Wann wird Alan Turing endlich das Schwulsein verziehen?

19. Dezember 2012, 13:07
  • Alan Turing
    foto: archiv

    Alan Turing

Eine Gruppe von Wissenschaftern um Stephen Hawking richtet erneut ein Gesuch an die britische Regierung

London - Im Zweiten Weltkrieg trug der britische Mathematiker Alan Turing entscheidend zur Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes bei - was wiederum für den Sieg über Nazi-Deutschland von großer Bedeutung war. Aber selbst einem Kriegshelden sahen die Moralvorstellungen der 50er Jahre nicht nach, wenn er eine Beziehung mit einem Mann hatte. Nur sieben Jahre nach dem Krieg wurde Turing wegen Homosexualität verurteilt, zwangspsychiatriert und mit einer Hormon-"Therapie" in die Depression getrieben. 1954 starb der Mann, der als einer wichtigsten Pioniere der Informatik gilt, an einer Vergiftung - vermutlich war es Selbstmord.

Erst 2009 sprach der damalige britische Premierminister Gordon Brown eine offizielle Entschuldigung für die "abscheuliche Behandlung" aus, die Turing widerfahren war. Das Urteil selbst wurde jedoch nicht zurückgenommen. Auch nicht, als Anfang 2012 ein entsprechendes Gesuch an die Regierung von David Cameron gerichtet wurde: Die Online-Petition mit über 23.000 Unterzeichnern wurde abgelehnt. Der Justizminister begründete dies damit, dass der Fall zwar "schockierend", das Gerichtsurteil aber gemäß der damaligen Rechtsprechung korrekt gewesen sei. Eine Begnadigung bzw. Rehabilitierung komme daher nicht in Frage.

Nun wird ein neuer Anlauf genommen, unter anderem mit der Unterstützung von Stephen Hawking und Nobelpreisträger Paul Nurse, dem aktuellen Präsidenten der Royal Society. "Wir fordern den Premierminister dazu auf, seine Autorität auszuüben und dem ikonischen britischen Helden formell zu vergeben", schreiben sie in einem offenen Brief. 

--> The Telegraph: "Enigma hero Alan Turing should be pardoned, leading scientists claim"

In einem begleitenden Kommentar schreibt "Telegraph"-Redakeur Tom Chivers gallig, dass die menschenverachtende "Behandlung", der Turing unterzogen wurde, vermutlich den Beifall ebenjener Nazis gefunden hätte, die er besiegen half. Eine Rehabilitierung nur wegen Turings Beitrag zur Beendigung des Krieges oder wegen seines Status als wissenschaftliches Genie sei aber nicht ausreichend. Wenn man wirklich ein Zeichen setzen wolle, sollten alle Menschen, die in der Vergangenheit wegen Homosexualität verurteilt wurden, rehabilitiert werden, um dieses scheußliche Kapitel der britischen Geschichte endültig zu schließen.

--> The Telegraph: "Pardoning Alan Turing will do nothing but make David Cameron feel good"

(red, derStandard.at, 19. 12. 2012)

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Ähem?

"... das Gerichtsurteil aber gemäß der damaligen Rechtsprechung korrekt gewesen sei. Eine Begnadigung bzw. Rehabilitierung komme daher nicht in Frage."

Der Holocaust war in Nazideutschland auch legal und jeder weiß, dass es menschenverachtend war.

Also diese Begründung ist ebenfalls menschenverachtend, außerdem noch borniert und dumm.

formally forgive, pardoned, verzeihen? diese Formulierungen implizieren dennoch ein Fehlverhalten bzw. begangenes Unrecht, wenn schon müßten sie Urteilsaufhebung und Rehabilitierung fordern.

ohne ihm würden die briten sauerkraut fressen und marschmusik hören

Sowas kann man auch wieder nicht behaupten.

Turing war nicht der einzige, der grosses geleistet hat
Er hatte erstklassige Mitarbeiter. Man soll nicht glauben, dass nur die "Superstars" grosses leisten können. Es ist so, wie bei der 100-Meter Olympianummer. Du kennst nur den Namen der
Goldgewinner, aber die anderen sind auch wahnsinnig schnell. Deine Auffassung its etwas "vulgär", meiner bescheidenen Meinung nach.

Wir können heute nur bedauern, dass es so einer Urteil damals gefallen ist

zumal zum Schaden von einem Mensch, dem GB und die ganze Welt viel zu verdanken hat, und uns bemühen, dass sowohl die positiven als auch die negativen Urteile in unserem heutigen Rechtssystem auch dem Prüfstein der Geschichte, soweit möglich, standhält.

naja, das fällt unter fremdschämen

bedauern müssen wir heute in österreich garnix für englische urteile von damals. nicht nachmachen wär besser, daher grün für den 2. teil :o)

Er starb übrigens der Legende nach

an einem Apfel, den er selber mit Gift präpariert hatte, nachdem er aufgrund einer Hormonbehandlung schwere Depressionen erlitten hatte.
Die behandelnden "Ärzte" sind leider ohne Strafe davon gekommen - auch ein Skandal...

Vielleicht könnte man die Ärzte nachträglich verurteilen.

ja, der angebissene Apfel von apple soll eine hommage an ihn sein (echt!)

wenns nicht stimmt, ist es gut erfunden

Hawking, der am meisten überschätzte Zeitgenosse.

