"Die Zahl der von Unruhe getriebenen Eltern wächst"

Interview |
  • "Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit 
in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren 
aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist."
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    "Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist."

  • "Aufmerksamkeit ist zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen."
    foto: privat

    "Aufmerksamkeit ist zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen."

Der deutsche Philosoph Christoph Türcke über die negativen Auswirkungen der neuen Medien und die verlernte Geduld

Handy, Computer, Fernsehen: "Unsere Aufmerksamkeit wird heute ständig hin- und hergeworfen", sagt Christoph Türcke, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Leidtragende seien auch die Kinder. Der deutsche Philiosoph hat ein Buch über hyperaktive Kinder und Jugendliche geschrieben, deren Zahl im Steigen begriffen ist. Für Türcke sind aber nicht die technischen Errungenschaften schuld daran: "Unser Umgang mit ihnen ist das Problem."

Türcke skizziert ein neues Unterrichtsfach namens "Ritualkunde", das dabei helfen soll, die Kinder und Jugendlichen wieder an Wiederholungen und Abläufe zu gewöhnen. Warum dieses Fach dazu beitragen kann, die Zahl der mit Medikamenten behandelten Kinder mit ADHS zu senken, sagte er Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Eine Krankheit, ein Phänomen, eine psychische Störung - was ist ADHS in Ihren Augen?

Türcke: Es ist eine Störung. Zunächst in dem Sinne, dass bestimmte Kinder und Jugendliche ihre Umgebung mehr stören, als man bei ganz normalem kindlichem Bewegungsdrang und jugendlicher Renitenz erwarten würde. Das kann man nicht mehr verbuchen unter: "Das Kind ist halt motorisch lebhaft und in der Trotzphase."

ADHS tritt mittlerweile sehr häufig auf. Manche sagen, das hat es immer schon gegeben - und führen den Zappelphilipp dafür an. Doch gerade der ist eine Figur, die man im historischen Kontext sehen muss. Vieles, was im 19. Jahrhundert - in einer militarisierten Umgebung, wo kleine Jungs im Gleichschritt gehen lernten - als Zappeln galt, gilt heutzutage als ganz normaler Bewegungsdrang.

derStandard.at: Woher kommt diese Störung?

Türcke: Jeder einzelne Fall hat seine eigene Geschichte. Aber alle haben auch etwas Gemeinsames: die Umgebung einer medial hochgerüsteten Gesellschaft. Was aber betreibt die mit unserer Fähigkeit zur Aufmerksamkeit? Nun, unsere Aufmerksamkeit wird heute ständig hin- und hergeworfen - durch audiovisuelle Impulse, durch Bildmaschinen, bei denen jeder Einstellungswechsel ruckartig erfolgt. Der audiovisuelle Ruck ist zu einer Triebkraft geworden. Wir erleben dabei eine systematische Zerstreuung unserer Konzentrationskräfte. Ich nenne das "konzentrierte Zerstreuung" und spreche von einer Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Und die schlägt sich natürlich in der Art und Weise, wie nachwachsende Generationen heute aufwachsen, nieder.

Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist.

derStandard.at: Wie äußert sich das?

Türcke: Sie müssen nur sich selbst anschauen: Sie sind dauernd genötigt, Mails zu checken oder nach neuen SMS zu schielen. Sie sitzen vor dem Computer, der ihnen ständig ruckartig neue Informationen liefert. Das Ganze wird von einer Logik der Unterbrechung getrieben. Deswegen fühlen wir uns auch so gehetzt. Aufmerksamkeit ist aber zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen. Emotionale Besetzung zum Beispiel heißt, bei jemand zu bleiben, auch wenn er physisch abwesend ist.

derStandard.at: Sie schreiben in Ihrem Buch auch von einer Vorlesung, in der sich manche Studenten beschwert hätten, dass sie sich nicht 90 Minuten lang konzentrieren könnten.

