"Die Zahl der von Unruhe getriebenen Eltern wächst"

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  • "Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit 
in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren 
aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist."
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    "Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist."

  • "Aufmerksamkeit ist zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen."
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    "Aufmerksamkeit ist zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen."

Der deutsche Philosoph Christoph Türcke über die negativen Auswirkungen der neuen Medien und die verlernte Geduld

Handy, Computer, Fernsehen: "Unsere Aufmerksamkeit wird heute ständig hin- und hergeworfen", sagt Christoph Türcke, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Leidtragende seien auch die Kinder. Der deutsche Philiosoph hat ein Buch über hyperaktive Kinder und Jugendliche geschrieben, deren Zahl im Steigen begriffen ist. Für Türcke sind aber nicht die technischen Errungenschaften schuld daran: "Unser Umgang mit ihnen ist das Problem."

Türcke skizziert ein neues Unterrichtsfach namens "Ritualkunde", das dabei helfen soll, die Kinder und Jugendlichen wieder an Wiederholungen und Abläufe zu gewöhnen. Warum dieses Fach dazu beitragen kann, die Zahl der mit Medikamenten behandelten Kinder mit ADHS zu senken, sagte er Rosa Winkler-Hermaden.

derStandard.at: Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit der Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADHS. Eine Krankheit, ein Phänomen, eine psychische Störung - was ist ADHS in Ihren Augen?

Türcke: Es ist eine Störung. Zunächst in dem Sinne, dass bestimmte Kinder und Jugendliche ihre Umgebung mehr stören, als man bei ganz normalem kindlichem Bewegungsdrang und jugendlicher Renitenz erwarten würde. Das kann man nicht mehr verbuchen unter: "Das Kind ist halt motorisch lebhaft und in der Trotzphase."

ADHS tritt mittlerweile sehr häufig auf. Manche sagen, das hat es immer schon gegeben - und führen den Zappelphilipp dafür an. Doch gerade der ist eine Figur, die man im historischen Kontext sehen muss. Vieles, was im 19. Jahrhundert - in einer militarisierten Umgebung, wo kleine Jungs im Gleichschritt gehen lernten - als Zappeln galt, gilt heutzutage als ganz normaler Bewegungsdrang.

derStandard.at: Woher kommt diese Störung?

Türcke: Jeder einzelne Fall hat seine eigene Geschichte. Aber alle haben auch etwas Gemeinsames: die Umgebung einer medial hochgerüsteten Gesellschaft. Was aber betreibt die mit unserer Fähigkeit zur Aufmerksamkeit? Nun, unsere Aufmerksamkeit wird heute ständig hin- und hergeworfen - durch audiovisuelle Impulse, durch Bildmaschinen, bei denen jeder Einstellungswechsel ruckartig erfolgt. Der audiovisuelle Ruck ist zu einer Triebkraft geworden. Wir erleben dabei eine systematische Zerstreuung unserer Konzentrationskräfte. Ich nenne das "konzentrierte Zerstreuung" und spreche von einer Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Und die schlägt sich natürlich in der Art und Weise, wie nachwachsende Generationen heute aufwachsen, nieder.

Es ist ein falscher Ansatz zu glauben, ADHS sei einfach eine Krankheit in gesunder Umgebung. Unser aller Umgebung ist in den letzten Jahren aufmerksamkeitsdefizitär geworden, wie sie das noch nie gewesen ist.

derStandard.at: Wie äußert sich das?

Türcke: Sie müssen nur sich selbst anschauen: Sie sind dauernd genötigt, Mails zu checken oder nach neuen SMS zu schielen. Sie sitzen vor dem Computer, der ihnen ständig ruckartig neue Informationen liefert. Das Ganze wird von einer Logik der Unterbrechung getrieben. Deswegen fühlen wir uns auch so gehetzt. Aufmerksamkeit ist aber zu definieren als die Fähigkeit, bei etwas zu bleiben. Das bezieht sich nicht nur auf Gedanken, sondern auch auf Dinge und Personen. Emotionale Besetzung zum Beispiel heißt, bei jemand zu bleiben, auch wenn er physisch abwesend ist.

derStandard.at: Sie schreiben in Ihrem Buch auch von einer Vorlesung, in der sich manche Studenten beschwert hätten, dass sie sich nicht 90 Minuten lang konzentrieren könnten.

