Skitouren: Bergauf buckeln, oben frohlocken

Die Aussicht nach einer Skitour ist atemberaubend. Über Tücken des Schnees sollten man sich schon davor informieren. Am besten beim lokalen Bergführer

Neukirchen am Großvenediger - "Gewaltig", sagt Karl Wieser, als er seinen Blick über die Kitzbüheler Alpen streifen lässt. Auch die Eisriesen der Hohen Tauern erscheinen so nah, Wieser entdeckt Großvenediger und -glockner, zeigt sie der interessierten Gefolgschaft. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen, als er knapp unterhalb des 2444 Meter hoch gelegenen Kröndlhorns aus der Tourenskibindung herausschlüpft.

"Gewaltig", sagt Wieser. Das hat schon eine Kraft, wenn er das sagt, schließlich lebt der Salzburger hier im Tal, in Neukirchen am Fuß des Großvenedigers. Es ist nicht sein erster Blick über die Alpenwelt: Seit 25 Jahren ist er Bergführer, hat unzählige Gruppen in die österreichische und Schweizer Bergwelt begleitet, hat 13 Winter als Heliskiing-Guide in Kanada verbracht. "Aber solche Schneebedingungen bei Traumwetter habe ich im Frühwinter bei uns im Pinzgau selten erlebt."

Die Tourenski-Gruppe hat sich die Belohnung einer Abfahrt in tiefverschneiter Landschaft dank Wieser leichter erkämpft als erwartet. Der Bergführer übernahm das Spuren im Pulverschnee, der meist bis zum Becken reichte. Hinter ihm waren die weniger geübten Tourengeher mit den Fellen an ihren Skiern froh, einer schönen Loipe folgen zu können. Die Bergführergebühr war da schon jeden Cent wert.

Im steilen Gelände gab Wieser Tipps, wie der Aufstieg mit der sogenannten Spitzkehre funktioniert. Eine Kurve bergauf mit Skiern an den Füßen, deren Bindung hinten an der Ferse offen ist, hat durchaus seine Tücken. Und über allem steht die Sicherheit. Eine Lawine ausschließen kann der Bergführer aber nicht. "Es gibt keine Situation, bei der absolut keine Lawinengefahr herrscht."

Der Wunsch nach unabhängigem Skifahren abseits des Massentourismus wird immer größer. Das können Skitouren auf Forstwegen oder auf gesicherten Pisten sein - oder eben Ausflüge in den Tiefschnee im hochalpinen Gelände. Ungefährlich sind die Freeride-Abenteuer nicht, Wieser hat als Bergretter einige tote Wintersportler aus Lawinen bergen müssen. Daher führt er nur Tourenski-Geher, die ein modernes Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS) am Körper tragen und mit dem LVS, Schaufel und Lawinensonde auch umgehen können. Wieser: "Ich will sichergehen, dass auch ich von der Gruppe schnell genug gefunden werde, sollte ich einmal verschüttet werden."

Wer diese Fertigkeiten nicht beherrscht, kann sie bei Lawinenkursen des Alpenvereins, der Naturfreunde oder der Snow & Avalanche Awareness Camps (SAAC) erlernen. Zudem bieten immer mehr Veranstalter von Freeride- und Tourenski-Camps Lawinenkunde und -sicherheit an.

Hütte im Familienbesitz

Der Pinzgauer Hans-Peter Kreidl etwa organisiert hochalpine Skitouren für Anfänger und Fortgeschrittene nur mit ausgebildeten, lokalen Bergführern wie Karl Wieser, die ihr Wissen gerne weitergeben. Der 38-Jährige hat für Übernachtungen bei mehrtägigen Camps Hotels wie Hütten im Angebot. Richtig urig ist die Trattenbachalm im Trattenbachtal: Die 1287 Meter hoch gelegene Hütte befindet sich im Familienbesitz, Kreidls 84-jährige Oma Rosa Kröll bewirtschaftet die Hütte im Sommer seit fast 30 Jahren als Sennerin.

Der Luxus im als Schneeloch bekannten Gebiet offenbart sich aber nicht in den Warmwasserduschen und dem Strom, der vom eigenen Wasserkraftwerk erzeugt wird. Auf der Hütte gibt es keinen Handyempfang. Dafür kann man den Abenteuern von Bergführer Wieser lauschen, der locker einen Kaminofenabend lang über den Spaß im Schnee, aber auch über seine Tücken erzählen kann. Wer mit dem Handy telefonieren will, muss schon auf die umliegenden Berge steigen.

Am nächsten Tag verzichtet Wieser nach einem knapp dreistündigen Aufstieg mit der Tourenski-Gruppe 50 Höhenmeter unterhalb des Kröndlhorns auf den Gipfelsieg. Der Lawinenwarndienst gab die Warnstufe 3 ("erheblich") aus, Wieser deutet auf "Fischmäuler", also Gleitschneerisse, die den Boden unterhalb des Schnees sichtbar machen. Die sind ein gutes Zeichen, weil sie ein schlechtes Zeichen sind - für mögliche Gleitschneelawinen. Sind sie sichtbar, kann man Fischmäuler umgehen, gefährlich wird es, wenn frischer Schnee die Risse verdeckt. Wieser macht die Bindung zu, genießt noch einmal den Ausblick und rauscht durch den Tiefschnee ins Tal. "Gewaltig." (David Krutzler, DER STANDARD, Print, 22.12.2012)

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