Türcke: Das sind neue Phänomene. Vielleicht hat früher schon einmal jemand nicht 90 Minuten lang durchgehalten, aber dass das heute ein Prozentsatz von zehn Prozent - also 50 Leute in einer Vorlesung für 500 Leute - freimütig zugibt und an die hochschuldidaktischen Fähigkeiten des Professors appelliert, er möge sich doch bitte darauf einstellen, das ist neu. Es deutet darauf hin, dass ADHS an der Universität angekommen ist.

derStandard.at: Welche Rolle spielt die Familie? Das ist die erste Instanz, mit der Kinder konfrontiert sind.

Türcke: Das kommt immer darauf an, in welchem Maß die Familie selber von dieser Unterbrechungslogik durchzogen ist. Auch in sogenannten intakten Familien wächst die Zahl der von Unruhe getriebenen Eltern, die - wenn sie einmal Zeit für ihre Kinder haben und mit ihnen spielen - eben mal nachschauen gehen: Ist eine neue Mail da? Im Einzelfall ist das völlig harmlos. Als Daueratmosphäre ist es aber fatal. Elementare Konzentrations-, Vertiefungs-, Vergemeinschaftungsleistungen, die nur Eltern und Kleinkinder gemeinsam erbringen können, werden gefährdet.

derStandard.at: Sind also die neuen Medien daran schuld?

Türcke: Nein. Unser Umgang mit ihnen ist das Problem. Wir sind es, die sie benutzen - in einer ganz bestimmten Gesellschaft. Sie verstärken bestimmte Tendenzen, die die Gesellschaft selber hat. Die mikroelektronische Revolution hat die Grundstrukturen einer kapitalistischen Gesellschaft in eine neue Dimension transformiert. Der Arbeitsmarkt, die Börse, die Konkurrenz: Dies alles artikuliert sich heute über audiovisuelle Maschinen und deren Art, Aufmerksamkeit und Wahrnehmbarkeit zu erzeugen.

Nicht "die" neuen Medien sind schuld. Ich leugne keineswegs deren Errungenschaften. Sie erleichtern vieles, das ist doch wunderbar. Problematisch wird es aber dann, wenn aus diesen Erleichterungen sofort ganze Verhaltensmuster allgemeiner Beschleunigung werden. Wenn sie sich sofort in kürzere Produktions- und Lieferzeiten umsetzen. So verlernt eine ganze Gesellschaft die Geduld. Die Erleichterung wird teuer bezahlt.

derStandard.at: Sie merken in Ihrem Buch dazu an, dass kaum jemand noch pünktlich ist - wegen der Möglichkeit, Termine per Handy zu verschieben.

Türcke: Im Einzelfall ist das wunderbar. Ich kann eben jemandem eine Nachricht schicken, damit er nicht unnötig warten muss. Hochgerechnet auf das ganze gesellschaftliche Verabredungssystem bringt es aber mehr Stress und Unruhe. Ständig werden Verabredungen, die Halt und Orientierung geben, in Frage gestellt.

derStandard.at: Leiden Kinder stärker unter dem Aufmerksamkeitsdefizit als Erwachsene?

Türcke: Mein Verdacht ist, dass das Aufmerksamkeitsdefizit, das man bei den Kindern jetzt so gehäuft feststellt, in vielen Fällen zunächst das Aufmerksamkeitsdefizit ist, das sie als Kleinkinder selber erlebt haben. Ihnen ist auf verletzende Weise Aufmerksamkeit vorenthalten worden. Das zahlen sie gleichsam der Gesellschaft zurück. Die aufmerksamkeitsdefizitären Kinder sind ja welche, die ständig versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie wollen zum Beispiel den Lehrer ganz für sich. Das kann er nicht leisten.

derStandard.at: Sie schlagen aus diesem Grund ein neues Unterrichtsfach vor, die Ritualkunde. Worum geht es dabei?

