Neue "Erlebniswelt" Kärnten-Therme

Warmbad-Villachs einst altbackenes Image wird in der neuen Kärnten-Therme herzhaft durchgeschüttelt

Mit dem wandfüllenden Marmormosaik von Franz Rogler, mit dem hohen, sanft gewölbten Naturholzplafond und den stets in gedämpftem Ton konferierenden Kurgästen hat die Atmosphäre des 1959 gebauten Urquellenbeckens von Warmbad-Villach längst Museumswert: So war's einmal, so wird's nicht mehr.

Die Zukunft, zumindest eine Variante davon, lässt sich nebenan in der neuen Kärnten-Therme erleben. Für Gäste des im vergangenen Jahr eröffneten Neubaus des Hotels Karawankenhof geht das sogar, ohne einen Fuß in die dieser Tage eher unwirtliche Frischluft setzen zu müssen: Es ist mit beiden über bademanteltaugliche Zugänge verbunden.

Die neue Therme steht mit ihrem im zweiten Stock "frei" schwebenden 25-Meter-Becken, mit ihrer exklusiven Spa- und Fitness-Landschaft (nur gegen Aufpreis) und vor allem mit ihrem abenteuerlich aufwändig gestalteten Fun-Bereich für das Thermalbad als "Erlebniswelt" des Gaming-Zeitalters und Destination für den Kurz-Eskapismus der Generation Wellness.

Nicht eine, nicht zwei, nein drei Wasserrutschen wurden hier eingebaut, dazu ein künstlicher "Crazy River"-Wildwasserbach, wo man auf Gummischläuchen über 72 Meter durch einen sprudelnden Kanal mit zwei Steilkurven bugsiert wird - damit es dem Titel entsprechend irgendwie " crazy" zugehe, zum Teil sogar bergauf.

Tropensturm im Wetterturm

Es gibt einen "Wetterturm", in dem der Wind via Lautsprecher bläst und man bei allerhand höhligem Tropfen-Blingbling von "Tropenregen, Stürmen, Regenschauern, sanften Brisen ..." heimgesucht werden kann, wie der Werbetext verrät. In Wahrheit kommt einem die Naturgewalt in der engen Räumlichkeit eher in Form eines anderen Badegastes zu nahe - speziell wenn es sich, wie in unseren Breiten nicht unüblich, um ein über die Maßen stattliches Exemplar handeln sollte.

Derlei Erlebnisse kann man auf der "Silver Hole"-Rutsche hinter sich lassen: 86 Meter wild mäandernde Kurven, die in eine Art Zielschuss münden, bei dem man sich wie im freien Fall fühlen darf und dazu noch gezielt Wasser ins Gesicht gespritzt bekommt: eine Stresssituation der Extraklasse, noch potenziert durch die Zeitnehmung, die im Ziel ausgelöst (und von den Vorrutschern entsprechend kritisch beäugt) wird. Wer seine Linsen rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat, kann hier wirklich Spaß haben, und durch das viele Stiegensteigen von ganz unten nach ganz oben (dritter Stock) kommt fast so etwas wie Fitness-Feeling auf.

Dampfender Großkristall

Erholung verspricht das extrawarme Außenbecken, das mit über 30 Grad geheiztem Wasser wie ein dampfender Großkristall im Schnee liegt. Apropos Warmbad: Das ungestreckte, stark radonhaltige Thermalwasser kann pur nur im Urquellenbecken genossen werden. Auskenner empfehlen aber ohnehin, sich ihm nur 30 Minuten lang auszusetzen - mehr tut auf einen Sitz nicht gut. In der Therme ist es auf funfreundliches Maß mit Normalwasser vermischt und auf etwas mehr als die "natürlichen" 28 Grad aufgeheizt.

Für Nichtvillacher ist der neue Karawankenhof die beste Adresse, um die Möglichkeiten der Therme zu erleben. Der Neubau biedert sich zwar gar glatt an die kantige Fassade der Therme an, bietet aber den Komfort eines aktuellen Viersternehotels. Das wissen auch zahlreiche Gäste aus Italien zu schätzen, die "il wellness in Austria" längst als wintertaugliche Abart des Dolcefarniente entdeckt und entgegen den Erwartungen auch gar kein Problem damit haben, zum Frühstück ebenso in zerbeulten Jogginganzügen zu erscheinen wie die schamlos einheimische Kundschaft.

Auch sonst ist durchaus unübliche Anpassung der Lateiner an lokale barbarische Gebräuche zu bemerken - von der energischen Enterung des reichhaltigen Frühstücksbuffets (sehr gut) über die tapfere Vernichtung mit Lachs gefüllter "Seezungen"-Röllchen in Safransauce und Reis (na ja) beim "Galadiner" bis zur begeister- ten Plünderung des "Kärntner Abends" , wo doch tatsächlich ein paar Schnitten vom Schweinsbraten (saftig!) auf demselben Teller zu liegen kommen wie die Kasnudeln. So viel ist klar: In Abano Terme hätt's das nicht gegeben! (Severin Corti, DER STANDARD, Album, 25.1.2013)

 

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