Sehr geehrte Frau Maria Rauch-Kallat!

Kolumne |

So weit ist es also mit dem Image der Politik gekommen, dass selbst ein Mann, dessen Integritätswerte im nicht mehr messbaren Bereich liegen, es lieber sehen würde, wenn sich seine Frau von dieser Branche fernhielte

Sehr geehrte Frau Maria Rauch-Kallat!

Auf die Frage, ob er "in seinem Leben alles wieder so machen würde", antwortete Ihr Gatte Alfons Mensdorff-Pouilly vergangenen Sonntag der Zeitung "Österreich": "Eigentlich schon. Nur meiner Frau würde ich bei der Hochzeit sagen: 'Tritt aus der Politik aus!'" Ein bemerkenswertes Resümee für jemanden, der sich selbst als "Häfenbruder" bezeichnet, aller Voraussicht nach noch heuer vor Gericht gestellt wird und von Ihrem eigenen Parteikollegen Klubobmann Kopf nur mehr mit dem kriminalistischen Terminus "Subjekt" bezeichnet wird. So weit ist es also mit dem Image der Politik gekommen, dass selbst ein Mann, dessen Integritätswerte im nicht mehr messbaren Bereich liegen, es lieber sehen würde, wenn sich seine Frau von dieser Branche fernhielte.

Umso wichtiger wäre es, wenn gerade Sie ein Zeichen setzen, dass die Erwartung von Anstand und Sauberkeit in der Politik kein leerer Wahn sein muss. Kurz vor Weihnachten habe ich mit Thomas Maurer und Robert Palfrader in der TV-Sendung Wir Staatskünstler ein Dokument des Revisionsverbandes präsentiert, aus dem hervorgeht, dass Sie von einer Wohnbaugesellschaft 58.000 Euro bekommen hätten, ohne dafür eine erkennbare oder irgendwo dokumentierte Leistung vollbracht zu haben. Laut dem Prüfbericht "wurden mangels detaillierter Leistungsbeschreibung die Notwendigkeit bzw. Nützlichkeit dieser Aufwendung nicht nachgewiesen", ein entsprechender Vertrag wurde "trotz mehrmaliger Aufforderung nicht vorgelegt". Nun rückt das Osterfest immer näher, und wir warten immer noch auf Ihre Beantwortung der Frage: Was war Ihre Leistung?

Das Vorlegen des Vertrages oder diesbezüglicher Unterlagen könnte zur Klärung äußerst hilfreich sein. Oder haben Sie diese, so wie Ihr Gemahl beim 1, 1-Millionen-Euro-Auftrag der Telekom, bereits vernichtet? Laut seinen Angaben hat er dafür 2000 Stunden gearbeitet. Bei vergleichbarem Stundenlohn wären das bei Ihrer Tätigkeit für die Wohnbaugesellschaft rund 100 Stunden Arbeit gewesen. Haben Sie, anders als er, noch Erinnerungen daran, um welche Arbeit genau es sich gehandelt hat?

In einem ebenfalls sonntags erschienenen Krone-Interview meint Ihr Gemahl zur Frage, mit welchen Reaktionen der Öffentlichkeit er im Alltag konfrontiert sei: "'Sie Armer!' oder 'Du Arschloch!' Beides ist für mich okay."

Der sich in dieser Aussage offenbarende Gleichmut beeindruckt, und die in den Fällen Telekom, Tetron, Eurofighter etc. vorliegenden Fakten erleichtern zweifelsohne eine Parteinahme für einen der beiden von Mensdorff zur Auswahl gestellten Meinungspole. In Ihrem Fall jedoch würde eine Grundhaltung nach dem Motto "Ist der Ruf einmal ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert" ungemein mehr überraschen. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass die von Ihrem Mann in diesem Punkt praktizierte Indifferenz auch schon auf Sie abgefärbt hat, hoffe ich nach wie vor, dass Sie mit einer baldigen Beantwortung der offenen Fragen alle Zweifel aus der Welt schaffen können. Und sei es nur zu dem Zweck, damit Ihr Gatte keine Gewissensbisse mehr wegen Ihrer Tätigkeit in der Politik haben muss.

Mit freundlichen Grüßen

Florian Scheuba

(DER STANDARD, 29.3.2012)

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