Die Vernichtung der Verantwortung

Kolumne | Gerfried Sperl
30. Dezember 2012, 18:17

Die Vernichtung von Werten, auch jener der Demokratie, ist in vollem Gange

Die Besteuerung der Höchstverdiener war von den USA bis Österreich eines der meist umstrittenen Themen des Jahres. Das wird so bleiben, weil die Schere zwischen Reich und Arm trotz (manche sagen, wegen) der Wirtschaftskrise immer weiter aufgeht. Reichensteuern führen zweifellos zu mehr Abgaben-Gerechtigkeit, die Ursachen des scharfen Gefälles der Einkommen werden so nicht behoben.

In seinem jüngsten Buch Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes schreibt der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel, die Entfesselung der Märkte habe zu einer "Marktgesellschaft" geführt, in der sich die dominanten Kräfte jeglicher sozialer Rücksicht und jeglichen Bewusstseins für Verantwortung entledigt hätten.

Sandel illustriert seine Thesen mit zahlreichen Beispielen. Besonders eindrücklich:

In Kalifornien kann die Benützung eigener Autobahn-Spuren für Fahrgemeinschaften von Alleinfahrern gekauft werden. Die Auswirkung: Reichtum setzt Sparwillen und Solidarität außer Kraft.

Für eine jährliche Gebühr zwischen 15.000 und 25.000 Dollar sind US-Ärzte bereit, sich von begüterten Patienten "buchen" zu lassen. Die Folgen: Ärztemangel in manchen Gegenden und Benachteiligungen für die weniger reichen Schichten.

35 Milliarden Dollar schwer ist das Geschäft mit Lebensversicherungen Schwerkranker. Man erwirbt solche Polizzen, zahlt die laufenden Prämien und kassiert nach dem Tod der ursprünglichen Inhaber Millionensummen. Die Auswirkung: Das Aushebeln jeglicher moralischer Wertvorstellung durch kapitalistische Entgrenzung.

Folgerichtig schreibt Sandel, dass nicht Gier allein das Schlamassel der Finanzkrise verursacht habe, sondern die Ausdehnung der Gesetze und Möglichkeiten der Märkte in Bereiche, wo sie nichts zu suchen haben. Wo, wäre hinzuzufügen, die von Konservativen und Marktliberalen gleichermaßen beschworenen Schutzzonen einer traditionell verfassten Gesellschaft liegen: In den Familien, bei den Kranken und Alten, den Schulen.

Der österreichische Marktliberale Christian Ortner verheddert sich in seinem vehement geschriebenen Büchlein "Prolokraten. Demokratisch in die Pleite" exakt in den Widersprüchen, die der Marktliberalismus auch in Österreich seit Schüssel/Haider vertieft hat.

Seine jugendlichen "Helden" Jessica und Kevin "nähren" sich von, wie Ortner es nennt, Krawall-Fernsehen und Trash-Boulevard. Sie seien zu einer Konsum-Masse herangewachsen, an der sich Politiker (vor allem deren Berater) orientierten.

Das ist richtig beobachtet und vielfach von anderen Journalisten ebenfalls beschrieben worden. Ortner verschweigt jedoch, dass genau diese Situation durch die Aufwertung der Märkte zu Quasi-Gottheiten der Gesellschaftspolitik entstanden ist.

Die Vernichtung von Werten, auch jener der Demokratie, ist in vollem Gange. Kevin und Jessica sind nicht von Haus aus dumm, sie werden dumm gehalten - um als funktionierende Konsumenten "richtig" zu wählen. (DER STANDARD, 31.12.2012)

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Verantwortung heißt

auch an Andere zu denken. Und bei rechtsrechten Schlechtmenschen gibt es kein denken über die eigene sehr begrenzte soziale Einheit. Verkümmertes Menschsein halt. Zurück zum recht des stärkeren zur absoluten Rudelmentalität. Geistige Evolution ade.

auch die "linksgrünen bobos" denken im grunde ähnlich…das problem ist, dass man räumlich, medial, gesellschaftlich und sozial in getrennten welten lebt und die jeweils anderen bestenfalls für trottel hält….was auch von den medien (aller richtungen!) mehr oder weniger subtil bestätigt und genährt wird.