Türcke: Das sind neue Phänomene. Vielleicht hat früher schon einmal jemand nicht 90 Minuten lang durchgehalten, aber dass das heute ein Prozentsatz von zehn Prozent - also 50 Leute in einer Vorlesung für 500 Leute - freimütig zugibt und an die hochschuldidaktischen Fähigkeiten des Professors appelliert, er möge sich doch bitte darauf einstellen, das ist neu. Es deutet darauf hin, dass ADHS an der Universität angekommen ist.

derStandard.at: Welche Rolle spielt die Familie? Das ist die erste Instanz, mit der Kinder konfrontiert sind.

Türcke: Das kommt immer darauf an, in welchem Maß die Familie selber von dieser Unterbrechungslogik durchzogen ist. Auch in sogenannten intakten Familien wächst die Zahl der von Unruhe getriebenen Eltern, die - wenn sie einmal Zeit für ihre Kinder haben und mit ihnen spielen - eben mal nachschauen gehen: Ist eine neue Mail da? Im Einzelfall ist das völlig harmlos. Als Daueratmosphäre ist es aber fatal. Elementare Konzentrations-, Vertiefungs-, Vergemeinschaftungsleistungen, die nur Eltern und Kleinkinder gemeinsam erbringen können, werden gefährdet.

derStandard.at: Sind also die neuen Medien daran schuld?

Türcke: Nein. Unser Umgang mit ihnen ist das Problem. Wir sind es, die sie benutzen - in einer ganz bestimmten Gesellschaft. Sie verstärken bestimmte Tendenzen, die die Gesellschaft selber hat. Die mikroelektronische Revolution hat die Grundstrukturen einer kapitalistischen Gesellschaft in eine neue Dimension transformiert. Der Arbeitsmarkt, die Börse, die Konkurrenz: Dies alles artikuliert sich heute über audiovisuelle Maschinen und deren Art, Aufmerksamkeit und Wahrnehmbarkeit zu erzeugen.

Nicht "die" neuen Medien sind schuld. Ich leugne keineswegs deren Errungenschaften. Sie erleichtern vieles, das ist doch wunderbar. Problematisch wird es aber dann, wenn aus diesen Erleichterungen sofort ganze Verhaltensmuster allgemeiner Beschleunigung werden. Wenn sie sich sofort in kürzere Produktions- und Lieferzeiten umsetzen. So verlernt eine ganze Gesellschaft die Geduld. Die Erleichterung wird teuer bezahlt.

derStandard.at: Sie merken in Ihrem Buch dazu an, dass kaum jemand noch pünktlich ist - wegen der Möglichkeit, Termine per Handy zu verschieben.

Türcke: Im Einzelfall ist das wunderbar. Ich kann eben jemandem eine Nachricht schicken, damit er nicht unnötig warten muss. Hochgerechnet auf das ganze gesellschaftliche Verabredungssystem bringt es aber mehr Stress und Unruhe. Ständig werden Verabredungen, die Halt und Orientierung geben, in Frage gestellt.

derStandard.at: Leiden Kinder stärker unter dem Aufmerksamkeitsdefizit als Erwachsene?

Türcke: Mein Verdacht ist, dass das Aufmerksamkeitsdefizit, das man bei den Kindern jetzt so gehäuft feststellt, in vielen Fällen zunächst das Aufmerksamkeitsdefizit ist, das sie als Kleinkinder selber erlebt haben. Ihnen ist auf verletzende Weise Aufmerksamkeit vorenthalten worden. Das zahlen sie gleichsam der Gesellschaft zurück. Die aufmerksamkeitsdefizitären Kinder sind ja welche, die ständig versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie wollen zum Beispiel den Lehrer ganz für sich. Das kann er nicht leisten.

derStandard.at: Sie schlagen aus diesem Grund ein neues Unterrichtsfach vor, die Ritualkunde. Worum geht es dabei?