Türcke: Dazu muss man eines vorausschicken: Rituale sind für mich nicht einfach das Gute. Menschheitsgeschichtlich gesehen sind Rituale ursprünglich blutige Opferdarbringungen gewesen. Erst allmählich haben sich daraus kultiviertere Wiederholungen gebildet. Solche Wiederholungen haben wir überall im Leben. Sämtliche unserer Sitten und Gebräuche, sämtliche unserer Institutionen, sämtliche Grammatiken sind eigentlich so etwas wie Rituale. Zwar ist beileibe nicht alles, was wiederholt wird, gut. Aber ohne die Fähigkeit zur Wiederholung kann sich nichts Gutes stabilisieren.

Was ich nun beobachte, ist, dass die Chance und Fähigkeit zur Wiederholung in unserem aufmerksamkeitsdefizitären Leben dramatisch schwindet. Das Fach Ritualkunde, das mir vorschwebt, ist so etwas wie eine beruhigende Achse. In der Grundschule würde sie dem gesamten Schulunterricht eingezogen. Der ganze Unterricht würde um Aufführungen zentriert, um kleine Theaterspiele. Nicht nur unter der Spezialüberschrift "Darstellendes Spiel", sondern als integrativer Faktor sämtlicher Fächer.

derStandard.at: Was lernen die Kinder durch diese Theateraufführungen?

Türcke: Aufführungen muss man einstudieren; man muss wiederholen. Und jemand, der etwas aufführen lernt, lernt, sich aufzuführen. Im Sinne von: Wie führst du dich auf? Wie benimmst du dich? Dieses alles würde dem Unterricht eine beruhigende und orientierende Gesamtachse geben - ohne dass die Kinder in der Grundschule schon theoretisches Wissen über Rituale haben müssen. Das käme dann erst später hinzu. Als ein eigenes Fach stelle ich mir die Ritualkunde in fortgeschrittenen Klassen vor, so ab dem siebenten Schuljahr. Wenn man kapiert hat, dass sämtliche soziale Strukturen Ritualablagerungen sind, dann kann Ritualkunde zwei beziehungsweise drei bisherige Fächer umgreifen: Sozialkunde und Religionskunde beziehungsweise Ethik.

Ich würde das zu einem großen Fach zusammenfügen, selbstverständlich einem nichtkonfessionellen Fach, aber mit ganz viel Empathie dafür, was "Bekennen" heißt, zu einem Fach, das nahezu Hauptfachcharakter bekommt - ohne dass dafür zusätzliche Stundenzahlen akquiriert werden müssen. Theoretische und praktische Vertrautheit mit Ritualen gehörten ebenso dazu wie die Erörterung der Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit von Strukturen und Wiederholungen. Es wäre natürlich auch ein ritualkritisches Fach.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die Lehrer?

Türcke: Sie müssen sich mit diesem Konzept anfreunden. Ich bin mir sicher, dass viele das gerne ausprobieren würden. Die Grundschullehrer müssten sich dazu eine kleine Archäologie des Rituals aneignen. Das müsste ein integraler Teil der pädagogischen Grundausbildung sein. Sie müssen keine Spezialisten sein, aber wissen, was ein Ritual ist, und die beruhigende Kraft der Wiederholung kennen. Das könnte ihrer eigenen oftmals arg strapazierten Geduld sehr hilfreich sein.

Für die Fachlehrer der Ritualkunde in den höheren Klassen wäre ein neues Ausbildungskonzept nötig. Sie bräuchten religionsgeschichtliches und psychologisches Fachwissen über Rituale, denn sie müssten in der Lage sein, ihre Schüler ritualtheoretisch zu alphabetisieren. Ihnen beibringen, bestimmte Zusammenhänge als Rituale zu lesen.

