Wenn Spielen unter Druck Geld bringt

Reportage | Elisabeth Parteli
29. Jänner 2013, 10:19
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    foto: apa/axel heimken
  • Über diese Laptops laufen rund 10.000 Tests pro Jahr.
    foto: derstandard.at/parteli

    Über diese Laptops laufen rund 10.000 Tests pro Jahr.

  • Und so sieht das Labor der Ökonomen aus: Die Arbeitsplätze sind strikt getrennt,...
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    Und so sieht das Labor der Ökonomen aus: Die Arbeitsplätze sind strikt getrennt,...

  • ... der Kabelsalat ist unvermeidlich.
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    ... der Kabelsalat ist unvermeidlich.

  • Experimentalökonom Sutter: "Es ist
faszinierend, den Menschen beim Entscheiden zuzusehen."
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    Experimentalökonom Sutter: "Es ist faszinierend, den Menschen beim Entscheiden zuzusehen."

Nicht nur im Casino kann man Geld erspielen, sondern auch im Dienste der Wissenschaft. Ein Lokalaugenschein im Labor

"Wie wenn man ins Casino geht", sei es. Das sagt zumindest Psychologiestudent Thomas. Auf den ersten Blick aber erinnert nichts an Roulette oder Black Jack. Mit Jeans und Windjacke hätte es Thomas auch nicht am Türsteher vorbei geschafft. Im Westteil der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Innsbruck dagegen würde ein edler Anzug eher auffallen. Die Getränke kommen aus dem Automaten. Geld erspielen kann man aber auch in diesem Glasgebäude, in einem unauffälligen Informatikraum im ersten Stock.

Laborbedingungen

Fünf Bankreihen, pro Reihe vier Arbeitsplätze, dazwischen dünne Wände. Abschreiben ist nicht erwünscht. Auf jedem Arbeitsplatz wartet ein Laptop, am Boden der unvermeidliche Kabelsalat. So schaut ein Labor bei Ökonomen aus. Rund 10.000 Tests laufen hier in jedem Jahr. "Es ist faszinierend, den Menschen beim Entscheiden zuzusehen", sagt Studienleiter Matthias Sutter von der Universität Innsbruck. Der Experimentalökonom stellt sich immer wieder eine Frage: Wieso entscheiden sie so und nicht anders?

21 Studenten sind da. Es ist schon die vierte Gruppe an diesem Tag. "Wir haben eine Person zu viel", sagt Sutters Doktorand Florian Lindner. Er führt die Experimente durch. "Will jemand freiwillig für vier Euro nicht mitmachen?" Keiner. Wahrscheinlich wissen die Studenten, dass eine Teilnahme im Durchschnitt 15 Euro bringt. "Gut, dann gibt es Kärtchen, die sind durchnummeriert" – die Auswahl ist weiterhin zufällig. Die Nummer 21 quittiert den Erhalt der vier Euro, die anderen setzen sich an ihren Arbeitsplatz.

Spiel unter Zeitdruck

Die Spielanordnung wird erklärt. Es soll erforscht werden, ob sich das Verhalten unter Zeitdruck verändert. Auf die Idee dazu kam er durch einen Homeshopping Sender im Fernsehen, sagt Sutter. "Am Bildschirm rechts oben stand, wie viele super beschichtete Pfannen es noch gibt. Die Zahl lief hinunter. Ganz nach dem Motto: Wenn Sie zugreifen wollen, dann müssen sie das jetzt tun." Hat das Einfluss auf unsere Entscheidungen?, fragte er sich damals. Denn Zeitdruck spiele ja im gesamten Wirtschaftsprozess eine wichtige Rolle, bei der Einführung eines neuen Produkts zum Beispiel - nicht nur auf den Aktienmärkten.

"Gibt es noch Fragen?", fragt Lindner die Studenten. Die Reaktion erinnert an die Schulzeit. Ruhe. Niemand meldet sich, alle senken den Kopf. Dann geht ein Klicken durch den Raum. Nach rund 40 Minuten sind alle vier Teile des Tests bewältigt, und Jusstudent Ernest hat 20 Euro gewonnen – oder besser: erspielt. "Ein guter Stundenlohn", meint er. Er ist zum ersten Mal hier. Warum er mitmacht? "Eigentlich geht’s mir ums Geld."

Allen Probanden wird ein Gegner zugeteilt. Die Zahlen zwischen elf und 20 stehen zur Wahl. Wer sich für elf entscheidet, bekommt elf Punkte, wer die 20 wählt, erspielt 20 Punkte. Liegt ein Spieler aber um genau eine Zahl unter seinem Gegner, bekommt er 20 Zusatzpunkte. So ist es zwar verlockend, die Zahl 20 zu wählen, sie verhindert aber den Gewinn der Zusatzpunkte. Wer auf 19 setzt, könnte 39 bekommen. Ein großer Unterschied, wenn man bedenkt: Fünf Punkte, ein Euro.