Sagte ein Randomposter im Standardforum, dessen Meinung auf der ganzen Welt 6 Menschen interessieren.

das sagt welcher Wurm???

naja, eher das loch von einem wurm...

Tja, Homophobie treibt seltsame Blüten!

Der Arsch-Wurm!

Dass solche Menschen überhaupt ein Keyboard richtig herum vor sich liegen haben?!

Ganz versteh ich die Aktion ja nicht. Daß das offizielle GB Turings Homosexualität *heute* nicht verurteilt, hat man ja klargestellt. Aber nach damaligen Maßstäben war das halt anders. Rechtsnormen sind immer ein Spiegelbild ihrer Zeit, so wie die heutige Vorstellung der angemessenen "Gerechtigkeit" in diesem Fall ein Spiegel unserer Zeit ist. Das kann in 20 Jahren schon wieder ganz anders sein.

Es ist affig, solche Dinge nachträglich ändern zu wollen.

Wenn wir heute erkennen, dass früheres Recht nicht gerecht war, dann kann man wohl diese Erkenntnis auch in der geforderten Form offiziell machen. Oder glauben sie, dass die Frage der Gerechtigkeit in dieser Sache auch eine Tochter der Zeit ist?

"Gerechtigkeit" ist ein Begriff aus der Welt der Feen und Prinzessinnen, kein objektiver Maßstab. Es gibt so viele Vorstellungen von "Gerechtigkeit", wie es Menschen auf der Welt gibt. (Und wenn man ein bißchen Glück hat, verändert man als Mensch seine Vorstellung von "Gerechtigkeit" auch noch im Lauf seines Lebens.)

Gerechtigkeit ist als auch - nicht nur - eine Tochter der Zeit und kein Kriterium in dieser Diskussion. Es geht ums positive Recht.

So, und jetzt noch mein letzter Senf zu ihrem Posting. Sie scheinen doch eine höhere Bildung genossen zu haben - dann argumentieren sie doch, warum es universelle Gerechtigkeit nicht gibt.

Na na na... *Sie* behaupten ja, daß es diese objektive Gerechtigkeit gibt. Da können Sie nicht von mir verlangen, das Gegenteil zu beweisen. Sie sind am Zug, wenn Sie was behaupten.

Ich hätte zwar gerne gehört, warum sie nicht an "universelle Gerechtigkeit" glauben, aber ich kann auch gerne meinen Standpunkt versuchen zu darzustellen.

In die Philosophie ist der Begriff der "Gerechtigkeit" seit der Antike von großer Bedeutung und große Denker von Aristoteles bis Kant und später Rawls, etc. haben sich mit der Frage beschäftigt, wie man Handeln soll. Der kategorische Imperativ ist das Resultat intellektueller Leistung und nicht ein Dogma. So wie Logik dazu dient mit dem Begriff der Wahrheit zu arbeiten, so kann prinzipiell der Begriff der Gerechtigkeit objektiv und universell behandelt werden; es ist eine Frage der Denkleistung anstatt der Kultur oder Zeit.

Mich hätte ihr Standpunkt dazu interessiert.

Sie sind schon auch lustig. Da verlinken Sie selbst auf einen elendslangen Wikipedia-Artikel mit unterschiedlichsten Vorstellungen von Gerechtigkeit - und dann tun Sie so, als wäre die Idee einer nicht universellen Gerechtigkeit für Sie völlig unnachvollziehbar?

Beispiel: Anna hält es für gerecht, 50% der Führungspositionen eines Unternehmens mit Frauen zu besetzen und wählt daher so lange Frauen aus, bis die Quote erreicht ist. Bertram hält es für gerecht, jeden Bewerber individuell zu beurteilen.

Beide halten ihre Vorgehenseise nicht nur für richtig, sondern für *gerecht*, weil sie innerhalb ihres Wertesystems stimmig ist. Anderes Wertesystem = anderes Gerechtigkeitsempfinden. Und das Wertesystem ist immer subjektiv.

Können Sie nicht einfach sagen, was sie mit ihrem Beispiel genau sagen wollen? Ich lese ihr Beispiel so: Das Unvermögen für ein konkretes komplexes Beispiel die gerechte Lösung zu finden lässt es zu auf die Nichtexistenz von universeller Gerechtigkeit zu schließen. Das sehe ich nicht so.

Sie lesen's falsch. Es ist nicht das Unvermögen, eine gerechte Lösung zu finden. Es ist der Luxus, mindestens zwei gerechte Lösungen zu haben (tatsächlich sinds wesentlich mehr als zwei). Nochmal: Was als Gerechtigkeit empfunden wird, ist abhängig vom persönlichen Wertesystem. Und Sie werden mir ja nicht einreden wollen, daß ein konservativer islamisch erzogener Iraner, ein linksliberaler Berliner, ein chinesischer Bauer und ein Jäger aus einem noch nicht entdeckten indigenen Stamm in Brasilien das gleiche Wertesystem teilen? Daß diese Leute bei Fragen wie gleichgeschlechtlicher Ehe, Schwangerschaftsabbruch und Vermögensbesteuerung die gleichen Regelungen für gerecht halten?

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