Der Kult und der Fanclub eines Popstars funktionieren ja nach ähnlichen Regeln wie eine religiöse Gemeinde. Man muss lernen, diese Dinge zusammen zu sehen. Im konkreten Alltag durchdringen sich Sakrales und Profanes an allen Ecken und Enden. Nur in der Schule wird säuberlich getrennt. Hier das "profane" Fach Sozialkunde, dort das "sakrale" Fach Religionskunde. Das ist völlig relitätsuntüchtig. Ritualkunde käme schon vom strukturellen Ansatz her über diese Trennung hinaus.

derStandard.at: In Ihrem Buch kritisieren Sie pädagogische Ansätze wie Wochenpläne: Es gibt Arbeitsblätter, und ein gewisses Pensum muss pro Woche absolviert werden. Was ist daran schlecht?

Türcke: Es gibt kein gemeinsames Bemühen und Vertiefen um eine Sache mehr, sondern jeder macht sein Ding, wann er will. Die Schüler werden gegeneinander isoliert. Die gemeinsame Sache ist kaum mehr eine Kategorie, die den Unterricht bestimmt. Das erschwert die Konzentration und das Vermögen, sich in etwas zu vertiefen. Wenn der eine Wochenplan abgearbeitet ist, kommt der nächste dran. Das gemeinsame Überprüfen, Korrigieren, Besprechen - die Rückübersetzung in Sprache - verkümmert.

Der Wochenplan bringt nicht geistige Freiheit. Er lässt den Kindern nur die freie Wahl, wann sie was machen. Sie haben damit eigentlich nur eine Variante des Arbeitsdrucks, den man zunehmend in der Arbeitswelt hat, auch schon in der Schulzeit.

Ich fürchte, dass damit vor allem die Einübung in die neoliberale, deregulierte Arbeitswelt vorangetrieben wird. Die Schule sollte aber gegen diese Art von Deregulierung eine gewisse Schutzbarriere aufbauen. Noch haben wir so etwas wie gemeinsame Unterrichtsstunden und Unterrichtszeiten. Wenn es erst so weit ist, dass der Schulunterricht ebenfalls als gleitende Arbeitszeit konzipiert wird - wo die Schüler früher kommen, früher gehen können, je nachdem, wie schnell sie ihre Aufgaben erfüllen, etc. -, dann schlägt die Deregulierung voll auf die Schule durch.

derStandard.at: Kann der Ritualkunde-Unterricht tatsächlich dazu beitragen, dass es weniger Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizit geben wird?

Türcke: Nicht nur das, er würde eine Gegenbewegung zur Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur sein. Das gesamte Aufmerksamkeitspotenzial einer Gesellschaft könnte dadurch neu reguliert werden. Es geht nicht nur darum, einen bestimmten Prozentsatz von Kindern mit ADHS-Diagnose zu senken.

derStandard.at: Derzeit werden diese Kinder mit Medikamenten behandelt. Zu Recht?

Türcke: In bestimmten Extremfällen hat man vielleicht keine andere Wahl. Ich breche darüber nicht den Stab. Aber das Medikament ist sicher nicht überall notwendig, wo es verabreicht wird. Es dient vielfach der Bequemlichkeit von Eltern und Pädagogen. In einer Gesellschaft, in der das Aufmerksamkeitsdefizit wirklich als gesamtgesellschaftliches Phänomen bearbeitet würde, käme man mit weit weniger Medikamenten aus. Davon bin ich überzeugt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 12.4.2012)

Christoph Türcke (Jahrgang 1948) studierte Evangelische Theologie und Philosophie in Göttingen, Tübingen, Zürich und Frankfurt am Main. Seit 1993 lehrt er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Verlag C. H. Beck 2012.

