Ein Hundeleben mit Romney

Kommentar der anderen

Hat denn der Vorwahlkampf der Republikaner derzeit wirklich nichts Substanzielleres zu bieten als diese Vier-Pfoten-Geschichte?

Sicher: Tiere in der Politik sind von jeher ein dankbares Thema. Andererseits: Hat denn der Vorwahlkampf der Republikaner derzeit wirklich nichts Substanzielleres zu bieten als diese Vier-Pfoten-Geschichte? - Nein.

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Habe ich Ihnen eigentlich schon die Geschichte erzählt, wie Mitt Romney einmal nach Kanada fuhr, mit seinem Haushund auf dem Autodach?

Dieser Dog-on-the-roof, ein Irish Setter namens Seamus, ist zu einer Art Polit-Ikone geworden. Man kann keine zehn Schritte tun, ohne ihm über den Weg zu laufen: Es gibt Seamus-T-Shirts, zahllose Seamus-Websites, und vor einer Woche kam die Geschichte sogar auf das Cover des New Yorker, mit Mitbewerber Rick Santorum in der Rolle des Irish Setters.

Neil Swindey, der Reporter des Boston Globe, der die Geschichte 2007 als Erster gebracht hatte, schrieb unlängst, dass er sich hüten werde, das Thema noch einmal anzufassen - aus Angst, dass der Hund eines Tages als Aufmacher für seinen Nachruf verwendet würde - wofür ich vollstes Verständnis habe.

Die Geschichte ereignete sich 1983, als die Romney-Familie sich auf eine zwölfstündige Pilgerfahrt von Boston zu ihrem Ferienhaus nach Kanada begab. Romney, seine Frau Ann und die fünf Söhne fanden im Wageninneren des Kombis Platz, Seamus in einer Kiste oder einer Art Hundehütte auf dem Dach.

Irgendwann einmal auf dieser Reise - möglicherweise als Reaktion auf die Aufregung, zwischen den vorbeidüsenden Sattelschleppern links und rechts da oben wie eine pelzige Maraschino-Kirsche zu schwimmen, bekam Seamus Durchfall. Und Romney, der vor der Abfahrt alle Raststationen festgelegt hatte, blieb nichts anders übrig, als einen außerplanmäßigen Stopp bei einer Tankstelle einzulegen. Dort hieß er die Familie im Auto sitzen bleiben, spritzte Kombi und Hund mit einem Schlauch ab, und zurück ging's auf den Highway.

"Das war ein kleiner Vorgeschmack auf einen Wesenszug, der ihn im Geschäftsleben berühmt machen sollte: emotionsfreies Krisenmanagement", schrieb Swindey.

Ich bitte Sie - klingt das irgendwie vertrauenerweckend? Wählt Mitt Romney, und er wird die Nation auf die Straße in die Zukunft führen. Einige von uns werden auf dem Gepäckträger verstaut sein. Der Rest von uns wird im Fond sitzen, Lagerfeuerlieder singen und auf den Tag warten, an dem er einen planmäßigen Stopp einlegt und uns aufs Klo gehen lässt.

Wie auch immer, wir befinden uns gerade in einer Atempause des Wahlkampfs (bis 3. April), und ich bin bereit, jedwede Seamus-Frage zu beantworten:

Haben Sie diese Episode nicht schon mindestens hunderttausend mal erzählt?

Ich habe mir eine Art Spiel daraus gemacht, Seamus jedes Mal zu erwähnen, wenn ich über Romney schreibe. Und weil der Wahlkampf der Republikaner so elendiglich lang und deprimierend lähmend ist, brauchen wir jede Zerstreuung, die wir kriegen können.

Klingt fast, als hielten Sie das für die wichtigste Sachinformation über ei nen möglichen zukünftigen US-Präsidenten Romney?

