BlackBerry 10: Wie ein schwedischer Stamm RIM retten könnte

  • The Astonishing Tribe: Schwedische Designer sind hauptverantwortlich für das Look-and-Feel von BlackBerry 10.
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    The Astonishing Tribe: Schwedische Designer sind hauptverantwortlich für das Look-and-Feel von BlackBerry 10.

Ab 30. Januar stehen dem einstigen Branchenriesen Monate der Entscheidung bevor

Bald wird es ernst für Research in Motion. Die einstige Smartphone-Größe aus Kanada wird Anfang 2013 das Betriebssystem BlackBerry 10 auf den Markt bringen und zwei neue Telefone vorstellen.

Zeit der Entscheidung

Die Nachrichten der letzten Monate gaben dem Unternehmen sehr selten Grund zur Freude. Sie waren gekennzeichnet von rapide sinkenden Martkanteilen, der langsamen Abwendung von Kernkundschaft aus dem Businessbereich und zunehmend düsteren Prognosen. Für CEO Thorsten Heins, der im Januar diesen Jahres anstelle der Gründer Mike Lazaridis und Jim Balsillie das Ruder übernahm, stehen ab 30. Januar Monate der Entscheidung bevor.

Der BlackBerry-Stamm

Sollte mit BlackBerry 10 und dem neuen Geräte-Lineup tatsächlich der Umschwung gelingen, wird RIM das zu einem guten Teil einem schwedischen Designer-Team verdanken, so das Wall Street Journal. "The Astonishing Tribe", zu deutsch "Der erstaunliche Stamm", heißt die Firma, die auf Heins' Betreiben 2010 für 117 Millionen Dollar übernommen wurde.

Die Aufgabe der Skandinavier, die in den Frühzeiten von Android auch für Google tätig waren: Das Look-and-Feel der BlackBerry-Oberfläche neu zu gestalten.

Hoch gepokert

Verhältnismäßig wenig ist über das neue System an die Öffentlichkeit gedrungen. Screenshots, Videos, kurze Hands-ons gab es zu sehen. Wenig im Vergleich dazu, was man im Vorfeld meist schon über neue Versionen von iOS oder Android zu berichten weiß.

Während Nokia versucht, mit Microsofts Windows Phone wieder Fuß am Markt zu fassen, einem im Wachstum begriffenen System, dass unter der Schirmherrschaft eines IT-Giganten steht und auch von anderen namhaften Geräteherstellern unterstützt wird, pokert man in Kanada mit dem Festhalten an der Eigenkreation hoch. Dabei scheint man aber auch gewillt, mit der Vergangenheit zu brechen.

Bruch

"Es wird eine massive Abweichung von der bisher gewohnten BlackBerry-Erfahrung", meint Chris Eben, der für das in Toronto ansässige Unternehmen Working Group als Partner von RIM tätig ist. Er hatte immerhin schon Gelegenheit, sich ausführlich mit einem Prototypen der neuen Geräte zu beschäftigen.

Positive Signale

Im Release-Endspurt zeigt sich auch etwas Licht am Horizont. Die US-Einwanderungsbehörde hatte ursprünglich beschlossen, künftig auf das iPhone anstelle von BlackBerrys zu setzen, will sich BlackBerry 10 nun aber doch noch evaluieren. Auch bei den Investoren scheint sich ein gewisser Optimismus breit zu machen.

In den vergangenen Monaten legte die Aktie von RIM um 90 Prozent zu und lag vergangenen Donnerstag mit 13,86 Dollar sogar auf einem Sieben-Monats-Hoch, wenngleich man mittlerweile vom Nasdaq-Techindex abserviert wurde.

Kulturkonflikt

Doch zurück zum skandinavischen Zukauf. "The Astonishing Tribe" soll bei allen Designentscheidungen, die BlackBerry 10 betreffen, den Löwenanteil der Arbeit eingebracht haben, wird Don Lindsay, Vize der User Experience-Abteilung zitiert.

Und das, obwohl die Unsicherheit und interne Konkurrenzkämpfe zwischen den RIM-Standorten in Waterloo, Ontario und dem Designbüro in Malmö, ihre Spuren hinterlassen haben. Von den sechs "Stammesgründern" ist mittlerweile nur noch einer mit an Bord. Das Team soll etwa beauftrag worden sein, ein Tool zum Entwickeln in einer bestimmten Programmiersprache zu entwerfen, nur um wenige Wochen später auf eine andere Sprache setzen zu müssen, was derlei Projekte um Wochen zurückwarf. "Es war ein großer Kulturkonflikt", meint dazu ein Insider.

Schwierigkeiten, mit denen man bei RIM laut Vizepräsident Chris Smith gerechnet hat. "Wir wussten, es würde Konflikte geben und dass man sich darüber arrangieren müsste, wie die Teams zusammenkommen und miteinander arbeiten."

Cascades

Das Ergebnis ist ein Betriebssystem mit einem neuen Interface, dass dem Nutzer schnell erlauben soll, von einer App zur anderen zu Wechseln und auch alltäglichen Aufgaben wie das Einstellen einer Weckzeit einen gewissen Unterhaltungswert zu verleihen. Rundherum setzt man auf die von "Astonishing Tribe" entwickelte Designsprache "Cascades", auch bei den vorinstallierten Apps für Facebook und andere Dienste. Man hofft, dass auch viele Drittentwickler auf diesen Zug aufspringen.

Auch der "Hub" von BlackBerry 10 stammt in wesentlichen Teilen aus der Feder des "Stammes". Dieser präsentiert dem User alle eingehenden Nachrichten aus Social Networks, SMS oder E-Mails, ohne ständig auf andere Bildschirme oder die jeweiligen Apps ausweichen zu müssen. Das inkludiert die Wiedergabe von Videos oder Bildern.

"Wir haben ihr Talent gebraucht"

Der Erfolg wird sich nun bald weisen. Für RIM war der Zukauf von "Astonishing Tribes" jedenfalls eine wichtige Investition. Denn dort "hat man verstanden, was es heißt etwas attraktives, unterhaltsames, verspieltes und cleveres zu machen - Attribute die man nicht mit RIM assoziiert", erklärt Lindsay. "Wir haben das gebraucht. Wir haben ihr Talent gebraucht." (red, derStandard.at, 01.01.2013)

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