Zum Thema: ADHS wird zu häufig diagnostiziert

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sehr guter beitrag! man darf sich beim punkt familie aber die frage stellen in wie weit hier die tatsache mitspielt, dass doch noch vermehrt frauen den erzieherischen part ihrer kinder übernehmen und einer doppel- und dreifachbelastung ausgesetzt sind. "alleinerziehend mit mann" von monika bittl und silke neumayer: http://www.babylog.at/2012/stor... -mit-mann/

Redlich und differenziert argumentiert

Ein für mich sehr bemerkenswerter und guter Artikel. Besonders positiv möchte ich herausgreifen, dass die modernen Technologien nicht verdammt werden. Stattdessen werden sie als das bezeichnet, was sie meiner Ansicht nach sein sollen: Hilfsmittel, mit denen wir unser Leben gestalten können. So dient die Technik dem Menschen, anstatt ihn scheinbar zu beherrschen.

es werden nicht mehr hyperaktive kinder

sondern die gesellschaft hat verlernt kindliches verhalten zu akzeptieren.

ADHS - Alle Dummen haben´s schwer

Es kann nicht darum gehen, etwas als "kindliches Verhalten" zu akzeptieren, was man vorher selbst durch einen verkehrten Umgang mit den Kräften und Talenten in verkehrte Bahnen gedrängt hat.
Ehe wir ständig neu in die VON UNS VERURSACHTEN Fehler eingreifen, sollten wir erst einmal uns selbst beobachten und verstehen lernen. Damit wir nicht durch immer wieder denselben Fehler die Fehlentwickelung ständig auf die Spitze treiben.
In der neuen Ich-kann-Schule heißt ADHS: "Alle Dummen haben´s schwer."
Dass uns ein Philosoph dartauf aufmerksam macht, dass wir mit allem Tun und Nichttun eine - suggestive - Wirkung haben, ist eine echte LERNchance. Guten Erfolg also!
Franz Josef Neffe

Generell ist zu beobachten, dass den Kindern durch einen Mangel an Regeln, Grenzen und Ritualen (und das von klein auf in der Familie) die Möglichkeit genommen wird, psychosoziale Kompetenz zu entwickeln. Sie sind mit der oft zu früh erwarteten Selbstbestimmung überfordert, weil ein stabiles Grundgerüst fehlt.
Überall wird offenes Lernen propagiert, aber den Kindern fehlen jene Selbstkompetenzen, die sie für das Praktizieren brauchen. Die individuelle Förderung geschieht leider sehr stark auf Kosten des sozialen Lernens, was gesellschaftlich gesehen schwerwiegende Auswirkungen habt und noch mehr haben wird...

Wurzelbehandlung

Ein längst überfälliger Schritt, sich die Verursacher von Kindheitsschädigungen anzuschauen.
Viel lieber dokterte man bisher - elternschonenderweise - bei den Kindern rum.

Aufhebung der Trennung von Religiösem und Profanen

kann niemals eine Lösung sein.
Kinder brauchen Strukturen und feste Rituale, das ist sicher richtig. Auf der anderen Seite brauchen sie auch Freiräume, die ihnen in der Leistungsgesellschaft oft nicht gegeben werden. Viele Eltern wollen, dass die Kinder verschiedenste Aktivitäten in ihrer Freizeit ausüben, um nur ja einen geistigen Leerlauf zu verhindern. Dabei ist gerade dieses scheinbare Nichtstun sehr wichtig dafür, dass sich ein Kind entwickelt und auch lernt, etwas mit sich selbst anzufangen ( http://karinkoller.wordpress.com/2011/05/0... dersommer/ ). Wenn Kinder das können, schaden ihnen auch die neuen Medien nicht, davon bin ich überzeugt.

interessant, hier wird etwas als neu entdeckt, was rudolf steiner schon vor hundert jahren bzw. in walldorfschulen, aber auch anderen privatschulen immer schon praktiziert wird.

ob es nun zufall ist oder nicht, aber erstaunlich vieles in diesen interview ist praktisch 1:1 anthroposophischen konzepte abgekupfert - welche man immer wieder belächelt hat. Hab das schon öfters erlebt, gibt man dem ganzen ein neues gewandt, und schon ist es interessant und toll und steht als anerkannt als etwas NEUES im raum.