Ich würde sagen, dass die Seamus-Geschichte Romney einfach in einem menschlicheren Licht erscheinen lässt. Das ist nicht einfach nur so ein Viertelmilliardär, dem das öffentliche Wohl annähernd so wurscht ist wie Dagobert Duck. Das ist ein echter Mensch. Ist. Ein Mensch, der einst nach Kanada fuhr, mit dem Haushund aufs Autodach geschnallt.

In einer Hundehütte immerhin, oder?

"Die Hundehütte auf dem Gepäckträger ist luftdicht abgeschlossen. Er mag das und klettert immer wieder auf das Autodach", teilte Romney Chris Wallace in einem Fox-Interview mit, das Wallace - ein Hundebesitzer - mit der Frage eröffnet hatte: "Was haben Sie sich dabei gedacht?"

Moment mal, wenn die Hütte luftdicht war, wie konnte Seamus dann atmen?

Ausgezeichnete Frage. Auch irgendwie schwer vorstellbar, dass das Tier andauernd aufs Kombi-Dach zu springen versucht, um dessen Vorzüge zu genießen.

So viel also zu Romney - oder gibt's sonst noch was?

Er hat einmal versucht, die Publicity um Seamus als Anschlag des Tierschützerforums PETA hinzustellen, das ihm damit heimzahlen will, dass er bei den Olympischen Winterspielen in Utah Rodeo-Veranstaltungen zugelassen hat.

Ich wette, Präsident Obama würde Bo niemals auf dem Autodach verstauen?

Ja, das hat Obama in seiner Wahlkampagne auch deutlich her ausgestrichen. Man muss aber dazusagen: Wenn du Präsident der Vereinigten Staaten bist, dann kannst du deinem Hund auch seinen eigenen Helikopter verschaffen, wenn du willst. Ich sollte auch noch erwähnen, dass im Hinblick auf das Thema Präsidenten und Hunde Romney noch zulegen muss, um es mit Lyndon Johnson aufzunehmen zu können, der seinen Beagle einmal vor der Kamera an den Ohren hochhob.

Ist es überhaupt gesetzlich zu lässig, mit einem Hund auf dem Gepäckträger Auto zu fahren?

Chris Wallace hat Romney tatsächlich gefragt, ob er wisse, dass er damit ein Gesetz von Massachusetts übertreten habe, das Grausamkeit an Tieren verbiete. Mitt hat daraufhin auf seine typische Hähähä-Tour Unwissenheit vorgeschützt.

Das Gesetz ist tatsächlich sehr vage formuliert. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass ein Aktivist der Gruppe Hunde gegen Romney, der bei einer Protestaktion mit einer Seamus-Attrappe auf dem Gepäckträger durch Colorado fuhr, von der Polizei angehalten wurde.

Ich habe ein Gerücht gehört, dass Seamus davongelaufen ist, als die Familie in Kanada ankam?

Und um Asyl ansuchte? Die Schwester von Mitt Romney erzählte Swindey, dass der Hund zu streunen begann und dass sie ihn zu sich nach Kalifornien nahm, wo er mehr Auslauf hat. Sie gab dem Globe auch ein ganz süßes Foto von Seamus, wo er mit ein paar Kätzchen schmust.

Hat Romney zurzeit einen Hund? Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen Seamus II im Weißen Haus sehen möchte.

Romney sagt gelegentlich: "Wir lieben unsere Haustiere. Hähähä." Das Romney-Lager hasst es, über seamusaffine Themen zu sprechen. Hinweise auf einen aktuellen Haushund gibt es nicht. Sollte es allerings einen geben, will ich mir gar nicht erst vorstellen, welcher Reisekomfort dem Tier blüht, wenn die Romneys im Wahlkampf von Station zu Station düsen. (DER STANDARD, 24.3.2012)

Gail Collins, Jg. 1945, ist Kolumnistin der "New York Times".

Erstveröffentlichung: "New York Times";
Übersetzung: Elisabeth Loibl

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