Belohnung fördert schnelles Denken

Gestresst habe er sich nicht gefühlt, sagt Ernest, 19, nach dem Test. Kein Wunder – er hatte für jede Entscheidung zwei Minuten Zeit. Unter Zeitdruck standen die Kollegen, die vor rund einem Monat in diesem Labor waren. Sie mussten innerhalb von 15 Sekunden klicken. Ernest dagegen gehört  zu einer reinen Kontrollgruppe. Placebo gibt es auch in der Wirtschaftswissenschaft. Die Ergebnisse der Testgruppen vergleicht Sutter dann. Zum Glück könne man aber jetzt schon ausschließen, dass die Teilnehmer bei großem Zeitdruck nach dem Zufallsprinzip entscheiden, zeigt sich der Experimentalökonom erleichtert. Dazu trägt auch der finanzielle Anreiz bei.

Der gehört durchaus auch zur Versuchsanordnung, um eine reine Aufwandsentschädigung handelt es sich nicht. Aus den bisherigen Daten werde auch deutlich, dass die Testpersonen die Informationen sogar schneller verarbeiten, wenn eine Belohnung lockt, sagt Sutter. "Am Anfang habe ich weniger darüber nachgedacht, wie ich mich entscheide", sagt auch Psychologiestudent Thomas. Seit er sich aber vor dem Klicken Gedanken mache, sei das Spielen hier viel lukrativer. "Man muss schon zwei Schritte vorausdenken", meint der 25-Jährige. Auch für die anderen müsse man mitdenken.

Emotion und Fairness

So ähnlich verhalte es sich auch auf dem Aktienmarkt, sagt Sutter. Natürlich gebe es zu jedem Unternehmen Fundamentaldaten, eine Aktie aber sei nur der Wert, den man einem Unternehmen für die Zukunft beimisst. Und worauf kommt es an? Auf die Meinung der anderen Marktteilnehmer. Der eigene Geschmack trete also in den Hintergrund. "Auch Investitionen in Aktien sind ja eigentlich nichts anderes als Investitionen in die Schönheit", Sutter nimmt Bezug auf das "Beauty Contest Game" des britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Dieses Spiel gewinnt, wer unter vielen Bildern jenes wählt, für das sich die meisten anderen auch entscheiden. Ausschlaggebend ist also, dass man seine Mitspieler richtig einschätzt.

Seine direkten "Gegner" kennt man im Innsbrucker Labor üblicherweise nicht. Persönliche Emotionen sollen keinen Einfluss haben. Ganz so rational wie angenommen funktioniert das menschliche Gehirn laut Sutter aber nicht. Beim Aufteilen eines Kuchens seien auch Emotionen oder Fairness wichtige Faktoren. Darf ein Teilnehmer entscheiden, wie viel von 100 Euro er selbst behalten und wie viel er abtreten will, tut er gut daran, nicht gierig zu sein. Unfaire Angebote lehnt der Mitspieler in der Regel ab, und beide gehen leer aus. Unter Zeitdruck seien die Probanden mit den Angeboten übrigens viel eher unzufrieden, hat der Ökonom festgestellt.

Teilnehmer zufällig ausgewählt

Auch wichtig für Entscheidungen ist die Kooperation. Ein Feldversuch stellte südamerikanische Fischer vor die Entscheidung: Weitmaschiges Netz und weniger Ertrag oder engmaschiges Netz und die Zerstörung ihrer eigenen Fischerei-Zukunft. Solange alle mitspielen, funktioniere diese Kooperation. Die meisten Menschen seien nämlich konditionale Kooperierer. "So sind wir erzogen", sagt Sutter.

Als er 1998 mit diesen Experimenten begonnen hat, sei es schwierig gewesen, Teilnehmer zu finden. Die ersten Probanden habe er mit seinem eigenen Gehalt bezahlt. "Wie, dafür kriege ich jetzt wirklich Geld?" – die Teilnehmer waren erstaunt. Mittlerweile werden die Experimente gefördert, unter anderem von der Nationalbank und vom Wissenschaftsfonds. Rund 4.000 Studenten sind aktuell in der Datenbank registriert. Wer drankommt, entscheidet der Zufall.