Aber ich würd mir dennoch 0 hoffnungen machen, dass im öffentlichen schulsystem nur ansatzweise hier jemals was adoptiert wird. Da sind in den letzten 20 jahren nichteinmal absolute rationale und konservative und für jedermann als notwendig erkennbare sturkutränderungen durchzusetzen gewesen. in österreich, no way. jeder der sein kind liebt muss sich selbst um eine vernüftige schulausbildung kümmern.

plato

Was Herr Türcke anwendet ist nach Neil Postman die sogenannte "thermostatische Sicht" (engl: thermostatic view) der Pädagogik.
Die Idee ist, dass Schule gesellschaftlichen Tendenzen, die als unerwünscht eingeschätzt werden, mit pädagogischen Konzepten entgegenwirkt.
Diese Idee stammt aber nicht von Steiner, sondern geht bereits auf Plato zurück!

Nachzulesen in "Teaching as a conserving activity". Neil Postman. Dell Publishing. New York. 1979.

Türcke hat ua. auch den Sigmund-Freud-Kulturpreis der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung verliehen bekommen, es scheint also, als ob er sich in mehr als einer Sparte seiner Disziplinen umgesehen hat und auskennt. Abkupfern würde ich das nicht nennen, wenn jemand die Konzepte und Überlegungen aufmerksam studiert und aufnimmt, die vor ihm von anderen angestellt worden sind.

Vor der eigenen Tür kehren.

Mehr Gleichzeitig – immer weniger Aufmerksamkeit für das Gegenüber.

Nicht neu. Aber man kann nicht oft genug drauf hinweisen.

Soll einmal jeder bei sich anfangen und z.B. aufhören, während eines Telefonats was anderes zu machen.

Oder während eines Gespräches SMS schreiben.

Das ist einfach ein beleidigender Umgang miteinander.

Was bei diesen Debatten über AD(H)S immer wieder ausgeblendet wird:

Betroffene haben zwar meist Schwierigkeiten, sich mit vielen Rahmenbedingungen des täglichen Lebens (Konzentration, Routinetätigkeiten usw.) zurechtzufinden. Andererseits sind dafür andere Bereiche häufig überdurchschnittlich ausgeprägt, wie etwa Kreativität, die Fähigkeit, Dinge oft aus einer anderen Persektive zu begreifen, schnell auf unerwartete Situationen reagieren zu können, oder generell eine Hyperfocusierung auf Themen, die für sie wirklich interessant sind). Leider werden diese Fähigkeiten oft ignoriert bzw. sind in einer übernormierten (Arbeits)welt wenig gefragt, und so entstehen häufig Probleme und Miderwertigkeitskomplexe für Betroffene, die in Suchtproblematik und Depressionen münden können.

Umso wichtiger ist es

dass diese Personen anständig diagnostiziert werden, damit sie sich selber reflektieren und die richtigen Entscheidungen für ihr Erwerbsleben treffen können.

Ah ja, Ist das etwas so ?!?!?!?!!?!?!

ADHS/ADS vs. HSP

Mich dünkt, dass ADHS hier wieder mal hochprofessionell definiert wurde. /ironie off

Fast alle Kinder die hochsensibel sind, eine überdurchschnittliche (emotionale) Intelligenz besitzen, zeigen dieselben "Verhaltensaufälligkeiten" wie ADS oder ADHS Kinder. Die Unterscheidung zwischen den Einzelnen "Diagnosen" ist schwierig und bedarf einer wirklich sehr umfangreichen Testung. Allerdings wird das kaum wirklich gemacht, weil es irgendwie schneller geht, eine Diagnose wie ADHS zu stellen, um wieder mal Ritalin, Zyprexa oder sonst etwas an die Erziehungsberechtigten zu bingen.

Das Schlimme ist, dass wir durch diesen Diagnosen-Fetisch viele Kinder in die falsche Richtung "fördern". Ein Umdenken muss her!

