Franz Bartolomey: "Wer die Nacht durchmacht, ist nur zu bedauern"

Interview | Stefan Ender
30. Dezember 2012, 18:14
  • Nun noch Zeit für unphilharmonische Projekte: der langjährige Solocellist der Philharmoniker, Franz Bartolomey.
    foto: standard / a. urban

    Nun noch Zeit für unphilharmonische Projekte: der langjährige Solocellist der Philharmoniker, Franz Bartolomey.

Der langjährige Solocellist der Philharmoniker über markante Neujahrskonzerte und sein Buch "Was zählt, ist der Augenblick"

Standard: Herr Bartolomey, Sie waren vier Jahrzehnte aktives Mitglied der Wiener Philharmoniker und haben unzählige Neujahrskonzerte gespielt. Welches war Ihr erstes, und welche Konzerte sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Bartolomey:  Mein erstes war 1968, mit Willy Boskovsky. Ein besonderes Neujahrskonzert für mich war jenes von Herbert von Karajan. Er war damals schon krank, und wir haben alle gespürt, dass er es wahrscheinlich nie mehr dirigieren wird. Da waren Dinge da von einer anderen Welt. Und dann natürlich Carlos Kleiber. Bei ihm würde ich eher einzelne Stücke herausnehmen wie etwa Die Libelle, wo ganz einfach Momente passiert sind, die sich jeder Beschreibung entziehen.

Standard:  Was sollten Neujahrsdirigenten beachten?

Bartolomey:  Natürlich hat jeder Dirigent seinen eigenen Zugang zu dieser Musik. Aber unser Orchester kann bei Strauß und Co natürlich einen enormen Erfahrungsschatz anbieten. Ich habe noch keinen Dirigenten erlebt, bei dem es bei der ersten Probe nicht einen gewissen Ahaeffekt gegeben hat.

Standard:  Sie sind ja ein Mensch mit einem sonnigen Gemüt. Braucht man das, um an einem Neujahrsmittag glücklich Walzermusik spielen zu können?

Bartolomey:  Zum einen: Ich habe auch eine andere Gemütsseite, nicht nur die sonnige. Die Musik des Neujahrskonzerts aber ist unsere ureigenste Musik, und ich kann gar nicht anders, als meine Freude auch zu zeigen. Da müsste ich schon ein Magenproblem haben, wenn ich da grantig dreinschaue!

Standard:  Dieses Jahr spielen Sie nicht mehr mit. Freuen Sie sich, zu Silvester richtig feiern zu können und zu Neujahr dann einfach nur den Fernseher aufzudrehen und sich das Konzert anzuschauen?

Bartolomey:  Auf jeden Fall. Wenn man das Neujahrskonzert gespielt hat, dann musste man zu Silvester sehr diszipliniert sein, um beim Konzert fit zu sein und Höchstleistungen zu bringen. Derjenige, der die Nacht durchmacht, ist nur zu bedauern.

Standard:  Aber Sie haben es schon angedeutet: Einen Pensionsschock gibt es bei Ihnen nicht.

Bartolomey:  Ich muss auch sagen: Das Orchester, besonders das Spielen in der Oper, fehlt mir natürlich schon. Aber ich habe jetzt endlich die zeitlichen Freiräume, um Konzertangebote anzunehmen, die ich aus Zeitgründen absagen musste, etwa zum Jerusalem Festival. Ich setze mich für die Internationale Amadeus School of Music ein. Ja, und dann habe ich noch das Buch geschrieben ...

Standard:  ... zu dem wir jetzt kommen. Sie beschreiben darin drei Generationen Ihrer Familie: 120 Jahre Bartolomeys an der Staatsoper. Ihr aus Prag stammender Großvater ist 1892 Soloklarinettist an der k. k. Hofoper geworden. Er hat die Mahler-Ära miterlebt, zu seinen Diensten in der Hofmusikkapelle ist er noch mit Kutsche und Diener abgeholt worden.

Bartolomey:   Er hatte ein sehr gutes, fast freundschaftliches Verhältnis zu Gustav Mahler - ein sehr persönlicher Brief Mahlers im Buch dokumentiert das. Dennoch muss man schon sagen, dass das Spannungsverhältnis zwischen einem exponierten Orchestermusiker und den Dirigenten seinerzeit viel extremer gewesen sein muss. Mein Vater hatte dann mit Charakteren wie Toscanini zu tun. Heutzutage gehen Dirigent und Orchester doch viel mehr aufeinander zu.

