Budapester Theaterfeldzug gegen die Moderne

Politische Bestellung des Nationaltheaterintendanten

Die Entscheidung zu Wochenbeginn überraschte eigentlich niemanden: Ab der Spielzeit 2013/14 übernimmt der aus der Karpato-Ukraine stammende Theatermacher Attila Vidnyánszky die Intendanz des Nationaltheaters in Budapest. Eine politisch wohlsortierte Jury zog seine Bewerbung der des bisherigen Intendanten Róbert Alföldi vor, dessen Vertrag mit dieser Spielzeit zu Ende geht.

Vidnyánszky (48), ein Angehöriger der ungarischen Minderheit in der Ukraine, studierte Regie an der Staatlichen Theateruniversität in Kiew, um dann 1992 in seiner westukrainischen Heimatstadt Beregovo (ung. Beregszáz) ein ungarischsprachiges Theater zu gründen. Um die Jahrtausendwende kam er nach Ungarn, wo ihn die Kritik wegen seines originären Stils zunächst wohlwollend aufnahm. So verstand es Vidnyánszky, eine ans Ungarische angepasste national-romantische Theatersprache zu schaffen.

2007 wurde er Intendant am Stadttheater im ostungarischen Debrecen. Zunehmend bot er sich dem damals erstarkenden rechten Lager als Theater-Titan für dessen kulturelle Hegemoniebestrebungen an. Nach dem Regierungswechsel 2010 - auf das links-liberale Kabinett folgte das des Rechtspopulisten Viktor Orbán - wurde immer deutlicher, dass Vidnyánszky der Wunschkandidat der neuen Machthaber für die Nationaltheater-Intendanz ist.

Deren derzeitiger Inhaber Róbert Alföldi macht ein weltoffenes und anti-nationalistisches Theater. Die erste Bühne des Landes verbuchte unter ihm eine starke Besucherauslastung. Zugleich stand der Intendant, dessen Homosexualität bekannt ist, im Kreuzfeuer der Rechtsextremen.

Die Kulturpolitiker um Orbán warteten allerdings geduldig das Auslaufen von Alföldis Vertrag ab. Sein Nachfolger ist in der Tat sein ästhetischer Antipode. In seiner Bewerbung philosophierte Vidnyánszky von der "Entwertung der ewig geglaubten europäischen Werteordnung". In einem Interview ereiferte er sich anlässlich der Fotos vom Berliner Theatertreffen über den angeblichen Zustand des deutschen Theaters: " Depression, verkrüppelte Gestalten, Krankheit, Grauheit - das suggerieren die Bilder."

Vidnyánszky kennt das deutsche Theater nicht, doch passen seine Urteile zum Weltbild Orbáns. Auch dieser sieht die Tradition der europäischen Aufklärung im Niedergang. Bereits vor einem Jahr überließen Orbáns Kulturverantwortliche das Budapester "Új Színház" (Neues Theater) dem rechtsextremen Schauspieler György Dörner. Seitdem meidet das Publikum das "Új Színház" wie die Pest. (Gregor Mayer, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

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