischen artikel über (verbreitete) krankheiten sollts öfters geben. Oder auch mal artikel z.b. über tuberkulose-impfungen, oder ähnliches.

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