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Sicher, das pseudowissenschaftliche und reichlich esoterische Geschwurbel der Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev über Wahlrecht für Hunde, Emanzipation von Erdbeeren und Kunstverständnis von Meteoriten ist bestens dazu angetan, zeitgenössische Kunst mit einem abschätzigen Lächeln und dem Prädikat "naturtrüb" abzutun.
Der Experimentalphysiker Anton Zeilinger meinte dazu jüngst in einem Standard-Interview, es sei Christov-Bakargievs "künstlerische Meinung", die er als Wissenschafter lieber nicht kommentieren wolle. Das war nicht nur galant, sondern auch eine äußerst zutreffende Kürzestbeschreibung der seit längerem grassierenden Kunstverfasstheit namens "Kuratorenkunst" : Längst missverstehen sich Kuratoren als die neuen Künstler, über deren Konzepte ausgiebiger diskutiert werden muss als über die Kunstwerke.
Lässt man aber ihre herbe Mischkulanz aus Philosophie, Quantenphysik, Spiritualität, Anthropozentrismuskritik, Naturwissenschaft und sehr viel verworrenem Blabla außer Acht, scheint Christov-Bakargiev ihre Documenta 13 tatsächlich sehr trendaffin konzipiert und Kunst zur Bebilderung ihres kuratorischen Weltbildes zweckentfremdet zu haben. Nach dem Motto " Kompliziert kann ich selber denken" sehen sich Kuratoren nicht mehr als Kunstvermittler. Wer in diese Debatte die Frage nach optischer, gar sinnlicher Qualität von Kunst einbringt, begibt sich schnurstracks in die argumentative Totschlagzone, weil: retro. Um nicht zu sagen: reaktionär.
Auch grasende Kühe auf einer Wiener Parkwiese gelten in diesem Sinn als bahnbrechende künstlerische Intervention. Bisschen Spaß, bisschen Provokation. Historischer Kontext. Und geht schon. Kunst war einmal.
Das Kunstgebot der Stunde heißt: Theorie statt Artefakt. "Diskursiv" nimmt folglich die Pole- position im allgemeinen Kunstvokabular ein. Kuratoren betrachten es nicht mehr als vordringlichste Aufgabe, komplexer Kunst zum breitenwirksameren Verstehen zu verhelfen. Das Publikum soll schauen, wo es bleibt.
Auch dafür legt Christov-Bakargiev Zeugnis ab: Verwirrung, sagte sie, halte sie für eine sehr gesunde Position, die Zahl der Besucher hingegen sei ihr nicht so wichtig. Das klingt elitär, ist es auch. Aber es markiert - auch - eine fast logische Gegenreaktion auf die 1980er- und 1990er-Jahre, als "Fun Galleries" den Kunstmarkt mit täglich farbfrischer Flachware belieferten, die Museen zu Kunst-Happylands mutierten und "Besucherrekord" das Lotto-Toto der Ausstellungsmacher war.
Kunst als Art Entertainment, Künstler als Unterhalter der Reichen, geschmäcklerisch. Beliebig. Und beliebig austauschbar. Kunst ist, was gefällt. Nur keine theoretischen Überbauten. Die Wochenzeitung Die Zeit ätzte damals: "Die Ware Kunst gibt es in ausreichendem Maße und der Kunstverstand darf bei dem Geschäft nicht überstrapaziert werden." Nicht erst Christov-Bakargiev trat auf die Spaßbremse. Sie allerdings besonders fest. Nun sind die Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst zunehmend fließender geworden. Doch statt in der Wissenschaft wildernder und dilettierender Künstler bringen sich Wissenschafter selbst in Ausstellungen ein.
Künstler wiederum, die sich - damals wie heute - außerhalb der mitunter recht schrillen Diskurse bewegen, bleiben oft ungesehen. Doch wissend zu schauen: Das wäre der Stellenwert, den Kunst verdiente. Das wäre Erregung. Geistvoll. Zeitgeistlos. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 9./10.6.2012)
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Anhand diverser Kunstbücher und -Theorien kann kein Künstler ein Werk erschaffen, aber Kritiker wunderbar tonnenweise Deutungen schreiben.
Es gibt so viele verschiedene Kunstbegriffe, weil die Kunst in jedem Jahrhundert anders gesehen wurde und lange Zeit nur etwas für Reiche und Mächtige war. Seit der Postmoderne gilt alles als ''Kunst'' und seit den 70ern jeder als ''Künstler''.
Es ist aber offenkundig nicht jeder ein Künstler, obwohl jeder kreativ und schöpferisch sein kann und das auch gefördert werden sollte! Vor allem in einem Land ohne nennenswerte Rohstoffe wie Österreich!
Der Satz ''Kunst ist Geschmackssache'', stammt übrigens von Emanuel Kant und ist bei weitem nicht so geistig flach, wie es obiger Artikel nahe legt.
ähnliche kritik gab es auch zur letzten Documenta vor fünf jahren, bei der ich gewesen bin. auch wenn relativ viel beliebiges ausgestellt wurde, hat der kurator doch -rückblickend gesehen- manches richtig gemacht, z.b. Ai Weiwei einer größeren öffentlichkeit bekannt gemacht oder ein außergewöhnliches kino-begleitprogramm, kuratiert von alexander horvath.
mir fällt eigentlich kein kunst-großereignis der letzten jahre ein, das vorab nicht von der presse zerrissen worden wäre. wer hinfährt und mit offenen augen durchgeht, kann wohl auch dieses mal viel für sich mitnehmen. allzu sehr kann man sich auf die einzelnen werke ohnehin nicht einlassen, also bleiben sowieso meist die sinnlichen eindrücke und nicht die konzepte in erinnerung.
Trotzdem stieß es mir ganz schön auf, als ich ihr Interview in der Zeit gelesen hab. Nicht nur, weil ihre Position von esotherischer Willkür durchtränkt war und philosophisch tut, aber letztlich doch nicht ganz konsequent durchgedacht wird etc. Nicht nur, weil sie die gezeigten Werke damit in ihren Farben färbt, sondern vor allem, weil ich mich frage wie man so jemanden überhaupt in diese Position kommen lässt.
Wenn ich zur Dokumenta gehe, werde ich versuchen diese Frau und ihr Konzept möglichst zu vergessen und den Werken eine Chance geben.
igitt, igitt . . . .
Aber, immerhin:
"Doch wissend zu schauen: Das wäre der Stellenwert, den Kunst verdiente. Das wäre Erregung. Geistvoll. Zeitgeistlos"
Es ginge ja, wenn sie konstant wollte.
Weniger Personal Coaching / Medientraining wäre vielleicht nicht schlecht.
gute kunst trifft den geist der zeit, ohne zeitgeistig zu sein; gute kunst ist modern, ohne modisch zu sein.
und, zum vorposter: trendaffin klingt wirklich wie marktaffin. vielleicht war das von der autorin auch beabsichtigt und beinhaltet kritik?
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