"Semmelweis-Streit": Ohne Emotion geht es in der Wissenschaft nicht

Wiener Politikwissenschafterin analysiert Semmelweis' Hygienestreit als Beispiel dafür, wie "Wahrheit in der Wissenschaft" entsteht

Wien - Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Geburt eine riskante Sache. Am sogenannten "Kindbettfieber" starben zahlreiche entbindende Frauen. Den Grund dafür erkannte als erster der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis (1818-1865). Er forderte höhere Hygienestandards, etwa dass sich die Ärzte die Hände waschen und stieß damit auf Unverständnis und heftige Opposition. Die Politikwissenschafterin Anna Durnova sieht in dem Diskurs ein Beispiel dafür, wie wichtig Emotionen auch im Ausverhandeln wissenschaftlicher Wahrheiten sind. Im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts will sie die Rolle der Emotion in politische Theorien integrieren.

"Für mich gibt es kein anderes Mittel, dem Morden Einhalt zu tun, als die schonungslose Entlarvung meiner Gegner, und niemand, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, wird mich tadeln, dass ich diese Mittel ergreife", schrieb Semmelweis 1861 an den damaligen Professor der Geburtshilfe an der k. k. medizinisch-chirurgischen Josephs-Academie in Wien. Anhand dieses Zitats zeigt sich, wie kontrovers die Diskussion damals abgelaufen ist und welch große Rolle die Emotion dabei gespielt hat.

"Mich hat fasziniert, dass Händewaschen ein heute außer Frage stehendes Thema ist, dies aber nicht immer so war", so Durnova. Der Weg zur heutigen selbstverständlichen Akzeptanz sei deshalb so interessant, "als man meinen könnte, dass die Wissenschaft immer mit Fakten, Überprüfungen und wissenschaftlichen Diskussionen operiert und ihre Emotion ausblendet".

Argumente ohne Keimtheorie

Das interessante am "Semmelweis-Streit" ist für die Wissenschafterin vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, dass er "keine Fakten hatte". Zu einer Zeit, in der Bakterien und Viren noch nicht entdeckt waren, fehlte die wissenschaftliche Erklärung für seine Beobachtungen. "Weil er die Keimtheorie nicht kennt, kann er nicht erklären, warum die Frauen sterben. Er weiß aber aufgrund seiner Statistiken, dass die Sterberate zurückgeht, wenn sich die ganze Abteilung die Hände wäscht. Es ist sein einziges Argument, dass seine Maßnahme wirkt."

In Hebammenstationen war die Sterberate niedriger, Semmelweis' Schluss daraus: "Wir, die Ärzte, machen etwas falsch." Gerade in einer Zeit, wo sich die Gynäkologie von der restlichen Medizin emanzipierte, sei es schwierig gewesen, einzugestehen, dass die Ärzteschaft durch ihr mangelndes Hygieneverhalten Todesfälle durch Blutvergiftung verursacht hat.

Verhandlung und Emotion

"Für mich ist das faszinierend, weil es uns zeigt, wie unser Wissen und auch wissenschaftliches Wissen, produziert wird - nämlich durch Verhandlung und Emotion", erklärte Durnova. Die Wissenschaft funktioniere hier nicht unbedingt anders, als andere Bereiche, wie etwa die Politik.

Emotionen würden in der Politikwissenschaft insgesamt eher am Rande behandelt, Durnova will sie weiter ins Zentrum rücken. Am Ende des Projekts würde sie gerne "eine 'Genealogie der Wahrheit in der Wissenschaft' anbieten - also, wie die Wahrheitsproduktion in der Wissenschaft funktioniert." Das Beispiel Semmelweis eigne sich dafür besonders gut.

Analysieren wird die Forscherin Semmelweis - Arbeitsprotokolle, seine Korrespondenzen und historische Forschungsarbeiten zu seiner Person und Karriere. Semmelweis sei mittlerweile "zu einer Ikone geworden", daher komme er auch oft in heutigen medizinischen Zeitschriften vor. Durnova möchte herausfinden, wie er gegenwärtig "verwendet wird". (APA, 23.12.2012)

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