“In seinem jüngsten Buch Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes schreibt der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel...“

Liebe Red., ich bitte euch, wenn ihr es schon nicht schafft den Kursivdruck (oder was auch immer den Buchtitel im Printartikel hervorhebt) ins web zu retten, dann setzt solche Titel bitte unter Anführungszeichen - das ist ja unleserlich so, speziell wenn selbiger wie hier einen Punkt enthält...

die sperls und die ortners

hatten jahrelang in guter journalistischer position zeit, fuer die demokratie und ihre werte zu "kaempfen"! was sie jetzt noch schreiberisch von sich geben ist nichts als das eingestaendnis eines offensichtlichen versagens! das waren halt noch zeiten, als die leute um oskar bronner zaehne hatten, egal wo, im profil, trend oder standard. das problem war/ist halt, dass es sich viele dieser leute im lauf der jahre gerichtet haben. zahnlos geworden, haben sie - vielleicht auch unbewusst (oder laengst muede?) - vieles (manche alles!) getan, um sich neue zaehne leisten zu koennen ...

Es geht auch die Leistungsschere immer weiter auf

Dies scheint mir die größte Ungerechtigkeit zu sein!

Jene, die viel leisten, leisten immer mehr?
Und die, die NIX leisten, leisten NIXER?

Ja, das fällt mir extrem auf.

Vor 20 Jahren hieß es: "ich habe einen schlecht bezahlten Job"
Heute heißt es "wieso gehst du für das Geld arbeiten? Dir steht ja xyz zu"...

Warum sollte sich jemand mit weniger abspeisen lassen?
Weils der Markt verlangt? Das führt zwangsläufig zu Hungerlöhnen auf breiter Front.

Wenn jemand nicht genug bezahlt, dann soll er auch damit leben, dass er keine Arbeiter bekommt und es sich selbst machen.

Und warum sollte ich und Sie mit unsren Steuergeldern stattdessen die Leute bezahlen?

Und die finden das dann noch ungerecht, dass Sie und ich trotzdem noch ein bisserl mehr haben, und hätten gerne noch mehr.

Das führt dazu, dass auf breiter Front keiner mehr arbeitet

eine gesellschaft gerecht zu machen, heißt, ihre freiheiten zu beschneiden: der körperlich stärkere muss daran gehindert werden, den schwächeren die wurstsemmeln wegzunehmen - gewaltmonopol des staates nennt man das.

die besseren fäuste sowie stech- und schusswaffen bringen zumindest bei uns nun wirklich keinen vorteil, das hat der staat erreicht, und das ist gut so.

die ökonomische gewalt hingegen setzt sich unfair durch. beispiele: musikindustrie gegen konsumenten, prekäre arbeitsplätze, steuerflucht der multinationalen.

es ist schwer, dagegen anzutreten, weil man das alles nicht so deutlich sehen kann. und weil, wie auch gerfried sperl anklingen lässt, beim saturierten konsumenten die motivation, zu kämpfen, überschaubar bleibt.

Auch in einem System ohne staatliche Aufsicht kann ein einzelner Starker einem Schwachen nichts wegnehmen.
1. Er kann sich das Verletzungsrisiko nicht leisten
2. Er muss befürchten als Gefahr angesehen und präventiv angegriffen zu werden.
Nur wer eine Gruppe hinter sich hat kann gefahrlos etwas wegnehmen.

Stänkerer auf der Strasse existieren übrigens nur, weil der brave Normalbürger nicht mit der Justiz in Konflikt kommen möchte, hier wirkt die Staatsgewalt destruktiv.

Diese Unterschiede werden ja (speziell von den „Wertkonservativen“) als geradezu erstrebenswert erachtet und politisch gefördert - fast so, als würde man den körperlich von vorne herein stärkeren staatlicherseits noch Waffen zur Verfügung stellen...

So lange die Schwarzen so viel mitzureden haben, wird sich daran nichts ändern.

genau. das gute alte argument "der egoismus des kapitalisten nutzt allen", das ja an sich gut ist, wird jedoch stets verwendet, um nebelgranaten zu werfen.

im kapitalismus soll ja wirklich jeder wie eine sau "produzieren", um zu geld zu kommen. das nutzt allen. aber der rahmen innerhalb dessen die sau schweinisch sein darf, der gehört immer wieder verbessert, weil die art der güter und die möglichkeiten gewinne zu machen sich auch ständig ändern. siehe finanzindustrie.

die konzerne probieren immer alles, um den rahmen auszuhebeln. politische entscheidungen können ja zum beispiel gekauft werden. neben plumper korruption gibts aber noch viel subtilere möglichkeiten: övp, wirtschaftskammer, iv zum beispiel.