Standard:  Die turbulenten Ereignisse um Ihren Vater während und nach dem Zweiten Weltkrieg lassen Sie im Buch vom Historiker Oliver Rathkolb behandeln.

Bartolomey:   Ich wollte dieses Thema von externer Seite professionell aufgearbeitet wissen, ohne eine eventuelle emotionelle Befangenheit meinerseits. Mein Vater hat später auch als stellvertretender Vorstand der Philharmoniker maßgeblich an der Organisation des Orchesters mitgewirkt, musste aber wegen einer Nervenentzündung im Arm 1964 vorzeitig in Pension gehen. Ein Jahr später wurde er zum künstlerischen und administrativen Direktor der Wiener Symphoniker bestellt.

Standard:  Haben die Exkollegen das nicht als Affront empfunden?

Bartolomey:  Sicher wird es im Orchester auch kritische Stimmen gegeben haben. Mein Vater hat bei den Symphonikern die damals ganz jungen Dirigenten wie Claudio Abbado, Seijzi Ozawa oder Carlos Kleiber erstmals engagiert, und, das ist für mich besonders bemerkenswert, er hat mit den Symphonikern die erste Tournee eines deutschsprachigen Orchesters nach Israel in der Nachkriegszeit organisiert. Damals eine sehr heikle und mutige Angelegenheit!

Standard:  Was wohl auch für Sie gelten wird. Sie sind knapp vier Jahrzehnte Solocellist des Orchesters gewesen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Zeit zurück?

Bartolomey:  39 Jahre Solocellist gewesen zu sein bedeutet 39 Jahre unglaublicher Erlebnisse. Und es sind 39 Jahre einer Entwicklung an exponierter Position in diesem Orchester, gemeinsam mit meinen Kollegen, aber auch mit Dirigenten, die zum Teil private Freunde geworden sind. Rückblickend kann ich mich fast nur wundern, wie gut alles gegangen ist.

Standard:  Gründe dafür, dass alles so lange so gut gegangen ist?

Bartolomey: Grundsätzlich habe ich nie aufhört, mich emotional zu öffnen - besonders in der Oper Neues zu entdecken. Zudem bin ich auch ein disziplinierter Mensch. Wie in allen Berufen, so gilt auch in der Musik: Je weiter man nach vorn kommt, desto dünner ist die Luft. In Situationen der Spannungen und Zerwürfnisse habe ich immer das Gespräch gesucht, denn der Gemeinschaftsgedanke ist mir als Mitglied dieses Orchesters immer das Wichtigste.
(Stefan Ender, DER STANDARD, 31.12.2012/1.1.2013)

Franz Bartolomey (66) wurde 1967 Mitglied des Staatsopernorchesters, von 1973-2012 war er Solocellist der Philharmoniker. In seinem Buch "Was zählt, ist der Augenblick" (Amalthea) erzählt der Wiener über diese Zeit, aber auch über 120 Jahre Familiengeschichte der Bartolomeys.

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Wieviel Solocellisten hatte dieses Orchester

in den letzten 40 Jahren? Herzer, Scheiwein, Bartolomey? Noch weitere?

Und morgen: WAGNER!

Endlich durfte er einreisen...

Er ist einfach der unbestrittene Meisterkomponierer.

Na ja,

unbestritten oder gar unumstritten zwar nicht..aber mit Rienzi begann "Es".
Das Ganze etwas früher angelegt und die Diskussionskultur im Männerwohnheim Meldemannstraße hätte davon profitiert.

Für seine Zeit, in seinem Fach, a bisserl vom noch nicht existierenden Film angehaucht - uu-uu- umgekehrt, gehört er zu den Großen.
Kein Starwars-Film ohne ihn!
Bach Vivaldi oder z.B. Buxtehude und dann Haydn sind mir näher, dann kommt Rossini, dann eben Wagner und Verdi. Brahms, Bruckner oder Mahler eher nicht.
Und dann die Wiener Salonmusik. Drum is der Wagner zwar schön, aber eben nur einer von vielen.
Sträuße? Ja, weils auch ein Stück Österreich sind. Die Einleitung zum Donauwalzer is einfach genial.
Mir hat die Musikauswahl heuer gefallen. Nur die viele Österreich-Werbung war a bisserl übertrieben. Ich will dass Orchester bei der Arbeit sehen. Ich tu aber nicht dazudirigieren, ich spiel Luft-Cello.

