Bad Ischl revisited

Aus der schönen neuen Touristenwelt. Von Julya Rabinowich

Wohin zieht es jemanden, der - mit Süßigkeiten versorgt - den Abgründen des Lebens im aufsteigenden Nebel frönen möchte? Natürlich nach Bad Ischl. Die gute Föhnlage. Die fernen Berge. Der nahe Zauner. Der allgegenwärtige Kaiser, den man in verschiedenen Formen von Schmarrn bis Schoko verspeisen kann. Man kann ihn aber auch in 2-D oder 3-D visualisieren.

Es gibt hier neben Bildern und Fotos auch die an einen geschrumpften Personenkult à la Lenin oder Stalin gemahnende Bronzestatue. Samt erlegtem Hirsch, gruselig anzusehen. Der Hirsch: verdreht zu Kaisers Füßen. Immerhin: keine heraushängenden Bronzehirschdärme. Die Wälder rundum gut zu bewandern. Knorrige Bäume. Die Promenade am Fluss stimmt ein auf die Innenschau. Die Außenschau kommt sowieso ungefragt.

Das Vorkommen einschlägiger Devotionalien (am Jahresmarkt) und eine gewisse Sehnsucht nach vergangenen Zeiten (am Stammtisch) begegnen einem, ob man will oder nicht. Das Salzkammergut hat neben der Landschaft auch andere Hintergründe zu bieten. Das war in die Reise inkludiert. Für den wutbürgerlichen Schreibprozess sogar förderlich. Zwischen Zaunerstollen und Alzheimerzentrum gibt es dennoch mehr, als man sich träumen lässt. Etwa die Hotelgäste. Die internationale Reisegruppe war groß. Seltsames Schauen. Entrücktes Lächeln. Am Buffet fegten sie die Gemüsespeisen so schnell weg, dass ich zu einer Fleischdiät gezwungen war.

Im Spa-Bereich summten sie so laut, dass einem der Liegestuhl unterm Hintern vibrierte. Bei jeder Mahlzeit musste ich meinen Hund bändigen, weil er sich am liebsten zwischen mich und die von ihm als gefährlich eingestuften Mitesser stürzen wollte. Nicht einmal die großzügig übriggelassenen Fleischspeisen milderten seine Aufregung: Es herrschte Alarmstufe Rot.

Sie gingen nie hinaus. Sie saßen tagelang in Rudeln im Stüberl, im Spa, in der Lobby und umarmten sich. Die hündischen Befürchtungen begannen mich zu überzeugen, als ich einen der jungen Männer (Jutegewand, langes dünnes Haar) neben dem erkrankten Dackel der Hotelbesitzerin (Dauerwelle, grünes Dirndl) knien sah. Die Hände etwas zu fest auf den aufgeblähten Hundebauch gedrückt.

Der Dackel wirkte mäßig begeistert. Draußen schneite es heftig. Die Szene hatte etwas, unter anderem ein wenig etwas von Shining. Am nächsten Morgen war die Reisegruppe weg und der Tierarzt da. Ich fragte nach. Die Hundehalterin seufzte tief. Die Reisegruppe: ein internationaler, jährlich wiederkehrender Handauflegerausbildungskurs mit Hauptsitz USA. So erleuchtet wie sauteuer. Ihr Hund spie im Hintergrund. Ich vermerkte: Bad Ischl ist ab und zu für Überraschungen gut.  (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 29./30.12.2012)

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4 Postings
gästeumarmungen....

...sind immerhin besser als fremdenhass, beschimpfungen und gewalttätigkeiten!

Weitsichtigkeit...?

"...die fernen Berge..." in Bad Ischl...
Mal ehrlich: Waren sie wirklich dort? :)

na ja...für einen städter sind 500-1000 m schon verdammt weit...

o.k., maybe "weit", but never "fern"...! :)

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