Um bei der Metapher zu bleiben - Die Konzerne sind auch nur mächtige Kampfsäue in dem Spiel.

Warum soll denn da der so Egoismus auf einmal schlecht sein?

Das Problem ist schlicht, dass der Egoismus aller eben NICHT gut ist und zur Bildung solcher übermächtiger Kampfsäue führt!

Kaufkraft Halbiert!

Die Kaufkraft eines jetzt 65-Jährigen hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert ! Hab grad eine Rechnung eines ehem. mit damals mittlerem Einkommen gesehen
Dann weiss man wo es hin geht ... ------ :-(

Sie nehmen einen Fall her

und machen daraus eine verallgemeinernde Aussage.

Für mich trifft Ihre Rechnung zufällig zu, aber das hat damit zu tun, dass ich vor 20 Jahren berufstätig war und heute in ASVG Pension bin.

Na,dann wissen Sie ja,was mit der Kaufkraft eines mittleren Einkommens Verdienenden passiert ist.

coole

Behauptung

Keine Behauptung

Realität , Berechnung !

ja,

glaubs nur

mir hat unlängst ein Immigrant gesagt:

"Ich lebe jetzt 12 Jahre hier. Die Österreicher sind ein gemütliches Volk, fast nichts bringt sie aus der Ruhe. Aber es verändert sich gerade etwas sehr stark, und wenn die Österreicher einmal auf die Strasse gehen, weil es genug ist, dann habe ich Angst davor, denn das wird sehr schlimm werden."

Geh, wir können unendlich nachgeben, er braucht sich keine Sorgen zu machen.

ich sage nur: 1934...

mit 1984

wenn wir ncoh die "Informationssammlung" dazunehmen ...

Das glaube ich nicht.

Solange der Österreicher sein Schnitzel, sein Bier und sein "Superstar" hat, rührt der keinen Finger.

eben, all diese Dinge sind langsam aber sicher gefährdet...

man lese lieber "noli me tangere" von rizal!

kevin und jessica scheinen künstlerisch eine schwache nummer, wenn nicht mehr heraus schaut.
rizal nimmt das sozialverhalten des kolonialen ständestaates aufs korn, der heute sein eigenes volk wie eine kolonie behandelt, und mit glasperlen und infotrash abspeist, und seine funktionäre mit tabus schützt, so dass alle vor denen buckeln.
prölls rede an den alten pfarrer ist typisch für den sozialen krebs, in der variante die zu ort und zeit gehört, wo es vorgefallen ist. sehr exemplarisch.

so

superaktuell, wirklich

Die immerwiederkehrende Erkenntnis:es geht um Umverteilung!
Es ist weder ein wirtschaftliches,noch ein politisches Problem.
Es ist eine Frage der geistig-charakterlichen Entwicklung jedes Einzelnen.
Solange wir bereit sind,Ausbeutung anderer zu unseren Gunsten zuzulassen,kann es keine Veränderung geben.
Homo hominis lupo!

Da muss ich widersprechen - ein politisches Problem ist es sehr wohl, da sich die vom System bevorzugten Eliten ihre willfährigen “Volksvertreter“ halten, die längst zu “Partikulärinteressensvertretern“ geworden sind.

Es gibt kein "wir", das für alle gilt.

Es gibt nur die da oben und die da unten.

Dieses Denken ist Teil des Dilemmas.
"Wir unten und die oben" zu denken heißt nämlich, den Zustand schon zumindest zT so zu akzeptieren.

Ich halte es für immens wichtig, das viele Menschen diesem Selbstverständnis den Rücken kehren und sich auf eine selbstbestimmtes, vor allem selbstverantwortetes Denken einlassen.

Es ist ein wirtschaftliches Problem.

Denn es wird im großen Stil umverteilt: von unten nach oben. Von allen, die konsumieren zu jenen, die verzinstes Kapital besitzen.

Würde dieser Wahnsinn gestoppt, könnte man sich die Debatten um eine Reichensteuer etc schon sparen.

Aber die wirtschaftliche Umverteilung ist eine unmittelbare Folge der politischen Verhältnisse, die von den Interessen des Souveräns inzwischen weit weg sind.
Ich halte das primär für ein politisches Problem, weil die Vertreter des Volkes zu seinen Verrätern geworden sind.

koennte man aber

auch schoen langsam zur Kenntniss nehmen

Hätte man auch in einem Satz sagen können

Erlaubt ist was nicht verboten ist!