Ach Strauss wäre auch als Preuße genial gewesen. Ach ups, der WAR ja quasi fast Preuße. *eg*

Die

Verbindung zu Preussen hängt ein bißchen in der Luft.

Das war nur eine Anspielung darauf, daß Johann Strauss Sohn Bürger von Sachsen-Coburg und Gotha wurde und somit Bürger des deutschen Reiches. Deshalb auch das "fast".

A Jud aus der Floßgassn gibt aber keinen guten Reichsbürger...
Außerdem hätt er genauso Russe, Franzose oder US-Bürger sein können, war halt damals internationale Musik, "Pop, made in Austria"
:-)

Angesichts der Schreibweise fokussierte ich mich auf den staatsnahen Herrn von der Reichsmusikkammer.

Auch die Johann Sträusse und Josef Strauss schreibt man mit ss, im Gegensatz zum Bruder Eduard Strauß.

“Derjenige, der die Nacht durchmacht, ist nur zu bedauern.“

Nur der Neid von einem, der 40 Jahr lang am ersten Jänner ausgeschlafen sein musste... ;o)

Aber im Ernst, guter Typ, war letztens in “WÖ“ bei Grisse- und Stermann, erstaunlich entspannt für einen, den man generations- und jobbedingt eher in der verkniffen-konservative Ecke erwarten möchte.

hommage an ein orchester

war es krips, der die philharmoniker einmal die ouvertüre zu einer richard-strauß-oper (?) allein spielen ließ? so könnte man es auch bei den neujahrskonzerten machen ...

richard strauSS aber dann

Kam schon öfter vor, v.a. auch als Hommage an verstorbene Dirigenten.

Der Ricardo Muti, der war der Beste

..... und der Harnoncourt, wunderbar. Dann der Inder, wie hieß der gleich? Ansonsten .... Die Philharmonika bringen das eh immer gleich gut, mit 2 Promille am linken Zeh hüpfend, der Dirigent ist da nur für die Optik. Den Karajan hab ich nie gesehen beim Neujahrskonzert. Es heißt, das spannende war, ob er jetzt umfällt oder nicht.... sie hatten damals ja noch keine gscheite Entlüftung im Saal. Ich selbst war dort zum Arbeiten. Eine schöne Zeit und das Schönste war, dass ich mir danach die Blumen mitnehmen konnte ...

na und was ist mit dem Carrrlos Kleiber?

wenn jemand schon den Ozawa vergisst und dafür den Harnoncourt lobt, muss man nicht weiter nachfragen

“ Dann der Inder, wie hieß der gleich?“

Zubin Mehta meinst du mutmaßlich :o)

Na geh

- ist doch echt nett, so leichte beschwingte Musik nach so viel Sekt zu genießen, dazu die schöne Seite von Österreich zu bewundern und dann eh wieder im Standard über die Gräuel der Welt zu lesen.
Wir machen ja nicht das Hirn zu, aber eine kleine Pause tut der Seele gut, leichte Musik von TOP-MusikerInnen vorgetragen - ein schöner Jahresanfang!!

beschwingte Musik geniessen ...

... und beschwingte Musik perfekt zu spielen sind 2 verschiedene Paar Schuhe. :)

mM

nur mehr Kommerz !

Das Neujahrskonzert ist zum Kommerz bzw. zur Österreich-Werbung verkommen. Dafür ist es gut.

Ob einen die "Walzerduselei" gefällt ist Ansichtssache, mir gefällt sie nicht - obwohl ich klassische Musik liebe, aber die hat mit dem Neujahrskonzert nichts zu tun.

das neujahrskonzert ist halt andre rieu für betuchte und

japanische all-inclusive touristen!

Andre Rien ist das GEGENTEIL vom Neujahrskonzert

Wer das nicht begreift sollte hier nicht mitdiskutieren.

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