Falschmeldung zur Xbox 720 stellt Medien bloß - was nun?

Eine neue Zeitungsente wirft die Frage auf, ob man über Gerüchte berichten sollte.

Es sind aufregende Zeiten für Gamer. Gleich zwei neue Konsolen stehen vor der Türe und mit ihr eine neue Generation von Videospielen. Leserinteresse und Medienberichterstattung schaukeln einander gegenseitig auf, jeder Hinweis, jede noch so kleine Info ("Information" wäre schon zu lang) kann, muss, will verwertet werden. Und dann passiert's: Eine Falschmeldung wird übernommen, kursiert durchs Netz und findet sich im Handumdrehen auf den ganz kleinen und ganz großen Nachrichtenseiten wieder. Und lässt alle Journalisten, die ihr nicht widerstehen konnten, richtig blöd aussehen.

Alle mit einem Schlag

Genau das ist vergangene Woche im Strom der Xbox 720- und PlayStation 4-Meldungen geschehen. Ein Internetnutzer wollte beweisen, wie einfach es ist, sich als Insider auszugeben und mit erfundenen Informationen in die Schlagzeilen zu gelangen. Per Email erreichte er als vermeintlicher Microsoft-Mitarbeiter gleich eine Reihe namhafter Games- und Technologieseiten und setzte das Gerücht in die Welt, dass Microsoft neben der neuen Xbox auch an einem Gaming-Tablet namens X-Surface arbeitet (Anm.: Der GameStandard hat die Meldung nicht gebracht, ist aber wie jede Zeitung auch nicht vor Enten gefeit.).

In einem Blog-Eintrag deckte er seinen Schwindel schließlich auf und stellte jene Medien, die darauf hereingefallen waren, bloß. Während sich die meisten Journalisten "sehr professionell" verhielten, sah er sich gezwungen einen der Journalisten namentlich zu nennen, weil dieser angeblich besonders aggressiv auf die Falschmeldung reagierte. Dem gewitzten Urheber dieser Zeitungsente zufolge wäre damit eines bewiesen: Anonymen Quellen ist nicht zu trauen und Journalisten, die anonyme Quellen zitieren, seien ihrer Jobbezeichnung nicht würdig.

Ist das so?

Nun, so richtig diese These erscheinen mag, so falsch wäre sie. Denn, dass sich Quellen (Insider) in Zeitungsberichten "anonym" äußern können, ist eine absolute Voraussetzung unserer Medien- und Meinungsfreiheit. Wären Menschen nicht in der Lage, ihre Identität zu schützen, wäre investigativer Journalismus oft gar nicht möglich. Der Vorfall zeigt gewiss, dass Medien noch genauer bei der Hinterfragung ihrer Informationsquellen vorgehen müssen. In der Regel jedoch geschieht das auch. Und es wäre fatal zu glauben, dass als "anonym" gezeichnete Quellen den jeweiligen Journalisten nicht bekannt sind. Im Gegenteil: Selbst einem international gesehen relativ kleinem Medium wie derStandard.at werden regelmäßig Informationen zugesteckt - und oftmals nicht von Personen, die einem unbekannt sind, sondern man nur allzu gut kennt. Herr oder Frau Falschmelder hat absolut Recht, wenn es darum geht, dass man seine Quellen kennen sollte. Nur aufgrund der einen oder anderen Falschmeldung pauschal zu verurteilen, schießt übers Ziel hinaus.

Kann man Gerüchten trauen?

Klar, würde man alles als Nachricht verkaufen, was im Internet zu lesen ist, hätte die nächste Xbox nicht nur ein passendes Tablet, sondern auch einen Projektor für Hologramme. Aber wie langweilig wäre nicht nur die Zeitungswelt, sondern unser gesamtes kommunikatives Leben, wenn man immer nur offizielle Pressemitteilungen berücksichtigen würde. Der Mensch tickt nicht so. Und das ist auch der Grund, weshalb Informationen durchsickern und große Geheimnisse vorab ans Tageslicht gelangen. Wo es ein großes Interesse gibt, wird auch getuschelt. Und anstatt dieses Getuschel zu ersticken, sehe ich die Aufgabe der Journalisten darin, diesen Gerüchten nachzugehen, sie zu filtern, zu bewerten und zu berichten. Vielleicht ist ab und an eine Falschmeldung dabei, aber würde man per se nicht über inoffizielle Informationen schreiben, entgingen den Lesern vermutlich die mitunter spannendsten Geschichten.

Selbstreguliert

Wichtig sind meiner Meinung nach aber zwei Dinge: Erstens, dass sich Autoren wie Leser darüber im Klaren sind, dass Gerüchte keine bestätigten Fakten sind, aber dennoch richtig sein können. Und zweitens, dass man als Journalist und Leser nicht aufhört, Meldungen zu hinterfragen. Ich hatte bisher allerdings das Gefühl, dass sich das Verhältnis "Neugier vs. Zweifel" gerade im Internet immer ganz gut selbst reguliert. Vielleicht haben manche auch einfach noch nicht realisiert, das Medien etwas Lebendiges und Nachrichten etwas Flüchtiges sind. Gerüchte, Meinungen, Fakten - die Zeit, in der Dinge in Stein gemeißelt wurden, ist vorbei. Auch offizielle Aussagen und Unternehmensberichte können schon morgen nicht mehr stimmen. Und wer sich von der Fülle an News und Berichten gequält fühlt, sollte Folgendes nicht vergessen: Wir haben die Freiheit zu entscheiden, welche Nachrichten wir lesen. (Zsolt Wilhlem, derStandard.at, 26.1.2013)

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