Es kommen 65 % des Steueraufkommens aus Lohn und Umsatzsteuer aber nur 1.4 % aus Vermoegen.

Es gibt also eine immerwährende Umverteilung von unten nach oben.

Es ist wie die Geschichte zeigt sehr sehr schwer den Reichen friedlich etwas wegzunehmen (etwas das diesen gar nicht spürbar wäre). Die Schere ist sozusagen eingebaut.

Die Kunst ist es als Reicher sich dem Mittelstand anzubiedern und diesen glauben zu machen er würde alles verlieren wenn man den wirklich Reichen nehmen würde.

In Österreich glaubt jeder mit 15,000 netto er sei schon Mittelstand. Aber für wirklich Reiche ist dieser Mittelstand einfach Unterschicht.

95 % der Menschen arbeiten für 5 % Habende, egal ob Feudalismus, Kommunismus, Faschismus oder Demokratie.

Die Umverteilung findet nicht nur über die Steuern statt.

Jeder Besitzende erhält für seinen Besitz Zinsen. Diese Zinsen müssen aber erwirtschaftet werden und das wird von der großen Masse getan.

Auch hier: 95% zahlen drauf, 5% profitieren.

Wenn man den Zins abdreht, braucht man über neue Reichensteuern wahrscheinlich gar nicht mehr nachdenken.

Und den umlaufsichernden Effekt des Zinses kann man auch anders haben, siehe zb Silvio Gesell.

die österreicher sind selbst schuld

wenn ein volk mit vehemenz das bankengeheimnis verteidigt, bei jeder besteuerung von besitz die wogen hoch gehen (zb erbschaftssteuer), dann kann man nur noch von selbst schuld sprechen - kein mitleid meinerseits.

Mit 15.000,-- netto (also inkl. Urlaubs- und Weihnachtsgeld) ca. 190.000,-- netto im Jahr glaube ich auch gern ich bin schon Mittelstand und da wäre es mir völlig egal ob mich die wirklich Reichen als Unterschicht ansehen ... ;)

Mit so einem Netto

Sind sie hier "saureich" .... und das könnens nur mehr durch Betrug Ausbeutung oder ähnlcihem erreichen
Mittelstand ist derziet eher bei 25000-30000 nto / Jahr
(Hichschulabschluss oder guter Handwerker und im Mittleren Erwerbsalter )

wie weltfremd

musz man sein, um € 200.000.- als saureich zu bezeichnen ?

damit haben sie

das 10 fache Nettoeinkommen eines Durchschnittsösterreichers ... das ist hier schon "saureich"

t ' schuldigung

Neujahrstag, jetzt hab ich 2 mal das "hier" ueberlesen

nein, ist

wìes nicht. Wieso sollte das Durchschnittseinkommen eines Oesterreichers Indiz fuer reich sein ?

Falsch: Bartenstein ist ein "typischer Mittelständler", sagt er.

Sein Einkommen ist irrelevant: Sein Vermögen wird auf 110 Millionen geschätzt.

Aber wahrscheinlich würde er auch schon ein vergleichsweise magerese Vermögen von nur 11 Millionen als Mittelstand akzeptieren - man ist ja demokratisch heutzutage.

Aber Leute, die nichts HABEN, sondern bloß mit ihrer Hände Arbeit Geld verdienen, sind kein Mittelstand, die sind bloß unfein.

Mittelstand (Unternehmen) =/= Mittelschicht (Einzelpersonen/Arbeitnehmer)

Für das Unternehmen vom B. könnte “Mittelstand“ sogar stimmen, da müsste man sich die Zahlen ansehen.

Leider werden die Begriffe gern synonym verwendet, was zu Missverständnissen führt.

Dass die ÖVP absurderweise den Menschen einzureden schafft, dass Mitglieder der Mittelschicht von “Reichensteuern“ betroffen wären, ist wieder ein ganz anderes Thema (und verblüfft mich immer aus neue).

Mittelstand

mittelschicht, nicht mittelstand - das sind zwei paar verschiedene schuhe - für den mittelstand machen die vaupen zumindest ein bisschen was ...

ich glaube

die 15 000 waren als jahresgehalt gemeint.
mit einem nettomonatseinkommen von dieser höhe stehen sie schon sehr weit oben.

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