Türcke: Dazu muss man eines vorausschicken: Rituale sind für mich nicht einfach das Gute. Menschheitsgeschichtlich gesehen sind Rituale ursprünglich blutige Opferdarbringungen gewesen. Erst allmählich haben sich daraus kultiviertere Wiederholungen gebildet. Solche Wiederholungen haben wir überall im Leben. Sämtliche unserer Sitten und Gebräuche, sämtliche unserer Institutionen, sämtliche Grammatiken sind eigentlich so etwas wie Rituale. Zwar ist beileibe nicht alles, was wiederholt wird, gut. Aber ohne die Fähigkeit zur Wiederholung kann sich nichts Gutes stabilisieren.

Was ich nun beobachte, ist, dass die Chance und Fähigkeit zur Wiederholung in unserem aufmerksamkeitsdefizitären Leben dramatisch schwindet. Das Fach Ritualkunde, das mir vorschwebt, ist so etwas wie eine beruhigende Achse. In der Grundschule würde sie dem gesamten Schulunterricht eingezogen. Der ganze Unterricht würde um Aufführungen zentriert, um kleine Theaterspiele. Nicht nur unter der Spezialüberschrift "Darstellendes Spiel", sondern als integrativer Faktor sämtlicher Fächer.

derStandard.at: Was lernen die Kinder durch diese Theateraufführungen?

Türcke: Aufführungen muss man einstudieren; man muss wiederholen. Und jemand, der etwas aufführen lernt, lernt, sich aufzuführen. Im Sinne von: Wie führst du dich auf? Wie benimmst du dich? Dieses alles würde dem Unterricht eine beruhigende und orientierende Gesamtachse geben - ohne dass die Kinder in der Grundschule schon theoretisches Wissen über Rituale haben müssen. Das käme dann erst später hinzu. Als ein eigenes Fach stelle ich mir die Ritualkunde in fortgeschrittenen Klassen vor, so ab dem siebenten Schuljahr. Wenn man kapiert hat, dass sämtliche soziale Strukturen Ritualablagerungen sind, dann kann Ritualkunde zwei beziehungsweise drei bisherige Fächer umgreifen: Sozialkunde und Religionskunde beziehungsweise Ethik.

Ich würde das zu einem großen Fach zusammenfügen, selbstverständlich einem nichtkonfessionellen Fach, aber mit ganz viel Empathie dafür, was "Bekennen" heißt, zu einem Fach, das nahezu Hauptfachcharakter bekommt - ohne dass dafür zusätzliche Stundenzahlen akquiriert werden müssen. Theoretische und praktische Vertrautheit mit Ritualen gehörten ebenso dazu wie die Erörterung der Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit von Strukturen und Wiederholungen. Es wäre natürlich auch ein ritualkritisches Fach.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die Lehrer?

Türcke: Sie müssen sich mit diesem Konzept anfreunden. Ich bin mir sicher, dass viele das gerne ausprobieren würden. Die Grundschullehrer müssten sich dazu eine kleine Archäologie des Rituals aneignen. Das müsste ein integraler Teil der pädagogischen Grundausbildung sein. Sie müssen keine Spezialisten sein, aber wissen, was ein Ritual ist, und die beruhigende Kraft der Wiederholung kennen. Das könnte ihrer eigenen oftmals arg strapazierten Geduld sehr hilfreich sein.

Für die Fachlehrer der Ritualkunde in den höheren Klassen wäre ein neues Ausbildungskonzept nötig. Sie bräuchten religionsgeschichtliches und psychologisches Fachwissen über Rituale, denn sie müssten in der Lage sein, ihre Schüler ritualtheoretisch zu alphabetisieren. Ihnen beibringen, bestimmte Zusammenhänge als Rituale zu lesen.