Dieser Zufall hat Mario, 22, schon einmal getroffen. Es sei interessant, in einer Fachzeitung über ein Experiment zu lesen, bei dem man selber mitgemacht hat, sagt der Physikstudent. So geschehen im vergangenen Jahr. Eine Studie der Uni Innsbruck belegte den positiven Einfluss von Frauenquoten in Betrieben. In einem mehrstufigen Experiment wurden Gruppen aus Männern und Frauen gebildet. Nachdem einfache Aufgaben gelöst waren, mussten die Probanden einschätzen, ob sie zu den beiden Besten gehören. Das Ergebnis: Männer überschätzten sich systematisch, Frauen schätzten sich im Schnitt realistisch ein und scheuten den Wettbewerb weit stärker als Männer. Natürlich habe auch er sich zu den beiden besten gezählt, sagt Mario, "ich kannte die anderen ja, die waren aus meiner Klasse."

Unternehmen nutzen Erkenntnisse nicht

Der Vorteil des Labors sei es, dass man die Ergebnisse leichter kontrollieren kann, sagt Sutter. Der Trend aber gehe stark in Richtung Feldexperimente. Ideal also, wenn ein Feldversuch einen Laborversuch bestätigt: In 16 großen amerikanischen Städten veröffentlichte der US-amerikanische Ökonom John List Stellenausschreibungen, und er kam zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier nahmen die Bewerbungen der Frauen deutlich ab, wenn sie mit einem Wettbewerb verbunden waren. Werden sie aber bevorzugt behandelt, sind die Frauen wettbewerbsfreudiger. Auch das fand Sutter heraus.

Unternehmen nutzen diese Erkenntnisse jedoch kaum für sich. "Da mache ich mir nichts vor", sagt der Ökonom. Ab und zu werde er eingeladen, "um Veranstaltungen einen akademischen Touch zu geben", vermutet er.

Als letzter holt sich Thomas sein Geld ab. Auch ihm zahlt Lindner 20 Euro aus. Die Kassa wird geschlossen. Die Wände zwischen den Arbeitsplätzen werden abgebaut. Und wo gerade noch ein "Spielcasino" war, sieht es wieder aus wie in jedem anderen Informatikraum. (Elisabeth Parteli, derStandard.at, 29.1.2013)

Matthias Sutter ist seit 2006 Professor am Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck. Der 1968 geborene Vorarlberger gilt als einer der führenden deutschsprachigen Experimentalökonomen.

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12 Postings
möchte mich irgendjemand für playstation spielen bezahlen?

machs auch für 3€ die stunde.

>Eine Studie der Uni Innsbruck belegte den positiven Einfluss von Frauenquoten in Betrieben.

Aha, kann die Autorin auch erklären, warum das positiv sein soll? Oder wird da einfach eine These hingeworfen, die gar nichts mit dem Experiment zu tun hat.

Auch: Wer glaubt in einer Gesellschaft müssen Männer und Frauen dieselben Arbeiten 50:50 verrichten, soll aus seinem stalinistischen feuchten Traum aufwachen und aufhören Mann und Frau zwanghaft in ein abstruses Weltbild zu zwängen.
Je offener die Gesellschaft, desto mehr entscheiden sich Frau und Mann ihren Präferenzen entsprechend.

Ich wünschte wir hätten es auf der Biologie so einfach mit den Versuchen.

Experimente an einem Tag...kein Schmutz, kein steriles Arbeiten, keine Gele die reissen können, keine Freezer die irgendein Student offen stehen lässt, keine Puffer die noch vom Vorgänger im Jahre Schnee gemischt wurden, aber laut Aussage des PostDocs "immer noch in Ordnung" sind...obwohl der pH inzwischen weiss der Teufel wo liegt.

So, ich muss weg, meine Superdex Säule ruft nach mir...

dafür habt ihr meistens externe validität, das können sich die Experimentalökonomen nur wünschen.

...eine studie zur hirnrissigkeit von spekulationsgeschäften

Nicht nur im Casino kann man Geld erspielen, sondern auch im Dienste der Wissenschaft.

auch im Dienste der Landesregierung...

hab mehrfach an sutters experimenten teilgenommen

war eigentlich immer lustig und hat mir einige biere im cafe dinzler finanziert :) freut mich auch, dass sutter damit erfolg hat, ist auch ein sympatischer kerl.

Es empfiehlt sich auch an Sutters Vorlesungen teilzunehmen! Der Mann hat's einfach drauf! :)

dafür bin ich inzwischen vielleicht zwar noch nicht zu alt, aber definitiv zu weit weg von innsbruck - aber genießen sie es!

bitte die exakte spielanweisung des o.a. Experimentes zu beschreiben - die im artikel ist wohl unvollständig.... DAnke!!

bildhaft, knackig, gut!

"Werden sie aber bevorzugt behandelt, sind die Frauen wettbewerbsfreudiger."

Wer hätte DAS gedacht.

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