Wer hat da die Störung?

Versuche nicht, Deine Kinder zu erziehen. Sie machen Dir eh alles nach. Wenn ich mir ansehe, wie die meisten Menschen leben und welchen "Werte" sie nachhetzen dann wundert es mich nicht, dass die Kinder "krank" sind. Kinder brauchen in erster Linie Liebe, Nähe und Geborgenheit und sonst nichts. Den Rest reden wir uns ein.

Der spruch ist echt gut und trifft den Punkt genau. Wieder mal was neues gelernt. :-)

(Fast) immer bekomme ich die Walze:

Ich will ja meinem Kind "was bieten"

zu hören. Das Gegenteil von gut bleibt gut gemeint.

Was bieten ist das beste totschlagargument. Wenn man sich die kinder ansieht "was" die gerne machen/wollen sind viel plastikspielzeug zb. an unterster stelle. Meine zumindest spielen/spielten am liebsten mit plastikschüsseln und kochlöffeln aus der küche. Wenn sie grösser waren bekamen sie noch ein paar getrocknete bohnen rein und ich konnte in ruhe, mit hilfe ;)), kochen. Mein 9mon. altes nestscheisserl ist begeisterter wäscheaufhänger. Wäschkorb mit gewaschener wäsche und er sitzt schon drin *g* wir streiten dann zwar meistens um die socken aber das ist der spass wert.
Genauso urlaub: wovon mein mittlerer immer noch schwärmt sind unsere wanderausflüge. Er verplant schon die sommerferien, wer wann mit uns wohin wandern geht ;))

Eltern haben die Wahl:

Ihre Kinder zu bedingungslosen, getriebenen Kosumtrotteln und -sklaven zu "erziehen", dh ihnen das vorzuleben, oder auch nicht.

Da hilft nur mehr eines, noch mehr fernsehen und sich insbesondere sich den aller ärgsten Schrott reinziehen und noch mehr Schrottcomputerspiele konsumieren.

Kinder halten Erwachsenen, va ihren Eltern

in erfrischend schonungsloser Weise einen Spiegel vor.

Wie stehts um Erwachsene/Eltern?

Die Meisten, die ich kenne, müssen ständig arbeiten, konsumieren, verreisen, möglichst Vielen von ihrem Konsum und ihren Reisen berichten...ADHS?

Was spricht gegen das Verreisen?

Sinds neidisch oder wo ist ihr Problem?

>>Was spricht gegen das Verreisen? <<

Prinzipiell nichts; es sei denn, sie hackeln das ganze Jahr wie geistesgestört damit sie mit den Kids im Urlaub in ein All-inclusive-Resort fahren können, nur um sie dort einem Animateur zu überlassen, weil sie vor Erschöpfung keine Energie mehr haben sich ihren Kindern zu widmen.

In diesem Fall wäre es wohl angebracht sich das Jahr über mehr Zeit zu lassen und mehr mit den Kindern zu beschäftigen, sowie den Urlaub entspannt auf einem Bauernhof zu verbringen. Kinder brauchen in erster Linie Eltern mit Zeit für gemeinsame Aktivitäten und keine mit Schnickschnack-Versorger.

real im hier uns jetzt ohne schönreden:

die, die viel aufmerksamkeit an tag legen, sind benachteiligt, denn sie brauchen zu lange für alles. keinen interessierts, und oft verzweifeln sie dann daran und an sich selbst.

die, die in der sekunde leben, nicht einmal 'zeit für sich selbst haben', sind die klaren winner. es sind die, die den job behalten (die anderen werden weggelobt). im endeffekt haben sie zwar null und nichts. kein record vorzuweisen, ausser nur in der sekunde gelebt zu haben. der mensch ist drauf und drann sich selbst zu erübrigen, scheint aber der weg zu sein. indiz: wenn zwei miteinander reden, reden sie eigentlich nur von sich und mit sich selber. austausch? null. wen kümmerts.

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