Der Kult und der Fanclub eines Popstars funktionieren ja nach ähnlichen Regeln wie eine religiöse Gemeinde. Man muss lernen, diese Dinge zusammen zu sehen. Im konkreten Alltag durchdringen sich Sakrales und Profanes an allen Ecken und Enden. Nur in der Schule wird säuberlich getrennt. Hier das "profane" Fach Sozialkunde, dort das "sakrale" Fach Religionskunde. Das ist völlig relitätsuntüchtig. Ritualkunde käme schon vom strukturellen Ansatz her über diese Trennung hinaus.

derStandard.at: In Ihrem Buch kritisieren Sie pädagogische Ansätze wie Wochenpläne: Es gibt Arbeitsblätter, und ein gewisses Pensum muss pro Woche absolviert werden. Was ist daran schlecht?

Türcke: Es gibt kein gemeinsames Bemühen und Vertiefen um eine Sache mehr, sondern jeder macht sein Ding, wann er will. Die Schüler werden gegeneinander isoliert. Die gemeinsame Sache ist kaum mehr eine Kategorie, die den Unterricht bestimmt. Das erschwert die Konzentration und das Vermögen, sich in etwas zu vertiefen. Wenn der eine Wochenplan abgearbeitet ist, kommt der nächste dran. Das gemeinsame Überprüfen, Korrigieren, Besprechen - die Rückübersetzung in Sprache - verkümmert.

Der Wochenplan bringt nicht geistige Freiheit. Er lässt den Kindern nur die freie Wahl, wann sie was machen. Sie haben damit eigentlich nur eine Variante des Arbeitsdrucks, den man zunehmend in der Arbeitswelt hat, auch schon in der Schulzeit.

Ich fürchte, dass damit vor allem die Einübung in die neoliberale, deregulierte Arbeitswelt vorangetrieben wird. Die Schule sollte aber gegen diese Art von Deregulierung eine gewisse Schutzbarriere aufbauen. Noch haben wir so etwas wie gemeinsame Unterrichtsstunden und Unterrichtszeiten. Wenn es erst so weit ist, dass der Schulunterricht ebenfalls als gleitende Arbeitszeit konzipiert wird - wo die Schüler früher kommen, früher gehen können, je nachdem, wie schnell sie ihre Aufgaben erfüllen, etc. -, dann schlägt die Deregulierung voll auf die Schule durch.

derStandard.at: Kann der Ritualkunde-Unterricht tatsächlich dazu beitragen, dass es weniger Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizit geben wird?

Türcke: Nicht nur das, er würde eine Gegenbewegung zur Aufmerksamkeitsdefizit-Kultur sein. Das gesamte Aufmerksamkeitspotenzial einer Gesellschaft könnte dadurch neu reguliert werden. Es geht nicht nur darum, einen bestimmten Prozentsatz von Kindern mit ADHS-Diagnose zu senken.

derStandard.at: Derzeit werden diese Kinder mit Medikamenten behandelt. Zu Recht?

Türcke: In bestimmten Extremfällen hat man vielleicht keine andere Wahl. Ich breche darüber nicht den Stab. Aber das Medikament ist sicher nicht überall notwendig, wo es verabreicht wird. Es dient vielfach der Bequemlichkeit von Eltern und Pädagogen. In einer Gesellschaft, in der das Aufmerksamkeitsdefizit wirklich als gesamtgesellschaftliches Phänomen bearbeitet würde, käme man mit weit weniger Medikamenten aus. Davon bin ich überzeugt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 12.4.2012)

Christoph Türcke (Jahrgang 1948) studierte Evangelische Theologie und Philosophie in Göttingen, Tübingen, Zürich und Frankfurt am Main. Seit 1993 lehrt er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. Verlag C. H. Beck 2012.

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